Blick zurück nach vorn

Interessante Etappe gerade. Erst Paris, dann die Operation, das Kloster … mein roter Faden entwickelt sich langsam zum Gummiband. Habe ein Buch über Labyrinthe gekauft. Im Kloster gab es eines, nein, nicht das Buch, sondern ein Labyrinth, ins Gras geschnitten, das mit nackten Füßen abzulaufen war. Bloß nicht über den Rand treten.
Regeln.
In Vorbereitung einer der Schreibübungen, die ich für mein morgen beginnendes Seminar (in Kiel diesmal, juchhei) entwickelt habe, habe ich Regeln gesammelt – von Fitnesscoaches, Künstler:innen, Psycholog:innen …
Was die Jugendlichen damit machen werden? Kann ich noch nicht verraten – einige sind immer neugierig und googlen meinen Namen, bevor das Seminar beginnt, denen möchte ich die Überraschung nicht verderben.

Bin sehr still dieser Tage, nach innen gekehrt. Konzentriert. Die angewandte Seite meiner Arbeit läuft wie am Schnürchen, alles ist vorbereitet, viele neue Seminar-Ideen der letzten Monate sind in Übungen umgesetzt, die bereits abgehaltenen bekommen gute Rückmeldungen. Und mal wieder hat sich ein junger Mann in mich verknallt. “Der redet nur noch von Dir” sagte der Projektleiter gestern beim Meeting und grinste. Ich schick’ dem Jüngling in Gedanken ein Lächeln.

Meine künstlerische Arbeit findet derzeit hinter verschlossenen Türen statt. Nicht mal ich selbst kann sie öffnen!
Aber ich horche. An der Klinke rütteln hilft nicht, das hab’ ich probiert, also bleibe ich im Vorraum und warte auf den Klick.

Manchmal erinnere ich mich an die Komplizen von früher. Wie wir gelacht haben : )

Unter meinen Füßen ist Ruh’

Das Gehen.
Fünf Uhr morgens. Ich trete zum Fenster, fasse den Stab, schiebe das schwere gewebte Tuch zur Seite, es gleitet fast von alleine auf seiner Schiene. Noch dunkel.
„Wir werden ins Schweigen gehen“ hatte die Frau mit dem weißen Haar an unserem ersten Tag gesagt. Was wir wissen müssen, steht auf Blättern und Schildern; es gibt keinen Grund zu sprechen. Das lange Tuch, das um ihre Schultern bis zur Mitte ihrer Oberschenkel hängt, gerät den ganzen Tag über nicht in Schwingung. Sie zupft nie etwas zurecht.
Als sie das erste Mal im Raum die Schale anschlug, deren Ton die reglosen Zeiten bestimmt und beendet, liefen mir bis zum Abend Tränen der Erleichterung über das Gesicht, weil endlich still war. Das Schweigen: lang gesuchte Freundin.

Mein Fenster ist schmal und hoch.
Jeden Morgen, wenn ich hinausblicke, sind sie bereits da, und jede Minute werden es mehr. Unten im Hof. Sie laufen in weitem Kreis zügig um den Brunnen, lautlos, niemand stockt, niemand schaut auf, niemand grüßt. Ich kleide mich, gehe langsam die Treppen zu ihnen hinunter, beschleunige den Schritt, der Kreis saugt mich ein.
Ab und an tritt jemand aus dem Gebäude und schlägt das Holz. Wenn das geschieht, bleibt man stehen und verneigt sich. Ich weiß nicht, vor wem oder was ich mich verneige, doch das ist nicht schlimm. Wir beugen die Oberkörper mit aneinandergelegten Handflächen, sehen aus den Augenwinkeln, wie die Gerufenen den Kreis verlassen, um in ihren Raum zu gehen, wir aber nicht. Die Weißhaarige hat gesagt, frühmorgens im Hof gelten die Hölzchen nur für die anderen.
Am ersten Tag hat sie noch viel erklärt. Inzwischen genügt uns ein Neigen ihres Kopfes, eine leichte Bewegung ihrer Fingerspitzen. Wenn sie nach einer halben Stunde schnellen Gehens um den Brunnen anhält, um die Übungen zu beginnen, spüren wir ihr Innehalten schon Sekunden vorher.
Dann grüßen wir, schweigend, mit den fließenden Bewegungen, die sie uns zeigt. Jeden Stein, jedes Blatt, jede Schnecke, jeden Partikel, der auf unsere Haut trifft, die nun langsam in den sich aufhellenden Morgen einsetzenden Geräusche, das Wasser im Brunnen, den Himmel, die Sonne, den Boden, auf dem wir stehen. So viele Sachen habe ich in meinem ganzen Leben noch nie auf einmal begrüßt. […]

