Das Tainted Talents Wort zum Sonntag, 37, II

Ja, »Lamu Tamu« ist eine gute Erzählung. Ohne A.N.Herbst allerdings hätte sie nie einen Verleger erreicht, ohne sein »Los jetzt!«. Ich bin, glaub’ ich, die am unwilligsten publizierende Autorin der Stadt. (Ich ahne, woran das liegt: wenn es stimmt, ist’s noch ein weiter Weg) Ich hab’ hunderte Manuskriptseiten hier am Nestrand rumsitzen. Viele von ihnen könnten längst fliegen.
Herbst war es auch, der mich Simone Barrientos Krauss und Leander Sukov vorstellte, den Machern der Kulturmaschinen. Die beiden sind auch außerhalb der Verlagsarbeit ein Paar. Ein besonderes, das spürt man sofort; sie haben mehr als dieses eine Leben und andere Gesichter als jene, die einer Buchmesse angemessen sind. Die beiden werden nun tatsächlich einen Packen Erzählungen von mir bekommen. Die sind wild und kränklich und durchaus pornographisch und ich hab sie noch nie jemandem angeboten. Plötzlich bin ich sehr gespannt, was aus ihnen wird.
Abends, beim Riesenschnitzel in der »Tenne« kamen noch die Macher vom Pahl-Rugenstein Verlag in die Runde. Lange Gespräche, bei denen ich bald merkte, auf wie vielen Ebenen ich immer noch ein unbeschriebenes Blatt bin. Na gut, ist nicht zu spät: Alle Luken öffnen und fluten lassen, dachte ich. Dabei diesen Blick von Johann P. Tammen nicht vergessend: Wie bescheiden er sprach von seinem eigenen Schreiben. Wie zurückhaltend im Vergleich zu der Verve, mit der er für seine Autoren einsteht. Und wie gänzlich konträr zu all diesen Selbstdarstellern, die mich regelmässig dem Trugschluss aufsitzen lassen, nur ein strotzendes Selbstbewusstsein könne sich durchsetzen.

Ich traf übrigens bei dieser Messe eine Frau, die ich kennen lernen wollte, seitdem ihr Name eines Nachts fiel. Aber dazu ein anderes Mal.

Das Tainted Talents Wort zum Sonntag, 37, I

Buchmesse also – manchmal sagt eine Zeichnung ja doch nicht alles. Diese ist zehn Jahre alt; ich muss die Signatur auf ihrer Rückseite gar nicht sehen, um das zu überprüfen, die zornige Phyllis hat sich »Buchmesse 2000« auf den Bizeps tätowieren lassen. Ich zeichne weiterhin, es gibt auch Figuren, die ich erfinde, die über die Jahre immer wieder auftauchen, die Zornige allerdings gibt es nicht mehr. (Den prallen Bizeps auch nicht, Abschreckung praktiziere ich anders inzwischen)
Wie auch immer, Buchmesse, wenn ich an sie dachte, war immer Frankfurt. Nun fuhr ich zum ersten Mal nach Leipzig und stellte fest: Ein ganz anderes Kaliber. Vielleicht lag die gute Laune einfach daran, dass meine Erzählung »Lamu Tamu« bei Die Horen erschienen ist: »Der Sprung über die Kante / Schreiben als Kunst«, hauptsächlich dem Werk Gerd Peter Eigners gewidmet. Großartiger Autor. Seine Lesung in Leipzig, präsentiert und kommentiert von Horen Herausgeber Johann P. Tammen und Alban Nikolai Herbst: eine Offenbarung. Im Ernst. Werde Eigners Bücher nun alle lesen.
Abgesehen von seiner Wahnsinnssprache ein Mann von beträchtlichem Charme, dazu dieser obsessive und wehrhafte Blick. Hui. Und J.P. Tammen? Ich hatte zuvor nur mit ihm korrespondiert, erlebte ihn zum ersten Mal und dachte: S o muss ein Herausgeber sein, dem möchte man erste, aber irgendwann auch die letzten Worte anvertrauen. (Sein Grappa im Schränkchen war ebenfalls fabelhaft)

