TTag, 22. Juli 2010. That’s what it’s all about.

Der Lord Chancellor trug Rotgold, sein Zepter wurde ihm gereicht. Eben fliegt eine Lachmöve übers Dach. Zurück im Backsteinhaus. Von Ferne konstantes Gebrumm, die Pendler gen London. Die schwarzen Hüte und Roben gestern, wie direkt aus einem Rembrandt, mit roten Schnüren und Troddeln, die rechts neben dem Gesicht hängen. Kunstvoller Faltenwurf ziert die Rücken der frisch gebackenen Doktoren.
Semioticghost, heute in zivil (knallrote Leggins, schwarzes T-shirt mit Kirschen drauf, Akademikerbrille) hört Bob Dylan und bearbeitet die Fotos der Zeremonie, ich fliehe nach draußen auf meinen Platz vor dem Schuppen, Dylan macht mich traurig.
Ich hatte, Himmel sei Dank, einen Fächer mitgenommen. Wieviele waren im Auditorium? Tausend? Ich kann Menschenmengen so schlecht schätzen. Aus aller Herren und Damen Länder die stolzen Eltern. In der Reihe vor mir ein afrikanisches Paar, hoch aufgetürmt der Kopfschmuck. Inder. Asiaten aller Art. Esten und Letten und
(oh, die Sonne!
Krass, wenn die hier auf der Insel mal aus den Wolken tritt, schnurren die Nachtgewittertropfen auf den Blättern im Nu zusammen und – pffft – verzischen mit Geräusch)
Man dürfe so laut applaudieren, wie man wolle, verkündete die Zeremonienmeisterin zu Beginn. (Welch kultivierte Stimme!) Nur dabei bitte nicht aufstehen. Aufstehen aber wohl, wenn die hochgeehrten Gelehrten aller Fakultäten, der Lord Chancellor an ihrer Spitze, die Halle beträten. Jetzt also. Das Zepter geht voraus, die Lady, die es dem Lord auf seinen Tisch niederlegt, trägt weiße Handschuhe. Klar. Es gibt unterschiedliche Hüte mit verschieden rechts und links abgelegten Troddeln, jede Version einen anderen akademischen Rang signalisierend; auch die Roben geben diverse Hinweise. Versteh’ ich alles nicht. Mir ist entsetzlich feierlich zumut.
Der Lord hält die erste Rede. Er habe diese Woche auch andere Abgänger und Doktoren geehrt, sagt er, doch jene, die er heute verabschiede, bei denen sei er sicher, dass die verlotterte, geschundene Gesellschaft sie besonders dringend brauche. Meine Damen und Herren Psychologen und Analytiker, Soziologen und Philosophen. Ohne Sie wird das alles noch weiter den Bach runtergehen. Sie haben eine gewaltige Aufgabe vor sich.
Er sagt das alles in gesetzten Worten. Zu seiner Zeit habe es noch Solidarität gegeben. Heuzutage bewege man sich in feindlicher Umgebung. An die Arbeit, also. Und Zähne zusammengebissen. Und voller Freude sein dabei.
Na ja, so ähnlich.
Die Feierlichkeit nimmt ihren Lauf, die Leiterinnen und Leiter der Fakultäten heben einzelne Individuen und Projekte heraus, preisen ihr jeweiliges Fachgebiet. Nennen Namen. Die Namen verwandeln sich in Körper, treten nach vorne, berobt, schwitzend und wie irre grinsend, der Chancellor ergreift die Hand eines jeden, wechselt ein paar Worte. Abgang. Nächster.
Ich fächle mich. Gott, sind das viele.
Am Schluss (ich spare mir das Zwischenstück) nochmals der Lord. Sein letzter Satz. Wenn ich mir eine Bitte erlauben dürfte, sagt er. Sie richtet sich an Sie, verehrte Abgänger und Doktoren. Wenn bitte mal alle von Ihnen die Hand heben würden, die als erste in ihrer Familie einen akademischen Abschluss erwerben!
Ich sehe nach hinten, wo die Berobten alle sitzen: weit, weit mehr als die Hälfte hat die Hand gehoben.
Verdammt, denke, ich, genau so soll es sein.
Der Lord Chansellor blickt ins Auditorium. “And that’s what it’s all about” sagt er.
Der Satz, ich schwör’s Ihnen, ging mir durch und durch.

Und dann müssen wir alle wieder aufstehen, die Bühne leert sich in genau bemessener Choreograpie und das Ding ist gelaufen. Unnötig zu sagen, dass danach ein erhebliches an Alkohol floss.

21:19
Wollen Sie sehen, wie ein englischer Doktorhut aussieht?

9 Gedanken zu „TTag, 22. Juli 2010. That’s what it’s all about.

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