Unterschlupf

Ich werde das bleibende Thier mitnehmen. Und einen Talisman gegen das Thier.
Ich werde einen kostbaren Satz mitnehmen und einen, der ihn zunichte machen kann.
Mein Lächeln werde ich mitnehmen, aber Sanssourir wird mich begleiten.
Einen geflochtenen Korb nehme ich mit, in dem alles verschwindet, das man hinein legt und einen leeren Füller.
Man schweigt dort, also werde ich lauschen.

Geschätzte Leser:innen, ich ziehe mich für vier Tage zurück.
Das Atelier bleibt offen; der Schlüssel, wie immer, liegt unter der Matte.
Ich bin jetzt schon glücklich und es ist mir jetzt schon schnuppe, ob das kitschig klingt.

Bis nächste Woche!

Phyllis

Besch(n)eiden

Wie wird aus dem Wünschen ein Wollen und wie formt man dieses zum Werkzeug?
Viele Gespräche mit Künstler:innen in den vergangenen Tagen. Was, wenn der Weg weg ist?
Was, wenn das Revier zu klein geworden ist, unmerklich, um die Lockung zu spüren, die uns in jüngeren Jahren hungrig auf die Bühnen trieb?
Wahrscheinlich ist es nicht die (ewig von Anderen bemängelte) Selbstüberhebung, die unserer Arbeit, unserem freien Denken zur Gefahr wird, sondern die Bescheidenheit.
Das allmähliche Zurückschneiden auf krisenfeste Formen. Überlebenspakete.

Später mehr. (Muss erst einmal die Arbeit tun, die mein Überleben sichert ; )

Wildwuchs

“Bei Dir war ja mal wieder ganz schön was los; ich neide Dir das ein wenig. Wie Du dafür nur ein paar Sätze brauchst, eine Schnecke, eine kleine Zeichnung.”
Ich sage nicht, was ich erwidert habe. Ich schreibe aber, dass es noch nie fair war. Nichts. Nichts war je fair, wo Leute impulsiv reagieren, Zuneigung verschenken, sich mit deiner Arbeit identifizieren, über kleine oder größere Gesten.
Künstlerische Arbeit ist nie das, was belohnt wird. Nur ihre Auswirkung. Wenn sie nicht wirkt, gibt’s keine Belohnung, ganz unabhängig davon, wie brilliant sie ist, wie viel Lebenssaft in sie geflossen ist, Kraft und Überzeugung und Verzicht. Schließlich handeln wir ohne Auftrag, oder? Denn falls es doch einen gesellschaftlichen Auftrag geben sollte, falls es tatsächlich eine Mehrheit dafür gäbe, dass Künstlerinnen und Künstler gebraucht werden, und zwar nicht nur die genialen, er wäre das Papier nicht wert, auf dem er stünde.
Wir wollen alle dazugehören, selbst jene wollen es, die lieber ihre Zunge verschlucken würden, bevor sie das zugäben. Wir wünschen uns, dass unser Einsatz messbar wäre: wer viel einspeist, bekommt viel zurück, wer Geniales einspeist, bekommt geniale Reaktionen. Die Dinge aber, die ich bekommen habe für meine Taten, habe ich mir nie verdient. So fühlte es sich nie an. Ich habe mir, als Künstlerin, noch nie ein Recht erworben. Ich habe noch nie in Kategorien von Rechte erwerben gedacht. Ich habe immer etwas ausgesetzt, das eigen war und ging davon aus, jemand würde sich daneben legen, Haut an Haut.

