passt

Sonntags kann man ja ruhig mal was lernen.
Hier fünf Wörter/Redewendungen, die in den Sprachgebrauch zurückgeführt werden sollten, meiner Meinung nach.

Der Ruhe pflegen – ein Schläfchen machen
Unbilden – Unannehmlichkeiten
Zu welchem Behufe – zu welchem Zweck
Maulheld – Angeber
Sich zu Gemüte führen – sich mit etwas beschäftigen

Ich bin ständig auf der Suche nach veralteten Begriffen. Wer Lust hat, mir ein Häppchen zukommen zu lassen, wäre meines Wohlwollens gewiss 🙂

Fixe Idee

Kommt mir vor, als hätte ich schon immer vor dem Rechner gesessen. Die letzten zehn Jahre ganz bestimmt. Wie eigenartig. Ich sollte mehr raus, einfache Sachen machen. Vor meinem Fenster ist eine enorme Baustelle, da ackern sie von morgens sieben bis abends. Ich könnte über die Straße laufen, mich in den Bagger setzen und ein paar Balkone von den Fassaden kratzen. Oder mit dem Schlauch, der aus der Zementmischmaschine ragt, die hässliche Grillhütte auf dem Hof vom Nachbarhaus ausgießen. Heute, ich geb’s offen zu, ist mir nach etwas ganz und gar unkonstruktivem.
Ob ich den Arbeitern heute Nacht etwas auf ihre Mischmaschine male? Ich sitz’ hier blass und weich in meinem Kubus, mir raucht der Kopf. Draußen scheint hemmungslos die Sonne. Ich glaub’, ich geh’ ins Sportstudio. Schluss mit der Schreiberei. Hat jemand Lust, ein paar Worte zu tippen? Ist ganz leicht. Nur zu. Oder ihr kommt heute Nacht vorbei und helft, die Zementmischmaschine zu bemalen. Einer muss es tun, so quittengelb kann sie nicht bleiben.

Über Nacht

hat das ewige Licht vor dem Foto meines Vaters weiter gebrannt. Ich hatte vergessen, es auszupusten – normalerweise tue ich das, bevor ich schlafen gehe. Ich träume wildes Zeug in diesen Wochen, seitdem er tot ist, die Erfahrung, ihn zu verlieren, hat mein Inneres aufschäumen lassen. Tagsüber regiert die Vernunft, doch mein Unterbewusstsein geht eigene Wege; es wirft mir die Brocken hin, nachts.
Manchmal habe ich das Gefühl, wenn ich mich nur weit genug strecke, die Vorstellung dessen, was ist, bis in seine feinsten Verästelungen in Besitz nehme, spüre ich ihn an den Rändern des Wahrnehmbaren. Sein Tod. Mein Leben. Nur ein paar Atemzüge voneinander entfernt.
Er hat mich immer angezogen, mein Vater. Warum nicht auch jetzt, durch alle Dimensionen hindurch? Existenz endet nicht. Es ist ja nicht er, der verschwunden ist, nur sein Körper hat sich verbraucht. Nichts und niemand geht mit dem Verlust der körperlichen Substanz verloren: Er ist nun wieder dort, wo alles ineinander fließt.
Wir schlüpfen in Fleisch und verlassen es wieder.
Das, was unsere körperliche Erscheinungsform, unsere Gestalt, an Möglichkeiten bietet, ist limitiert: Wie oft glaube ich zu spüren, wie groß der Raum des Wahrnehmbaren sein könnte, wenn der Geist nicht an die Begrenzungen des Körpers, des Gehirns, der neuronalen Pfade gebunden wäre, die sich in seiner Substanz ausprägen. In den Zeiten vor der Geburt und nach dem Tod, in denen wir keinen Körper innehaben, gibt es diese Beschränkungen nicht.
Im Verhältnis dazu sind die achzig oder hundert Jahre Leben in Gestalt ziemlich kurz. Aber das wunderbare, originäre, manifestierende kann man nur als Mensch erledigen. Eben, weil wir uns dann innerhalb der spezifischen Grenzen bewegen, die diese Form mit sich bringt. Wo keine Grenzen mehr sind, kann kein Widerstand entstehen, wo nicht gerungen wird, gibt es keine Entwicklung, kein Wachsen: Als körperlose Energie kann man noch nicht einmal eine Tür aufmachen. Geschweige denn Bücher schreiben, Raumschiffe bauen, Sex haben oder einen Witz erzählen. Das Fleisch limitiert uns; eben darin liegt seine Stärke.

