Kehrbesen, wütend

[…] „Würde es mir je einer glauben, wenn ich euch heute erzähle, dass ich von der fünften Klasse aus bis zur zehnten nie wirklich eine ehrliche und vertrauenswürdige Person kennenlernen durfte? All diese Schüler, mit denen ich diese fünf Jahre verbringen musste, wussten nie so richtig, die eigene Persönlichkeit und die eigenen Lebensvorstellungen zu schätzen. Viele Gruppen haben sich gebildet, und immer wieder wurde der eine oder andere manipuliert, ob es um Klamotten ging oder um Meinungen, jeder hat sich von einer bestimmten Gruppe beeinflussen lassen.
Doch ich habe mich getraut mich gegen diese große Gruppe zu stellen, ich habe mich eigenständig von den andern isolieren lassen, ich bin meinen eigenen Weg gegangen, habe mich immer wieder getraut meine eigene Meinung zu äußern, und nicht diese Meinung, die immer die Mehrheit hören wollte, auch ich habe mich auf meine eigene Vorstellung von Mode konzentriert und bin nicht wie die andern rumgelaufen, und wirklich nur ich hatte das Lebensziel meinen Abschluss mit unter 1.5 zu schaffen.
Diese gesamte Situation war eine große Herausforderung für mich, und ich wusste, dass wenn ich meinen eigenen Weg gehe und mich dieser Menschengruppe nicht anpasse, so werde ich die nächsten Jahre von den andern weiterhin ausgeschlossen werden.“ […]

… Ein kleiner Ausschnitt eines langen Textes, in dem F. am Wochenende mit einem ziemlich wütenden Kehrbesen in ihrer schulischen Vergangenheit aufräumte. Leicht fiel ihr das nicht: Es brauchte einen magischen Schlüssel, bis sie in Schwung kam. Ihr war nicht klar, dass eine ihr eigenes Thema finden und ihre eigene Sprache verwenden darf, wenn’s ums Schreiben geht. Zumindest beim kreativen, und bei mir sowieso.
Als ich den Text dann endlich zu lesen bekam, war das Seminar fast vorbei; die Zeit reichte nicht mehr, ihn noch vor der Gruppe vorzulesen. Die hätten ganz schön gestaunt. Denn F. kann Schreiben eigentlich gar nicht leiden, sie spielt lieber … doch das zu erzählen wäre indiskret.
Wie auch immer, ich war sehr stolz auf sie (auf die Anderen auch, falls einer von euch mitliest!!! : ) und finde es nur fair, wenn F.’s Text jetzt hier ein Plätzchen bekommt, zumindest ein Teil davon.

Und nun lese ich die Geschichte von I. Er hat an diesem Wochenende, unter anderem, eine Ode an die Weiblichkeit geschrieben.
„Vielleicht habe ich mich damit ein bißchen übernommen“ sagte er gestern lächelnd.
„Zieh’s mir auf den USB-Stick, dann lese und kommentiere ich’s per Email am Montag“ versprach ich.

Und das tu ich jetzt. Oden werden ja nicht mehr so oft verfasst. Und die Weiblichkeit, sie sollte besungen werden! Unbedingt!

Sie sehen, ich hab‘ zu tun ; )

17:58
… und eben fand ich bei Aléa Torik noch >>> diese Zeilen zum Thema Schreiben und musste lachen. Recht hat sie.
Ach, und da wir schon dabei sind: Haben Sie MelusineB’s >>> Beitrag zum literarischen Schreiben im Web 2.0 gelesen?

(Musik: Fatoumata Diawara – thanx to Lobster)

18 Gedanken zu „Kehrbesen, wütend

  1. F.s Kehrbesen leih‘ ich mir mal aus, wenn’s recht ist…
    Zu diesem Textausschnitt fällt mir so viel ein (30 Jahre später/älter).
    Ich schreib’s aber besser nur für mich selbst auf.
    Kompliment an F.
    Kompliment an Sie, Phyllis, dass Sie solch Bewegung in Schwung zu bringen vermögen.

