TTag, 22. Juli 2010. Von den besetzten Orten

Good mornin!
Melde mich spaeter, sitze am falschen Rechner. Der hier ist von meiner Schwester und die Tastatur hoechst gewoehnungsbeduerftig. Nicht nur wegen der fehlenden Umlaute.

see ya : )

Phyllis

12:53

Ich bin, wie ich immer wieder feststelle, ein Mensch mit Macken. Eine davon äußert sich so, dass es mir reichlich schwer fällt, mich an Orte zu begeben, die andere mit ihrem Leben, ihren Routinen und ihren Gegenständen für sich und ihre Bedürfnisse bereits definiert haben. Ich mag neutrale Orte. Hotels. Leere Wohnungen. Verlassene Fabriketagen. Womit ich sagen will, das Zuhause einer anderen Person bedeutet für mich immer erstmal Stress. Kennen Sie das? Je voller so ein Zuhause mit Sachen ist, desto schwerer fällt mir das Ganze.
Nun neigen ausgerechnet jene Menschen, die mir besonders nah sind, dazu, ihre Räume in geradezu orgiastischer Manier mit Sachen voll zu stopfen. Im Ernst.
Sie sagen dann, es ist so klein bei mir, hätte ich mehr Platz – doch das ist Unfug. Hätten sie mehr Quadratmeter, sie hätten auch mehr Zeug.
Nun denken Sie nicht, bei mir zuhause wäre es karg: keineswegs. Nur anders. Ich dünne aus. Meine Liebsten tun das ganz augenscheinlich nicht. Ist doch kein Problem, werden Sie denken, was macht die sich rum, jedem Tierchen sein Höhlchen.
Klar. Doch ich fange an zu hecheln, mein Sinnesapparat ist überfordert. Das Kissen hat die falsche Farbe, der Stuhl quietscht, die Bücherregale scheinen mir alle entgegen zu kippen: das ganze Wohnrevier ist unvertraut und bedrängend und voll.
„Ruhig, Phyllis“ sagte ich mir heute morgen, „Du darfst nicht jeder Deiner Macken aufsitzen, nur weil sie so einen breiten Rücken hat. Reiß Dich am Riemen; es ist alles in Ordnung. Du bist hier gut aufgehoben.“
„Nein“ knurrte ich.
„Was muss ich ändern?“ fragte ich zurück. (Ich weiß, wenn ich mich ignoriere, wird es schlimmer)
„Du brauchst einen Platz für Dich“ sagte ich. “Gibt es irgendwo da, wo Du bist, einen Raum, den Du für Dich besetzen kannst, um zu arbeiten?“
„Eher nicht…“
„Kannst Du denken so?“
„Nein.“
„Kannst Du was tun, um in Deinen Körper reinzukommen?“
„Nee. Hab’ Gymnastik gemacht, aber nichts dabei gespürt.“
„Das ist schlecht. Wenn Denken und Spüren gleichzeitig ausfallen, wirst Du Probleme kriegen. Du musst Dir was überlegen. Du bist Künstlerin. Auf jetzt!“

Ich gehe in den Garten. Es ist eine Anhöhe, nicht groß, aber mit Sträuchern, einem Rosenbusch und Rasen. Ein ausgetrockneter kleiner Teich. Ganz oben ein winziger grüner Schuppen. Da lege ich mich ins Gras.
Ui. Hier ist es besser.
„Semighost?“ rufe ich.
„Ja?“
„Habt Ihr eigentlich Stühle für hier draußen?“
„Im Schuppen müssten welche sein, aber die stehen da schon zwanzig Jahre unbenutzt…“
„Gibt’s einen Schlüssel für das Vorhängeschloss?“
„Klar.“
Sie steht am Herd und will eben Eier in die Pfanne schlagen. Sieht mich an und überlegt es sich anders. Stellt die Eier beiseite. Greift sich einen Schlüssel vom Haken und einen Besen, geht zum Schuppen und zieht zwei Gartenstühle aus dem hintersten Winkel. Der Besen ist für die Spinnweben; von denen gibt es reichlich.
„Und was ist das da?“ frage ich aus sicherer Entfernung. (Hab’ ne Spinnenphobie.)
„Eine Arbeitsbank“
„Die könnte ich doch als Tisch…?“
„Aber ja.“
Und auch die wird herausgegriffen, von Spinnen befreit und beherzt aus ihrer zwanzigjährigen Ruhe aufgeklappt.
Da sitze ich nun auf diesem Stuhl, dessen Bespannung ihn als mindestens dreißigjährig ausweist, hab’ die Beine auf der Werkbank, Laptop auf dem Schoß, den versponnenen Schuppen in meinem Rücken, und plötzlich ist die Welt wieder in Ordnung. Es ist schön hier. Ich sehe den Hügel runter auf die Hinterfassade des kleinen Hauses mit der geöffneten Terassentür, und plötzlich ist nicht mehr alles zuviel, sondern genau richtig. Eine Kätzin kommt vorbei, mustert mich kurz und geht weiter. Tauben sind auch da. Die dicke Sorte, die mit den weißen Halsfedern und dem richtigen Gurren. Die scheinen mir überall hin nachzufolgen, zuhause leben zwei auf der Birke vor meinem Fenster, in K**** fand ich welche vor, als ich meine Räume bezog, und hier nun auch wieder. Unsere Mutter, die ein wenig zur Esoterik neigt, würde sicher behaupten, das sei meine verstorbene Großmutter. Die hat auch tatsächlich mehrfach verkündet, ihr Geist würde nach ihrem Ableben aus den Stimmen der Vögel zu uns sprechen.
Tja. Warum eigentlich nicht? Sie konnte die Rufe von Eulen und Tauben jedenfalls so nachmachen, dass die Angesprochenen immer näher kamen.
Ich werd’ mich mal anziehen für die kommenden Feierlichkeiten.
Hab’ ich schon erwähnt, dass semighost mich so gut versteht wie kaum ein anderer Mensch? Sie nennt mich verschroben. Womit sie nicht unrecht hat. Aber sie spürt mich oft lächelnd da auf, wo ich noch gar keine Worte habe.

