Bedeutungslüstern, erster Anlauf

Bin noch etwas nachdenklich. Nach den gestrigen Querelen, an denen ich gar nicht teilhatte, deren Konsequenzen ich aber als “Hausherrin” nachts zur Kenntnis nehmen musste.

Die oft beklagte Kommentierunlust der Leser:innen, die “Klappe zu, Affe tot” – Gesten der Netzhasser:innen, die immer wieder versuchen, unsere Intelligenz (ja, auch Ihre!) in die Kiste zu treten, das schleichende Verschwinden des Enthusiasmus (… statt “Bloggen” endlich “was Vernünftiges” machen) … mir ist dieser Kurs zu resigniert!

Und ich hab’ auch lieber drei schreibende Hitzköpfe im Atelier als dreihundert schweigende Buddhas.

Ich w i l l im Netz sein. Es ist kein Ersatz für irgendetwas.
“Zu wenig Publikum”? Ja, was denken Sie denn, wie viel Publikum man so bei Lesungen hat? Oder bei Ausstellungen? Ich spreche ja nicht von Lady Gaga. Ich spreche von einer relevanten Zahl relevant intelligenter Leute, die ihr Ding machen, gemacht haben und auch weiterhin machen werden. Die (please count me in) spielen vor kleinerem Publikum.
S o w h a t ?
Mit welchem Maß messen wir den Erfolg unseres Wirkens im Netz?
Falsche Frage.
Mit welchem Wirken haben wir messbaren Erfolg?
Nein, wieder falsch. Jetzt aber:
Was, zum Henker, ist eigentlich daran auszusetzen, maßlosen Erfolg im Netz zu haben?
(*hüstelt*)
Hey, allerseits. Lassen Sie sich bloß nicht melancholisieren. Dann doch lieber Bedeutungslüsternheit für alle, verdammte Hacke.
Weitermachen!

Herzlich Ihre

Miss TT

Adieu, Praxis Dr. Schein

Geschätzte Leser:innen,

neben allem Guten, Katastrophalen und Neutralen, das unser Planetchen heute im Newsflash zu berichten hat, gibt es eine Tatsache, die ich nicht unerwähnt lassen möchte: morgen schließt >>> Dr. Schein seine Praxis. Ich nehme an, er hat die Faxen dicke. Wer kann’s ihm verdenken? Die Sinnstifterei im Netz fällt einem ja nicht einfach so zu, schon gar nicht auf seinem Niveau. Gutes Bloggen braucht Zeiiiit. Oder liegt’s wirklich am Geld, wie er drüben schreibt? Wer weiß, vielleicht haben auch die Freunde gemeckert, oder die Angetraute. Keine Ahnung, ob eine solche existiert; ich kenne den werten Doc nicht persönlich. Aber er zählt zu jenen Netznachbarn, die ich immer gerne besucht habe. Sein Abschied aus der Praxis – so er denn tatsächlich wahr werden sollte – ist mir keineswegs egal, seine geistreichen Beiträge brachten mich manches Mal zu Schmunzen und Nachdenken, auch zum nachdenklich schmunzeln. Einmal hab’ ich wirklich laut aufgelacht: das war, als er das letzte (oder vorletzte?) Mal ankündigte, die Praxis dicht machen zu wollen. Jemand schrieb irgendwas Labbrigsülziges untendrunter. Er schrieb zurück, wenn es eines gäbe, das ihm den Abschied aus dem Netz leicht mache, dann die Tatsache, den Quark ebendieser Person nicht mehr lesen zu müssen. Ganz schön markig – da ist Pfeffer unter dem zivilisierten Schein.
Ich überlege schon seit seiner Ankündigung, ob wir versuchen sollten, ihn zum Weitermachen zu überreden. Aber mit welchem Argument? Wenn ihn der Drang verlassen hat, soll er aufhören. Für mich ist seine Praxis ja ein Stück Netzheimat. Vertrautes Revier, schlagfertige Menschen, die Kommentarfolgen an manchen Tagen freundlich plätschernd, an anderen sehr konzentriert – grad’, wie man’s mag, so als Blogweltenbummler:in. Meine Güte, mir ist eben, als ob das coole Café nebenan zumachen würde.