„Ich bin auf dem Weg in den größeren Maßstab“ erzähle ich. „Das ist mein nächstes Ziel. Ich möchte Biographien begleiten, ich möchte einen Ort haben, an den sie zurückkehren können, auch nach langer Zeit. Die jungen Menschen, mit denen ich arbeite. Ich möchte säen und nachspüren, ob die Saat aufgeht und welche Früchte sie trägt und jenen, die brach liegen, einen Ort geben, an dem auch Brachland einen besonderen Wert hat. Nicht nur Leistung, nicht nur Bereitschaft. Sie haben Angst vor Lücken, sagen sie. Lücken im Lebenslauf. Man redet ihnen ein, es dürfte keine Lücken geben. Ich bin anderer Meinung.“
„Aber Du hast nicht viele Möglichkeiten, darauf Einfluss zu nehmen.“
„Noch nicht. Um die zu haben, muss ich eine Adresse werden. Eine Referenz. Ein Ort, an dem Dinge mit großer Selbstverständlichkeit möglich sind, ein Ort, der Wachstum und Vermischung in Gang setzt. Ich weiß nur aus Erzählungen, wie es ist, wenn allein der eigene Nachname, den man am Telefon ausspricht, am anderen Ende eine Tür verschließt.“

Ich will nicht die nächsten zwanzig Jahre Workshops geben. Es geht mir nicht wirklich um das Schreiben, es ist nur eines von vielen Mitteln zur Ingangsetzung. Es muss einfach Menschen geben, die jüngeren Menschen glaubhaft klar machen können, dass ihre Leistungsbereitschaft keine Garantie dafür darstellt, dass sie geachtet und geliebt werden. Ich kenne so viele, die sind achzehn und haben keinen blassen Schimmer davon, was in ihnen steckt. Fragt man sie, was ihre Stärken sind, sagen sie, ich bin hilfsbereit und ich kann gut zuhören. Ich lasse meine Freunde nicht im Stich. Ich bringe Andere zum Lachen. Alles schöne Eigenschaften. Alles welche, die darauf abzielen, angenommen zu werden.
Noch fast nie hat mich jemand gefragt, ich will mein eigenes Ding machen und damit die Gesellschaft verändern, wie geht das.
Was alle wissen wollen, auch wenn sie die Frage nicht stellen: Was muss ich tun, damit andere mich respektieren, lieben und brauchen, und wie kriege ich das hin, ohne mich übermäßig dafür anstrengen oder verbiegen zu müssen.

„Warum hast Du die Operation an Deiner Gebärmutter eigentlich Schönheits-OP genannt?“
„Weil manche Zellen schön sind und andere nicht. Die hässlichen wollte ich nicht mehr haben.“
„Du hast es runtergespielt.“
„Ich kann nun mal nicht schreiben, während ich nackt auf einem Gyn-Stuhl einen Angriff reite. Und diese Position, dieses gespreizte Ausgesetztsein, bleibt auch danach noch im Kopf, eine Weile.“
„Klingt eher hilflos als angriffslustig.“
„Das widerspricht sich keineswegs…“
„Die Waffe hat aber doch jemand anderes geführt.“
„Nicht wirklich.“
„Die waren nicht nur hässlich, sondern auch gefährlich, diese Zellen.“
„Es geht um Wildwuchs. Unberechenbarkeit. Wie viel davon kann ein Organismus verkraften, ohne dass seine Routinen zusammenbrechen. Überleben ist schön. Sterben nicht.“

Wildwuchs. Was für ein verdammt ambivalentes Wort.
So könnte ich den Ort nennen.

17:08
Aus dem Schreibtraining

Liebe Miezekatze,
als ich im Museum ankam, war ich sehr neugierig, was es hier für Ausstellungen gibt. Da Du auch extrem neugierig bist, wie ich Dich kenne, würdest Du als erstes auf eine Vitrine hochspringen und die interessanten Steinwerkzeuge angucken, auch diskret mit dem Steinball herumspielen, oder auf dem stockförmigen Stein da herumbeißen. Aber pass’ auf! Die sind mit zwei Millionen Euro versichert.
Was sehr bizarr war, waren die Messer, weil sie zum Beispiel drei scharfe Spitzen hatten oder eher blattförmig waren. Und der Schmuck war sehr groß und schwer.
So klein, wie Du bist, könntest Du da reinkrabbeln.
Die reichen afrikanischen Frauen trugen sehr viel Schmuck, um den Leuten zu zeigen, dass sie reich sind. Aber wenn der Mann starb, mussten sie Holz-Accessoires tragen.

Deine verrückte Freundin
Y.