9 Gedanken zu „TTag, 22. Juli 2010. Von den besetzten Orten

  1. Yesterdays Bangers & Mash… … Oh how I envy you, to indulge in the delights of the Empires kitchen (heh,heh). Scotch eggs, melton mowbrey pork pies, cornish pasties and not to forget fish and chips wrapped in newspaper ( the best fishy’s being of course on the yorkshire coast) well I would say that being a born Yorkshireman!
    Remember to call I do fantastic Bangers and M… ;))

    have fun

    • naja phyllis du fühlst dich wohl.
      dich wohl in deiner lebenswelt, so situativiert angemessen wie du behauptest.
      dir fehl nichts ( bis auf deine schwester bei der du gerade bist )
      du bist echt ein wenig zu aufmerksam auf das hin bezogen, was solche leute wie ich
      von dir vielleicht erwarten könnten.
      schurken, baby.

    • jetzt häte ich ihnen schon fast etwas vertrauensüerdigen angeboten, wass wömoglich auf swr ebene des ,uss abbrechen, finger oder bein mptorik versagt.sollte wieder mal was suafen und an kleine operationen denken, wo wunden nicht heilen.

      sorry

    • kryptisch und enigmatisch.
      bemerke das jetzt selbst auch mit schneidender selbstkritik.
      “diese herabwürdigende art” war eine andeutung davon.

      beste glückwünsche an ihre schwester!

      lobsiemaus

  2. @Kiehl, Eule & Taube und Spinne. Ich finde, Frau Kiehl, Sie besetzen den “besetzten” Ort doch sehr gut, und Ihr Schwestergeist der Zeichen – nein: “Halb”geist eben n i c h t, sondern ganze Geste, immer, das heißt: und Information – spürt das und hilft den Phobien, die Besetzung zu räumen, nämlich beiseitezutreten, hier sogar: beiseitezulaufen. Das kleine Volk der Phobien (sechsbeinig, bisweilen mit mächtigem Körper: die Beine aber, Frau Kiehl, b l e i b e n empfindlich) und das große Volk der Besetzung hängen zusammen. Koalieren sie, kommen Incuben dabei heraus: Man sagt dann, es sei wer besessen von etwas anderem. Die Kirche exorziert das, wenn möglich (wenn noch erlaubt), die Eulen und Tauben lachen darüber. Von letzteren berichtet >>>> Benjamin Steins LEINWAND, die Seele guter Menschen, die starben, nimmt vorübergehend in ihnen Platz, um auf den neuen Menschenkörper zu warten… auch eine “Besetzung”, aber, und das ist sehr schön, sie verdrängt die Taubenseele nicht, sondern nimmt n e b en ihr im Taubenkörper Platz. Mag sein, Ihre Großmutter hat ihre Verkündung genau so gemeint. Die Taubenseele, wenn die Großmutter etwas zu benachrichtigen hat, rückt ein Stückerl beiseite, die Großmutterseele nimmt bei ihr Platz – “Ui, eng hier!” beide kichern – und ab geht’s zu Ihnen hinunter, damit gesagt werden kann, was gesagt werden soll.
    Und meinen Sie wirklich, die Spinnen hätten Platz gemacht, wenn sie hätten nicht wollen? Das mit der Handfegernotwendigkeit, das schürzen sie vor, um die Menschen nicht zu kränken; die sollen das Gefühl behalten, selbst zu bewirken, was sie möchten. Also läßt man sich ein bißchen hin- und herfegen und freut sich, daß das so gut funktioniert mit dem bewahrten Selbstverständnis. Und sieht, wie Sie Platz nehmen draußen, ausatmen, frei von Besetzung – und alle Spinnen lächeln. (Bis auf die boshaften; die gibt es, wie bei uns Menschen, selbstverständlich auch.)

    • Das ist wirklich schön, anh. Manchmal merkt man sehr deutlich, wie Sie Vater sind. Und wie man im kindlichen Bewusstsein Raum schaffen kann für alle diese Ebenen, auf denen dann Bilder gedeihen. Und keines ist „richtiger“ als ein anderes.
      Ich könnte jetzt sagen, Spinnen haben acht Beine, nicht sechs.
      Und dass meine Großmutter in alle Winde verstreut ist, und keine Essenz zurück geblieben. Und dass in Tauben nicht genug Platz ist für Geister. Doch warum sollte ich das tun? Wir sind alle darauf aus, Dinge „richtig zu stellen“ (und richtig zu machen) und vergessen, dass man auch Realitäten s c h a f f t, wenn man sie mit guten Bildern anfüttert. Guten, nicht „richtigen“.

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