Mein Programmierzauberer erzählte kürzlich, die Zugriffszahlen auf Twoday bei den Blogs wären insgesamt schwächer geworden, das läge an der schlechten Performance der Plattform. Na, denke ich, vielleicht liegt’s auch daran, dass die Schreibenden Besseres zu tun haben. Mir beispielsweise geht das Genöle auf den Wecker, mit der die Medien seit gefühlten zehn Jahren die schlechte Qualität der Weblogs monieren. Und die Existenz literarischer Weblogs wird schlichtweg ignoriert – Rainald Goetzens längst stillgelegtes Tagebuch mal ausgenommen. Mir aber fallen auf Anhieb mindestens zehn Weblogs von Autor:innen ein, die beständig auf hohem Niveau arbeiten. Ach was, zwanzig. Und ich bin nicht einmal die große Forscherin, was diese Zusammenhänge anbelangt. Wäre schon gut, jemand machte sich mal die Mühe und recherchierte und schriebe einen ausnahmsweise angemessenen Artikel zum Thema literarischer Positionen im Netz. Als Anfangspunkt könnte man prima die >>> Litblogs – Seite hernehmen, allein dort sind schon eine ganze Menge interessanter Köpfe vertreten.

Ah, immer diese Abwertungen der Blogs. Anstatt sich zu freuen, dass zunehmend mehr Menschen sich die Zeit nehmen, die Vielgestaltigkeit unser aller Hirne sichtbar zu machen (ob nun literarisch oder einfach privat, damn it), wird immer nur über deren vermeintliche Egomanie gegreint. Das ist, als hätte man einen Eintopf vor sich stehen und würde sich weigern, den Löffel reinzutunken, weil oben nur klare Brühe mit ein paar Fettaugen zu sehen ist. Man muss eben stochern.
Genug erst einmal. Muss an die Lohnarbeit.
Ein Bild noch, für Dr. Schein. Er kann’s auch behalten, falls er sich seinen Abschied doch noch einmal anders überlegt ; )
Shine on, Doc.

“Back to Basics”

01:14
Komme eben nach Hause und lese die Stimmen, die sich hier erhoben haben. Reichlich Temperament heute im Atelier – schade, ich wär’ gerne dabei gewesen. Na, nächstes Mal wieder. Gute Nacht, allerseits.

Miss TT fasst sich ein Herz

„Wie läuft es denn so?“ schreibe ich. „Verkauft sich Fettberg gut, oder muss ich mich erst öffentlich ausziehen?“
„Tu’s!“ schreibt die Verlegerin zurück.

