Farah Days Tagebuch, 14

Montag, 9. September 2013

Schall und Rauch

Meine Liebe, du hast alle Zeit der Welt.
Die Dinge, die ich von Hand auf Zettel schreibe, sind jene, die nicht von alleine haften. Unzuverlässiges Zeugs.
Meine Hände altern schneller als der Rest meines Körpers, meine Ideen altern schneller, als die Zeit lang ist. Ich war der Freiheit immer troy, nun stellt sich heraus, sie ist ein riesiger, komplett leerer Parkplatz. Niemand greift sie an, niemand da außer mir. Ich parke trotzdem immer auf der gleichen Stelle, leg’ die verdammte Parkuhr an die Windschutzscheibe, obwohl keiner kontrollieren kommt. Mir egal; ich bestehe darauf.
Immer bin ich gewahr. Deswegen die Vorsicht. Vor-sicht: das, was man sieht, bevor man sieht.

„Dein Schlafzimmer“, moniert er, „sieht aus wie eine Krankenstation, die Kissen, dies gebrochene Weiß und Grün.“
„Ich brauche Sicherheit zum Einschlafen“, sage ich.
„Lass uns zu mir gehen“, sagt er, „hier kann man nicht dreckigsein.“
Ich mag weiß, sauber und Stille. Am allermeisten Stille. Lautloses Gleiten. Der Herbst tändelt schon in den Ecken, ich weiß nicht, ob ich diesmal gut vorbereitet bin, immernochmehr Türen, die sich nicht schließen lassen.

Eigenmächtig.

Was für ein unheimliches Wort.

„Sie ist mein Lieblingsmensch“, sagt er zu der Frau. Ich stehe dabei.
Die Frau lächelt, sieht mich an, sagt: „Oh, ich glaube, sie ist so eine, die der Lieblingsmensch von vielen ist.“
Er nimmt mich in den Arm. „Ja“ sagt er. „Nur ihr eigener nicht.“
„Vielleicht mögt ihr mich deswegen so gerne“, sage ich. „Ich nehme mir nichts heraus.“

Ich nehme mir nichts heraus, ich maße mir nichts an, ich bin frei. Mein Parkplatz ist der größte von allen.
Er
Ist
Unheimlich
Groß.

Selbst wenn …
… doch das sag’ ich nicht.

Auf einem anderen Zettel steht:
Bist Du derjenige, der meine Flucht aufhalten wird?

Die Raupe Stück für Stück, die mit ihrer Körperlänge die Welt ausmisst. Ausdehnen, Zusammenziehen, Atmen. Kann ich alles. Nur die Klebefüßchen unten an der Raupe, die bewirken, dass sie mit Ausdehnenzusammenziehenatmen vom Fleck kommt: die fehlen mir. Vielleicht muss ich von vorne anfangen. Einen ersten Punkt entdecken, an dem ich haften
bleiben
wollen
würde.
So viele Zettel. Unterscheidungen. Verschenkungen. Wer will schon besitzen? Von fern ein Geheul.

Die Hölle, das sind die Anderen.
Read my stitches. Replace me. Take over.

Meine Zunge schmeckt süß, wie frisch gemäht, seitdem ich nicht mehr rauche, und der Wind, der Wind, fährt mir ins Maul hinein. Wer will da noch atmen.

Alles ist immer anders.
Alles ist immer neutral.
Alles ist immer gleichzeitig.

Ich wähle mich. Und Euch. Und von einer Sekunde auf die andere schnurrt der Parkplatz auf die Größe eines Raupenkörpers zusammen. Man misst immer nur sich selbst, in allem, was fremd und anders ist, misst man nur sich selbst.
Die Welt, meine Kleine, mein Littelwitsch, ist nicht größer als Du.

6 Gedanken zu „Farah Days Tagebuch, 14

  1. nichts genaues weiß man nicht
    aber
    es gibt in der tat bilder
    die den raum den zu beziehen man beliebt
    um ein vielfaches erträglicher machen
    so stelle ich mir gerne vor
    das mein gegenüber genau wie ich
    auf seinem kleinen / großen planeten sitzt
    und so formen wir von der metaebene
    zum gemeinsamen raum
    erde
    das feld der wirkungen
    in die realität hinein

  2. Wie bereits einmal thematisiert und verabredet: Ich wage es jetzt öfter, einfach zu sagen, wenn für mich Texte völlig ankommen, in all Ritzen und Ecken laufen. Dieser hier ist einer davon.

    Ich wünsche Ihnen einen hellen Herbst (Herr Herbst’s Dschungel sind auch helle, aber die meine ich nicht).

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