Ohne Trikot

„Du schreibst fast nie über Anstrengung. Abgründe. Du zeigst die ungeheure Selbstüberwindung nicht, die manche Dinge dich kosten.“
„Stimmt.“
„…Über deine Depression ebenfalls nichts. Da schickst du Farah Day vor.“
„Meistens schweige ich dann eher“ sage ich.
„Du kannst ja auch mit anderen Beiträgen, Kleinigkeiten, ein paar Linien, ja sogar mit dem Eingeständnis einer Nicht-Leistung viel unmittelbarer Sympathie bekommen von den Leuten. Sie mögen, was anstrengungslos wirkt.“
„Geht mir genauso, oft zumindest -“
„Für große Leistungen braucht es aber Mühlsteine. Viel Kraft. Zähigkeit. Man muss Langzeit-Verzweiflung aushalten können. Nur spüren will das Publikum davon nichts, nach Außen hin soll alles wirken wie…“
„Hingepudert.“
„Meinetwegen. Ist ja auch egal.“
Natürlich ist nichts egal und nichts leicht, das wissen wir beide, und Sie wissen es auch.

Vor ein paar Tagen sah ich eine Dokumentation über die letztjährige Leichtathletik-Weltmeisterschaft der Senioren. Meine Eindrücke der drei Teilnehmer, die im ersten Teil des Films porträtiert wurden, lassen mich seitdem nicht mehr los. Ein älterer Herr, der in der Kategorie der Fünfundachtzigjährigen antreten würde, wurde in seinem Wohnzimmer gezeigt. Ein schmaler Mann, Brille, lichtes Haar. Schöne Wohnung, viele Bücher, gediegen. Er flirtete mit der Kamera, sagte, „So, jetzt versuche ich erst einmal, ohne Stock ins Nebenzimmer zu kommen.“
Stand, wankte, richtete sich auf, Schultern nach hinten, dann taperte er los. Ich hielt die Luft an. Er schaffte es ohne Zwischenfall in den Nebenraum, hielt sich dort aber offensichtlich erleichtert an einer Stuhlkante fest.
Später sah ich ihn in Schweden (oder Norwegen, ich erinnere mich nicht genau) am Startpunkt der 400 Meter Sprintbahn, wie er – auf sein Trikot waren die Startnummer und eine große 85 aufgedruckt – loslief nach dem Schuss. Er rannte so schnell, dass ich Angst hatte, sein Herz würde ihm stehenbleiben, kam als zweiter ins Ziel. Mit ihm waren vier Senioren angetreten.
Es gab auch eine alte Dame, Kugelstoßerin. Sie wurde von einer Kanadierin besiegt, das hatte sie bereits vorhergesehen. „Die ist wirklich stark“, sagte sie, „die Kanadierin. Ich glaube, die packe ich nicht.“ So war es dann auch. Die Kanadierin sah aus wie der Inbegriff aller Großmütter, ondulierte Löckchen und ein Astrid Lindgren-Gesicht.

Ich bin über lange Strecken unschlüssig, beobachte. Mich, die Anderen, oft aus sicherer Entfernung. Die Unschlüssigkeit puffert mich ab. Nachdenken im Leerlauf, Gang einlegen, pointiert sein, dann wieder Leerlauf. Schwer zu sagen, ob es eine Zielgerade gibt. Ob es besonders weise oder besonders zaghaft ist, ohne Trikot zu laufen.

12 Gedanken zu „Ohne Trikot

  1. Ich glaube, das ist ein uralter Menschheitstraum: im Rennen sein und gleichzeitig entspannt auf der Zuschauertribüne. Wie im Klartraum – träumen und zugleich wissen, man träumt. Sportler reißen sich das Trikot vom Leib wenn sie’s geschafft haben – Für diesen Moment der Befreiung mauss man aber eines angehabt haben…

  2. Das Leichte ist das Schwere, und das Schwere ist auch das Schwere, da gibt es keine Umkehrungen. „Hingepudert“ gefällt mir gut, die Rückseite der Medaille ist dann „Ausgepowert“. Ich habe heute zehn Seiten eines erzählenden Populärtextes geschrieben, vier Stunden überwiegend Dialoge, und natürlich darf da keinerlei Textanstrengung zu bemerken sein. Zwischen den Zeilen ist natürlich trotzdem der ein oder andere kleine Hinweis auf Mehr zu finden, für den, der es zu erkennen mag.

  3. Über Depression zu schreiben ist nicht ganz einfach. Noch dazu, wo sich heutzutage, man mag es kaum glauben, immer noch Mitmenschen finden, die den mit einer Depression einhergehenden Gemütszustand mit ‚Geisteskrankheit‘ etikettieren.

    Was Sie dialogisch als Notwendigkeit darstellen, dass es nämlich für große Leistungen Mühlsteine brauche, mag vielleicht für die hohe Kunst gelten. Will dazu nichts Endgültiges sagen, weil nicht vom Fach. Aber dagegen halten: Große Leistung ist’s, ohne irgendwelchen Schaden verursacht zu haben aus dieser Welt zu gehen. Sei’n wir uns ehrlich, das schaffen nicht besonders viele.

    Ist nicht vielmehr die entscheidende Frage, welchen Maßstab wir an uns [von wem?] anlegen lassen und welchen wir selbst auswählen? In der als einzig Orientierung gebend empfundenen Auswahl des eigenen Maßstabes sehe ich den Gewinn: die Freiheit, sich dem ‚Wettbewerb‘ wirksam zu entziehen.

    • Der eigene Maßstab. „Choose your own playground“ nannte ich mal eine Serie von Zeichnungen, wie Sie sich bestimmt erinnern. Ich traue Maßstäben grundsätzlich nicht über den Weg – auch meinen eigenen nicht. Ich suche noch nach einem angemesseneren Wort.

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