Nouvelle vage.

Waschmaschine läuft. Handwaschgang. Die Suche nach Herbstzeitlosen scheitert an hektischen Armbewegungen. Draußen, wie plötzlich angestellt, Kinderstimmen: in die Pause ploppende Schüler. Gestern die Frage, was mich inspiriert hätte und meine Überlegung, wie oft Schlüsselmomente verstreichen und ihre Türen mitnehmen. Nachlässige Antennen? Oder überbeschäftigte. Je größer die Anspannung, desto mehr tröstende Tiere stellen sich bei mir ein. Keines davon real: bin zu oft weg. Gestern Woody Allen aus meinem Adressbuch gestrichen. Der Mann beleidigt die Künstler. Grottenschlecht, dieser Parisfilm, reines Namedropping ohne Herz und Verstand. Der Mann ist zum Ausstatter seiner selbst mutiert. Unverschämtheit. Mein Gehirn wurde während der Nacht anscheinend auf Steno geschaltet, ich werd‘ noch nicht schlau aus den Kürzeln. Macht nichts, bliebe eh lieber diffus heute.
Guten Morgen, geschätzte Leser:innen.

10 Gedanken zu „Nouvelle vage.

  1. Liebe Frau Kiehl,

    Sie haben recht. Sie gehen den Weg zu weit dennoch. Ich bin Ihrer Meinung: „Midnight in Paris“ – allzu leicht. Schmerzlich vermisst die geniale Eleganz von „Vicky, Christina Barcelona“, vergeblich gehofft auf die Wucht und sex-soaked Raffinesse von „Matchpoint“.

    Jedoch zwei Bemerkungen:

    Name-dropping, Hemingway. Aber der sagt zum blonden Schriftstellerhelden: „Ich werde den Roman nicht lesen, er ist schlecht. Er ist schlecht, weil ich mich über ihn ärgern würde. Denn entweder ist er nicht gut – dann ärgere ich mich über die verschwendete Zeit. Oder er ist besser als mein Roman – dann ärgere ich mich darüber noch viel mehr.“
    Der Schriftstellerkollege ist ein schlechter Ratgeber für die Beurteilung des eigenen Textes.
    Gerade erlebt. Sollte man sich nicht so zu Herzen nehmen. Hat Gründe.

    Es ist nicht irgendeiner, über den wir reden. Es ist Woody Allen, einer von uns – heißt: Mit ihm ist man aufgewachsen, heißt: Er ist „Manhattan“ – und Brooklyn Bridge ist ohne ihn schwer vortellbar, und jüdisch-amerikanische Ostküsten-Intellektuelle auch nicht (bis Louis Begley kam). Und erinnern Sie zufällig noch die Casablanca-Parodie oder den zauberhaften, chamäleonesken „Zelig“? Falls ja – …………………………

    Wenn Sie noch wollten, ich hätte die Adresse noch. Ich erinnere mich an einen Auftritt mit seiner Band im Tempodrom. Klein, bescheiden, schmächtig, schüchtern, und ein Saxophonspiel, von welchem die Seele zerschmolz. Eine Aura ging von ihm aus wie kaum von einem zuvor, und dennoch: Klein, bescheiden, schmächtig. Und ein Saxophon.
    D a s müssen Sie erst einmal hinkriegen, wenn Sie so heißen wie der.

    Liebe Phy, seien Sie doch nicht immer so zornig.

    Beste Grüße

    NO

    • Lieber NO, Midnight in Paris ist wie ein mit Natreen gesüßter Kunstkuchen, da kann ich nicht ruhig bleiben. Ich habe nichts gegen Charme, hatte mir von diesem Film eben solchen erwartet. Meinetwegen auch romantische Verklärung. Aber nicht dieses banale Ausschlachten von Künstlerorganismen: der Zuschauer bekam nur Herzen serviert, der Rest landete – wo auch immer.

      Nein, es ist nicht irgendeiner, über den wir sprechen. Eben deswegen war ich ja so dégoutiert. Das interessantere Skript, beispielsweise, wäre e i n e Konfrontation gewesen. Mit Gertrude vielleicht. Und ein wachsender Einfluss, anschwellende Gespräche, einsickernde Erkenntnisse. Ein Entwicklungsfilm: wie die Begegnung mit einer starken weiblichen Künstlerpersönlichkeit sich auf diesen jungen Amerikaner ausgewirkt hätte, der im realen Leben mit so einer Nullnummer liiert ist. (Warum eigentlich?) Stattdessen: Augenaufreißen des Jungschriftstellers angesichts der Berühmtheiten, und wieder, und wieder.
      Klar, das wäre ein ganz anderer Film geworden.
      Aber allein die Vorstellung: dass der Amerikaner glaubt, seiner Schickse näher kommen zu können, indem er sie mitnimmt in seine Zeitblase. Das war wirklich grob gelötet. Überhaupt – die Vorhersehbarkeit.

      Schriftstellerkollegen mögen schlechte Ratgeber sein, aber sie sind real. Sie sind Training. Man lernt, widersprechend, die eigene Linie zu behaupten.
      Woody Allen ließ seinen Helden als Reaktion auf seine fiktiven Kollegen kein einziges eigenes Gedänklein ausspinnen.

      Lieber NO, es ist ein Vergnügen, manchmal zornig zu sein.

      Beste Grüße zurück

      PHY

    • Ich weiß gar nicht so recht, wie ich darauf komme, diese Stelle aus dem wunderbaren Roman ‚Atomstation‘ von Halldór Laxness zu zitieren, denn ich beziehe mich keineswegs auf den oben genannten Film. Im besagten Buch jedenfalls heißt es (auf S.24 der Steidl-Taschenbuchausgabe von 1992; diesmal also kein Romananfang): Er sagte lächelnd: Es ist ein Merkmal großer Kunst, daß der, der nichts kann, glaubt, er könne das selber machen – wenn er dumm genug wäre.

    • The Moderns Es gibt d e n Film zu Paris und Hemingway und Stein/Toklas schon: „The Moderns“ von Alan Rudolph. Kein perfekter Film. Aber mein Film. Für Paris. Und die Liebe. (Ich bin in Paris immer glücklich gewesen.)

      Allens Film habe ich nicht gesehen. Morel war drin. Sightseeing. Ganz schön (süß?), sagt er. Vielleicht ist das ein Männer-Frauen-Ding, Phyllis? Mich hat fast der Gesichtsausdruck vom Morel wütend gemacht, als er aus dem Allen-Film kam. Da war so was – „grob gelötetes“, so was von: die Hand ausstrecken und „Baby“ sagen. Nee. NO?

    • @MelusineB Supertipp, danke. Den kenne ich nich nicht.
      (Apropos Tipp: begann gestern, die Serie zu schauen, die Sie vor langer Zeit mal empfohlen haben: „ReGenesis“. Lässt sich gut an!)

      Ja ich glaube, meiner Aggression gegenüber dem neuen Allen bin ich noch nicht vollständig auf den Grund gegangen. Männerfrauen, mag sein, allein die Besetzung von Gertrude, so sehr ich die Schauspielerin schätze, aber in d e r Rolle ist sie absolut fehl am Platz. Fand ich. Der Amerikaner war auch naiver, als die Polizei erlaubt. Vielleicht hätte es als Stummfilm funktioniert…
      Und, klar, Paris. Auch meine Stadt. Immerhin hab‘ ich da meinen ersten Kuss bekommen. Zu einem Zeitpunkt, als ich noch nicht mal wusste, dass man dazu die Zähne auseinander machen muss.

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