Zuckerzeit

Bonjour.

(Was hat TT doch für kluge Leser:innen! Gestern, an meinem ersten Tag im französischen Domizil, wähnten Sie mich unterwegs, niemand rechnete mit geistreichen Einträgen meinerseits, deswegen tauchten Sie, bis auf einige wenige, gar nicht erst hier auf…)

Vor einigen Tagen, noch in Frankfurt, führte ich ein Telefon-Interview mit einer afghanischen Stipendiatin. (Wie viele von Ihnen inzwischen wissen, betreue ich die Website einer Frankfurter Stiftung, sehr eigenverantwortlich auch, sodass ich meistens selbst die Themen für die Texte zusammenstelle, die ich wöchentlich für unsere Fokusseite schreibe)
Die junge Frau jedenfalls lebt, wie ich, in Frankfurt und macht im Rahmen ihres Stipendiums eine Ausbildung, um später den Beruf ihrer Wahl ausüben zu können – ihren, offenbar, Traumberuf. Um dort auch jeweils einigermaßen sicher zu landen, ist an das Stipendium ein Mentoring-Programm geknüpft; ich hatte ein paar Fragen vorbereitet, die ich ihr dazu stellen wollte. Wie oft bei den Teilnehmerinnen dieses Programms wandte sich das Gespräch bald harten Zeiten und folgenschweren Entschlüssen zu.
„Ich habe meiner Mentorin auch meine privaten Sachen anvertraut – es war nicht immer Zuckerzeit in meinem Leben…“ sagte die junge Frau.
Ich blieb, obwohl mein Temperament und auch ihres anderes wollte, bei meinem Themenkomplex: Allzu Privates gehört nicht auf eine Stiftungs-Website. Als wir mit meinen Fragen durch waren, kam sie zu ihrem dringendsten Anliegen: … Ob ich ihr einen Tipp geben könne?
Gerne, sagte ich.
„Wie kann ich meiner Mentorin danken?“ fragte sie. „Ich habe schon überall nachgefragt, wie ich ihr meine Dankbarkeit zeigen könnte, weiß es aber immer noch nicht.“
„So, wie ich Ihr Temperament jetzt am Telefon kennen gelernt habe, bin ich sicher, dass Sie ihr schon ganz oft gezeigt haben, wie wichtig sie Ihnen ist…“ bemerkte ich.
„Oh ja, sie sagt mir auch immer, einmal Dankesagen reicht, und einmal Entschuldigen auch… doch das ist in unserer Kultur so anders…“
Wir sprachen eine ganze Weile über die Sache, kamen aber nicht wirklich weiter; die junge Frau konnte meinen Einschätzungen nichts abgewinnen, spürte ich – sie wogen einfach nicht schwer genug, um das starke Gefühl, das sie umtrieb, ausbalancieren zu können. Wie lethargisch ich mir manchmal vorkomme im Gespräch mit Orientalinnen, wie ökonomisch mein Umgang mit Emotionen!
Ts.

(Moment, muss eben den Camembert aus der Sonne stellen)