Drittens: Originales Handeln

Wir machen Pläne. Und setzen automatisch voraus, dass es eine Struktur gibt, eine Gegenwart, die unsere Schritte trägt. Dass wir nicht einkrachen. Dass die Karte überschaubar ist. Horizontal.
Unser Bewusstsein ist nämlich faul.
Es arbeitet sehr ökonomisch; es spart Energie. Wer weiß denn, wofür man plötzlich einen Haufen Energie brauchen wird? Da ist es besser, möglichst viel davon in Reserve zu haben, denkt sich das Gehirn. Die Entscheidungen, die keine große Denkleistung erfordern, werden daher täglich und sekündlich automatisch getroffen. Das Bewusstsein hat dafür irgendwann einmal Handlungsmuster, so genannte “Mind Frames” angelegt, auf die wir jederzeit zugreifen können, ohne dass aktives Denken stattfindet. Neunzig Prozent unseres Handelns gehen so vonstatten. Automatisch.
Manche dieser Automatismen sind einfach: Eine Treppe hinuntersteigen. Ein Brot essen. Wir stolpern nicht, wir beißen uns nicht in die Finger. Das ist einfach. Kaum eine Handlung zu nennen, mehr reflexhaft. (Schönes Wort, “reflexhaft”: Man wird von den Reflexen in Haft genommen..) Durchaus nachvollziehbar, dass sich für solche Vorgänge nicht der ganze, mächtige Bewusstseinsapparat einschalten muss.
Komplexere Handlungen sind in bestimmten Regionen unseres Bewusstseins als etwas größere Päckchen abgespeichert, auf die wir ebenfalls jederzeit zugreifen können: Auto fahren. Uns in einer Menschenmenge bewegen. Mit Leuten auskommen. Prioritätenlisten erstellen. Diese Dinge sind schon schwieriger, aber immer noch reichlich automatisiert.
Wir denken nicht, während wir diese Handlungen vollziehen: Wir denken nach. Nicht ohne Grund gibt es diese beiden Bezeichnungen. Nach-denken bedeutet zurück-denken, zeitlich betrachtet. Wir beziehen uns dabei auf etwas, das schon angelegt und markiert ist in uns. Nachdenken bedeutet, gedanklich an einem bestimmten, festgelegten Punkt unserer Landkarte anzusetzen, ihn als gegeben zu akzeptieren, und von diesem Punkt aus Schlussfolgerungen zu ziehen, die zu einem bestimmten Ergebnis führen. Das Ergebnis ist zwar nicht vorherseh-, der Ausgangsspunkt scheint aber lokalisierbar. Wir verorten ihn auf unserer inneren Landkarte, dann marschieren wir los.
Was gibt es noch?
Jene Handlungen – seien sie praktisch oder rein theoretische Gedankengebilde – für die man immer wieder die Wahl hat, ob man automatisiertes Nach-Denken oder bewusstes Denken einsetzt: Kinder verstehen. Eine Vision entwickeln. Einen künstlerischen Akt vollziehen. An einem intensiven geistigen Austausch teilnehmen.
Wer hier innehält und sich weigert, auf automatisierte Denkmuster zuzugreifen, erhebt den Anspruch auf Originalität, aus welchem Grund auch immer. Und damit ent-ortet er sich. Er kann die Landkarte nicht wie gewohnt horizontal benutzen.
Oft ist das ein panikartiger Zustand. Von wegen Inspiration: Man fühlt sich schrecklich verloren, so ohne Markierung. Ohne Markierung kein Anfangspunkt, ohne Anfangspunkt kein Wissen, ohne Wissen kein Impuls, ohne Impuls keine Handlung. So fühlt es sich an. Man kommt nicht mehr von der Stelle.

Das Einzige, was jetzt helfen kann, ist die Vertikale: Das Oben und das Unten. Das Oben, um den Maßstab zu wechseln, um das, was scheinbar ist, außerhalb der gewohnten Perspektive zu betrachten. Das Unten, um jene Prozesse anzusteuern, die zwar unterbewusst, jedoch keineswegs automatisch ablaufen, um aus ihnen Überraschungsmomente zu extrahieren. Beide Richtungen haben keine Endpunkte.

Wie gelangt man in die Vertikale?
Eine Möglichkeit besteht darin, die Existenz von parallelen Wirklichkeiten anzuerkennen: Schicht um Schicht um Schicht, obenwärts und untenwärts, die sich ins Unendliche fortsetzen. In die Breite können sie sich nicht ausdehnen, die parallelen Wirklichkeiten, da laufen schon diese ganzen automatischen Prozesse ab, die Landkarte, die Markierungen.
Wer also in die Vertikale will, muss sich erheben, oder versenken. Und in jenem plötzlich dreidimensionalen Raum die Realitäten durchstreifen, all diejenigen, die, abgelegt aus alten oder zukünftigen Handlungssträngen, aus der Horizontale in die Vertikale übergegangen sind.
Und siehe da: Das ist die Gegenwart.