Farah Days Tagebuch, 27

Donnerstag, 4. November 2014

„Es gibt schöne Passagen. Doch Du solltest direkter sein, offensiver, dem Leser die Haut, die innere und äußere, zum Vibrieren bringen. Du kannst das. Aber Du willst es nicht.“

Der Brief stammt von meinem ältesten Mentor, dem ersten, der Zeichnungen von mir kaufte. Ich studierte noch, er war bereits jemand, an dessen Lippen man hing. Seine Radikalität zog mich an, nicht aber, dass er Nukleus war: Außerhalb seines Wirkungsbereichs gedieh fast nichts. Nach meinem Studium, deshalb, nahm ich meinen eigenen Weg.
Wir sprachen nicht mehr. Vor einigen Tagen aber schickte ich ihm einige Texte und gestern kam der Brief zurück, aus dem diese Sätze stammen. Sie kommen zum richtigen Zeitpunkt: Ich stehe vor Entscheidungen; ich beginne Korrespondenzen.
Streife durch mein Territorium, sichte, erwäge Verknüpfungen und Lösungen (Lausche eben dem Wort Lösung nach: wie das sich lösen, freiwillig oder nicht, in ihm schwingt), stelle Abhängigkeiten ebenso in Frage wie Unabhängigkeiten: die Fülle wahrnehmend, deren Kern ich bin.

Es gibt andere Stimmen, die sich dazugesellen. Als ob Krisen dich auflüden – und ich meine Krise im Sinne von Chaos, das in eine Struktur eindringt, in seiner Unmittelbarkeit pure Energie –
als ob du also diese Kräfte freisetztest, unter Druck, die sich übertrügen auf andere,

essbar würdest. Der unwiderstehliche Geschmack des Unmittelbaren. Freunde melden sich, meine jungen Leute spüren es, aber auch Fremde: vor einigen Tagen die Modedesignerin, eine erfahrene Künstlerin. Sie liebe Tainted Talents, sie wolle mich anziehen. Kleider, Hüte, ein Fotoshooting. Ein Link zu ihrer Website. Die Kollektionen, die ich dort sah, sind so eigen, das verwendete Material so überraschend, dass ich sofort zurückschrieb. Morgen treffen wir uns zur ersten Anprobe. Gelingt der Prozess, wird er hier sichtbar werden.

Mein Kern kontraktiert. Zusammengezogen bringt er mir nachts beeindruckende Panikattacken, geweitet macht er mich essbar, lüstern und größenwahnsinnig. Allein bin ich damit nicht: In meinem innersten Zirkel gibt es derzeit welche, deren Krisen Kreise in meine ziehen.

Gewahr werden.

„Sag‘ Deinen Namen.“
Die Übertragungen von Wahr-heit schaffen eine Strömung untereinander, gegen die sich Sattsein anfühlt wie eine Kugel Kaugummi, die man aus dem Automaten zieht: Seit Jahren hängt er in einem Provinzbahnhof, ohne nachgefüllt werden zu müssen.
Verschwörungen.
Schwüre.
Schwären.

Ein Gedanke zu „Farah Days Tagebuch, 27

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