Ich kam dann doch noch auf einen Gedanken.
„Hören Sie“, sagte ich. „Ich weiß nur wenig über Sie und über den Charakter Ihrer Mentorin, deswegen erzähle ich Ihnen jetzt, wie es mit der Dankbarkeit in meinem eigenen Leben ist. Es ist nämlich so, dass ich mit der Zeit auf etwas gekommen bin…“
„Ja?“
„Ja. Ich hab’ viel Unterstützung und Aufmerksamkeit bekommen, von Anfang an. Dass auch bei mir nicht immer Zuckerzeit war, lag nicht daran, dass mich meine Familie, meine Freunde und Lehrer nicht unterstützt hätten – ich hab’ mich immer geliebt gefühlt von denen, die mir wichtig waren.“
Schweigen am anderen Ende der Leitung. Ich ahne, dass es bei ihr nicht so war.
„… und auch ich hab’ lange gedacht, dass sich Gefühle zwischen zwei Menschen abspielen. Dass ich dem Menschen, der mir gute Gefühle schenkt, aus Dankbarkeit ein ebenso großes Geschenk machen möchte. Weil das natürlich wäre, und fair. Aber dann, als ich älter wurde und mehr erlebt und beobachtet hatte…“
Immer noch Schweigen.
„… kam ich irgendwann darauf, dass es nicht so läuft. Gefühle sind Energie, keine Zahlen. Und es ist eben nicht natürlich, dass sich alles ausgleicht, oder ausgeglichen werden muss.“
„Sondern?…“
„Die gute Energie, die man von einem bestimmten Menschen bekommt, muss man nicht immer genauso, oder sogar stärker, an den gleichen Menschen zurückspiegeln. Diese Frau zum Beispiel, Ihre Mentorin: die kann mit so viel Dankbarkeit vielleicht gar nicht umgehen – vielleicht reicht es ihr sogar, wie gut Sie sich entwickeln, wie motiviert Sie sind. Und wenn das gute Gefühl und die Dankbarkeit mit Ihnen durchgeht, schenken Sie es einfach jemand anderem: Geben Sie Ihrerseits weiter, was Sie an Überfluss haben.“
Wieder Schweigen. Ich denke ein bisschen nach.
„Mir kommt es so vor, als wäre es in der Liebe nicht anders: Manchmal wird man geliebt und kann’s nicht erwidern, manchmal liebt man jemanden und der kann’s nicht ebenso fühlen“ sage ich dann. „Es hat mir immer geholfen, mir vorzustellen, dass die Gefühle zwischen zwei Menschen keine eingezäunte Koppel sind: Manchmal liebt man einen Menschen vergeblich, obwohl man es eigentlich ‚verdient’ hätte, bekommt aber von einem anderen Menschen Liebe, für die man gar nichts Besonderes getan hat…“
„Das ist nicht fair…“
„Nein, ist es nicht. Ich will einfach nur sagen, dass es das Geben ist, worauf es ankommt. Was glücklich macht. Und dass man Gefühle nicht immer von der gleichen Person zurückbekommt, auf die man sie gerichtet hat, und dass das zwar vielleicht ‚unfair’, aber natürlich ist. Gefühle sind keine Handlungsanweisung für den Menschen, der sie empfängt.“
„Das stimmt.“
„Und in Ihrem Fall, mit Ihrer Mentorin, könnten Sie sich ein bisschen befreien. Sie sollten sehen, dass diese Dame genau das macht, was sie will, freiwillig, und dass allein, dass Sie ihre Unterstützung annehmen und umsetzen können, schon Belohnung genug für sie ist. Besser als jede Beteuerung.“
„Okay…“
„Und wenn Sie diesem Gefühl Ausdruck verleihen wollen, das Sie haben, wenn diese Stimme in Ihrer Brust sagt, Sie sollten unbedingt noch mehr beweisen, wie dankbar Sie sind, dann tun Sie einem anderen Menschen etwas Gutes und erzählen Sie ihr meinetwegen davon. Das wird sie freuen.“
„Ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen“ sagte die junge Frau.

Jedenfalls ging mir dieses Gespräch seitdem nicht aus dem Kopf.

10 Gedanken zu „Zuckerzeit

  1. Diese Sicht der Dinge teile ich – meine (Lebens-) Erfahrung gibt Ihnen da völlig recht.

    Genießen Sie Paris? Ich bin auf Ihrer Fahrt im Gepäcknetz zwischen den Koffern mitgefahren … 😉

  2. Oh ja, vorhin, als ich auf meiner allmorgendlichen Runde durch den Jardin des Plantes trabte, an diesem Gebüsch vorbei, das so irre nach Maggi riecht, um die Ecke bog und sah, dass endlich die Plane von diesem winzigen, uralten Karussell herunter war, das dort steht, dass es sich drehte mit seinen Flusspferden, Elephanten und Giraffen drauf, dass ein paar Kinder Platz genommen hatten und quietschten: da war ich dann richtig angekommen. Sie seh’n, ich brauch‘ nicht viel… : )

  3. Sich überschwänglich oder sogar immer wieder bei einem Menschen zu bedanken, der einem als Mentor gedient (!) hat, würde meiner Ansicht nach das Gleichgewicht stören, das in all der Zeit des Förderns da gewesen sein muß. Ich denke auch, der weitere Weg der geförderten Seele ist einem Mentor hierzulande Belohnung genug, denn das Ziel ist ja die Selbständigkeit – man dankt seinen Eltern und seiner Schule ja auch nicht dauernd offen, sondern, wenn Grund dafür besteht, meist still für sich.

    (Ich rechne übrigens nie mit geistreichen Einträgen Ihrerseits, egal ob Sie unterwegs sind oder nicht, aber wenn sie dann gar nicht überraschend plötzlich da sind, freue ich mich.)

  4. In unserer Kultur ist Überschwänglichkeit oft Grund für Irritationen beim Gegenüber, in anderen kann ihr Fehlen sogar als unhöflich gelten… oder gefühlsarm…

    (Das ist eine gute und gesunde Nichterwartungshaltung, lieber Norbert! ; )

  5. pay it forward http://en.wikipedia.org/wiki/Pay_it_forward

    das is dem Prinzip verwandt, dass Sie der Stipendiatin so sachte und durchdacht erklaerten. Die Idee praktiziere ich zum Beispiel durchs bookcrossing (www.bookcrossing.com), ganz bestimmt auch, weil mich liebe und/oder wichtiger oder interessierte Menschen immer mit Buechern bedacht haben.

  6. @Semioticghosts Griffiger Satz – obwohl mir „pay“ in diesem Zusammenhang eben n i c h t zusagt, weil’s mir zu sehr nach deal klingt…
    da gefällt mir das Prinzip der bookcrosser schon viel besser : )

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