Ihr Augenzwinkern (und meines) hin- oder her: was für eine merkwürdige Zeit. Mein erster Roman ist auf dem Markt! Was kann ich noch für ihn tun, jetzt, nachdem er flügge ist? Ich habe etwas in die Waagschale geworfen, nun soll das Buch auch gekauft und gelesen werden – oder ist das zu viel verlangt angesichts der Schwemme von Neuerscheinungen? Sollte ich mehr öffentliche Lesungen machen? Den kleinen Verlag in seinen Werbemaßnahmen besser unterstützen?
Diejenigen, die direkt auf mich zukommen, sind sehr angetan.
„Ich habe es nicht aus der Hand legen können!“ sagte ein neuer Geschäftspartner vorgestern Abend. „Kompliment, Frau Kiehl. Das Buch ist spannend. Schräg. Und die Namen Ihrer Figuren – die mag ich besonders. Rehlein beispielsweise.“
„J u s t u s Rehlein“ sage ich.
„Der Gerechte…“ grinst er.
Sein offenes Interesse sagt mir, dass wir gut zusammenarbeiten werden. Überhaupt läuft im Bereich der Lohnarbeit alles reibungslos. Ich werde beauftragt, lege gute Leistung vor, die Leistung wird gewürdigt und honoriert. Ich liebe solche einfachen Kausalzusammenhänge. In der Kunst gibt’s die nicht. (und das ist auch gut so)
„Wie lange hast Du gebraucht für den Roman?“ fragt die Assistentin des Geschäftsführers, die neben uns steht.
„Die Rohfassung entstand während meines einjährigen Atelierstipendiums in Paris“ sage ich. „Die wurde publiziert, als szenisches Skript, von einem französischen Verlag. Vor zwei Jahren beschloss ich dann, mich noch einmal dran zu setzen und Fettberg als Roman auszuarbeiten. Ich wollte vor allem, dass er auf Deutsch vorliegt.“
„Mir hat er auch sehr gefallen“ lächelt sie. „Hab’ ihn in einer Nacht durchgelesen, das letzte Stück noch im Zug auf dem Weg ins Büro, weil ich unbedingt wissen wollte, wie er ausgeht.“
„Genau so hab’ ich mir das vorgestellt“ sage ich.
„Aber ist es nicht irgendwie unverhältnismäßig, man schreibt jahrelang an einem Buch, und dann lesen es die Leute einfach so in einem Rutsch durch?“ fragt sie.
„Ist wie beim Essen“ kommentiert mein Begleiter. „Man kocht stundenlang, und die Gäste schieben es sich innerhalb von Minuten rein.“
Wir lachen. Und ich wundere mich ein bisschen, wie selten ich auf die zweite Ebene meines Romans angesprochen werde. Auf den Hunger. Den physischen, seelischen, geistigen, gesellschaftlichen, den überbordenden Hunger und die Fragen, die er aufwirft. Fettberg ist mehr als ein schräger Thriller. Seine Fragestellung betrifft uns alle, er spielt auf dem Schlachtfeld, auf dem sich der eigene Hunger gegen die immer gewiefteren Eindämmungsmaßnahmen der Gesellschaft auflehnt.

Eben schüttelt der Morgen sein Regenkleid ab; nur hin- und wieder noch das Geräusch eines Blattes, das sich seiner Wasserlast entledigt. *plitsch*
Die Tauben gurren aus Leibeskraft.
Ein guter Tag, um meinen Roman zu bestellen, geschätzte Leser:innen!

Lächelnd, Ihre
Miss TT

Rückkehr des Gesellen

Sie erinnern sich:
Im Herbst letzten Jahres war er auf der Holzterrasse >>> ohne die üblichen Vorkehrungen in Schlaf gefallen und wurde mütterlicherseits in eine Auffangstation eingeliefert. Nun ist er, wenngleich noch etwas misstrauisch dreinblickend, zurück im Garten. Ich berichte das, weil damals doch einige von Ihnen, geschätzte Leser:innen, an seinem Schicksal Anteil nahmen. Seine Zukunft ist einen weiteren Sommer lang gesichert, hoff’ ich.

Ansonsten nichts Neues im Südwesten. Der Himmel hat sich zugezogen, Nieselregen, Nacktschneckenwetter. Bin selbst etwas trüb. Wer Sonnenstrahlen zu verschenken hat, her damit!

xxx

Miss TT’s Schreibtischdada

“So, dann woll’n wa ma.”
“Nutzt ja nüscht…”
“Wat mut, dat mut.”
“Frey nach Schnauze!”
“Oben hui, unten pfui?”
“Wenn schon, denn schon!”
“Da beißt die Maus keen Faden ab.”

“Bin aber Kamikatzeschreiber…”
“Kaze, Du Idiot!”
“Ooch, ich dacht’ immer Katze.”
“Kannste ma’ sehen.”
“Guck, wie das tippt hier!”
“Lässt wohl nix anbrennen…”
“Koch’ auch nur mit Wasser.”

“Feuer und Flamme aber.”
“Immer!”
“Manchmal langt Larifari.”
“Mir nich’.”
“Dann komm’ zu Potte jetz’.”
“Wohin?”
“Zu POTTE!”
“War ich schon.”

“Sach ma’…”
“Was’n?”
“Kannste auch anders?”
“Wie denn?”
“Na, ins Reine.”
“Schreiben? Nee. Hab’ Dreck am Stecken.”
“Umso besser, kommste weit damit…”
“Auch wieder wahr.”