Oh. Eben fällt mir ein, ich muss dringendst einen Text für die Homepage der Crespo Stiftung schreiben, bin schon zwei Tage im Verzug. Grrr. Muss ich einschieben.
Bis später …

Die Sprache der Anderen, 4

[…] faktizismus ist heilbar. ach, was reg ich mich auf, hab ich mich je drüber beschweren wollen, auf der welt zu sein, nein, warum auch, aber ich werde mich immer beschweren, wenn mir jemand sagt, so ist es, so war es und so wird es immer bleiben. die kunst könnten wir damit in die tonne treten. denn was hat sie anderes gezeigt als so ist es nicht, so war es nicht und so wird es auch nicht bleiben. und der adorno schwingt immer mit, schöner kann man es nicht skandieren: nur wenn, was ist, sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles. und es ließ sich schon verdammt viel ändern in der geschichte der menschheit. […]

von diadorim, deren Klarnamen ich nicht kenne. Und auch nicht kennen muss, um dieses Zitat zu mögen.

Der frühe Vogel fängt den Wurm
Der frühe Vogel fängt den WUURM
Der frühe Vogel fängt den WUUUUURRRRRMMMM

mmmh.

(((((jetzt dreht sie durch.)))))

Gulliver

[…] Ich bin verletzt. W a r verletzt, sagen die Winzlinge, sei nun geheilt: Der Chirurg, daumengroß, stieg über Wade und Oberschenkel meine linke Hüfte empor, trieb die Bohrstange mit der Seilwinde in mein Fleisch, über der Taille durch Fett und Muskeln bis an die Quelle des Schmerzes. Schnitt mit seinem fast unsichtbar kleinen Messer dort. Ich schlief. Während ich schlief geschah das alles. Sehen Sie, der gewölbte Deckel über meiner Wunde, ich kann ihn aus dem Augenwinkel sehen; der Winzling hat das Loch nicht vernäht. Ich glaub’, für den Deckel nahm er das, was sie hier für Silikon halten. Könnt’ ich doch kurz, nur ganz kurz einmal dorthin fassen! Meine Glieder gehorchen mir nicht.
Vielleicht müsse er noch mal hinein, erklärte der Däumling. Selbst wenn er mit dem Trichter direkt in mein Ohr brüllt, klingt seine Stimme wie das Zirpen der leisesten Grille.
Noch mal hinein… Wann wird die Empfindung in meinen Leib zurückkehren? Werden sie mich ziehen lassen, die Kleinen? Mit welcher Wonne sie auf mir herumspazieren!
Sie lieben meine Hüfte; sie lagern dort. Zwei Dutzend von ihnen sind gerade jetzt dort versammelt, mindestens, ich spüre sie. Nur jene, die Absätze tragen, die barfüßigen nicht. Eben rollt etwas an meinem Bauchnabel vorbei. Vielleicht jemand hat ein Schuhchen verloren.
Sie haben Gerüste aufgestellt, mich zu ersteigen: gegen Haken und Seile wehrte ich mich, ich bin nicht Shai Hulud. Doch wenn ich die Stimme erhebe, beben ihre Häuser und Brücken in den Grundfesten. Immerhin.
Ich liege auf der Seite, wegen der Wunde. Sehe aufs Meer. Es war mein Wunsch, sie möchten mich umlegen während ich schlief; die Lähmung hat inzwischen alle Gliedmaßen erreicht.
[…]

Die Sprache der Anderen, 3

»Doch über alle Ahnung hinaus können wir e r f i n d e n, träumen, fantasieren und dadurch mitschaffen, was werden wird. Atemlos und begeistert. Und es beschreiben. So auch das Unheil, das in Ihnen, scheint es mir, festgefroren und, damit es nicht mehr wehtut, auf Zimmertemperatur hinuntergedämpft worden ist. Ich habe dafür Verständnis, es ist aber kein Ansatz, Kunst zu verstehen. Kunst kommt von Hitze. Oder von Kälte. Nie aber aus der Wärme.«

kopiert vor genau einem Jahr aus: Die Dschungel.Anderswelt