    • @ Kienspan Ich hatte das Glück, in drei wichtigen Fächern hervorragende Lehrer zu haben. Am meisten beeindruckte mich meine sehr würdige Lateinlehrerin, Schwester Hedwig, die auch Oberhaupt meiner Schule war. Mit Frau Dr. Fries, Deutschlehrerin, war ebenfalls selten zu spaßen. (Wenn sie allerdings milde gestimmt war, ging die Sonne auf) Und Father Vanston? Der hatte einen wunderbaren Humor und die tollsten Schuhe unter der Soutane. Zu diesen dreien würde ich mich jederzeit wieder ins Klassenzimmer setzen.
      Das war damals eine relativ geschützte, vor allem gemächliche Lernsituation.

      Die Bedingungen, unter denen ich arbeite, sind ganz andere. Damit in der kurzen Zeit, die uns bei den Seminaren zur Verfügung steht, etwas von Belang passiert, muss schnell Vertrauen entstehen. Aber wie? Viele dieser Schüler:innen mit Migrationsgeschichte haben Erlebnisse hinter sich, die sich aus ihren fröhlichen Mienen nicht ablesen lassen.
      Da heißt es als Lehrende einfach, köstlich für Herz und Geist zu sein.

  2. Mädchen Also ich war ja in einer reinen Bubenschule und ich bin uralt. Modeströmungen und Klickenbildung gab es fast gar nicht. Für Mode interessierten sich nur ganz wenige, einer der wenigen, die ich schätzte, war schwul und hat sich 25 Jahre später umgebracht. Cliquen sortierten sich ein bisschen aus dem sozialen Umfeld, es gab da die Kinder aus reicheren Häusern, die darüber diskutierten, welchen Mercedes ihr Vater fuhr.
    Mein Vater hatte zu der Zeit weder Auto noch Führerschein, den machte er erst als ich 15 war.
    Gespräche über das Fernsehen waren auf den Inhalt des letzten Maigret oder Edgar-Wallace-Film beschränkt. Da wir auch keinen Fernseher hatten, konnte ich darüber nicht mitreden. In der Familie meines Freundes, zu dem ich fast jeden Tag Eisenbahnspielen ging, gab es einen Fernseher, aber ich erinnere mich an kein einziges Mal, dass wir dort fern gesehen hätten.
    Mein erstes Fernseherlebnis war im Alter von 16 Jahren, als meine Eltern bei einem Kollegen meines Vaters eingeladen waren und wir dort den Film La Strada sahen.
    Ich muss sagen, dass ich meine Kindheit selbst ohne Verklärung als weitaus erfreulicher betrachte, als ich sie mir heute vorstellen könnte. Die Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit hatte mehr an Lebensqualität als es die heutigen (in Österreich überbordenden) Skandale bewirken können.
    Und es geht uns eigentlich so gut. Wir schaffen es aber nicht, unseren Kindern (in der großen Masse) Lebensfreude und Lebenslust zu vermitteln.

    • @Steppenhund Sie werden es sich nach meinem Kommentar zu Kienspan bereits denken: ich war in einer reinen Mädchenschule. (Uralt bin ich allerdings nicht ; )

      Ob es uns so gut geht, wie Sie andeuten, wage ich allerdings zu bezweifeln; es gibt viele, die sich in ihren Lebensentscheidungen dem Diktat der Ratio und des Konsumismus unterwerfen – die sind nicht gerade prädestiniert dazu, anderen Lebenslust zu vermitteln. Umso wichtiger, da gegenzuhalten.

    • Mein „es geht uns so gut“ war das Understatement zu „es könnte uns so gut gehen“.
      Wir sind selbst schuld, wenn wir uns dem Konsumismus unterwerfen.
      Dem Diktat der Ratio unterwerfe ich mich gerne. Das würde einen Konsumismus nämlich sehr effizient unterlaufen.

      Bei jeder angebotenen Information stellt die Ratio die Frage „cui bono“. Dann wird das Angepriesene sehr rasch als Betrug oder zumindest Bauernfängerei demaskiert.

    • @Steppenhund Selbst schuld ist immer gut gesagt, aber die Prägungen setzen früh ein, wie Sie wissen. Es braucht mehr als Intelligenz und Eigensinn, sie auseinander zu klamüsern, um die erwünschten von den lähmenden zu trennen.
      Und was das Diktat der Ratio anbelangt: ich könnte wahrscheinlich keinen einzigen schöpferischen Strich mehr machen, wenn sie mich unter der Fuchtel hätte.

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