2 Gedanken zu „Spuren hinterlassen, 48

  1. Gelungene Provokation!
    Die politisch Rechte macht sich breit im Sog des Flüchtlingszustroms. Sie nährt sich aus der Angst. Nicht jede:r mit Ängsten vor kulturellen Veränderungen, welche der Zustrom an fremden Menschen mit sich bringt, unterstützt die Rechtsextremen. Soviel ist klar. Doch niemand im politischen Spektrum spricht den Ursprung dieser Angst an. Der liegt nämlich keineswegs im Zuzug fremder Menschen. Dieser Zuzug wirkt bloß katalytisch.

    Verschwiegen wird, dass die Fremdenangst in einem tiefen Misstrauen gegen den „autochtonen“ Mitmenschen verwurzelt ist. Den Boden dafür bereitete das neoliberale Paradigma, dass der Mensch von staatlicher Reglementierung befreit werden müsse, um höchstmögliche Autonomie, die Glückseligkeit schlechthin, erfahren zu können. Dabei wurde aber übersehen (oder gar gewollt?), dass bislang funktionierende gesellschaftliche Gelenkverbindungen peu à peu aufgegeben werden: Solidarität, Hilfsbereitschaft, Anteilnahme. Das wird vor allem für alte Menschen deutlich spürbar, die sich an die Festigkeit dieser Verbindungen noch lebhaft erinnern können. Sie verfolgten mit, wie sich die Gesellschaft, in der sie leben, ohne Not entsolidarisierte und sie nehmen sich als „übriggeblieben“ und „unversichert“ (im solidarischen Sinn) wahr.

    Der alte Mensch vermisst die Tragfähigkeit dieser sozialen Gelenke. Der jüngere Mensch lehnt sie gleich ganz ab, ohne jemals erfahren zu haben, welchen Wert sie haben. Dann kommt die große Herausforderung.

    „Wir schaffen das“ ist gut gemeint von Bundesmutti. Ich zolle ihr höchsten Respekt für ihre zutiefst menschliche Haltung, von der sie nicht abgehen will (auch wenn mittlerweile klar wurde, dass auch sie politisches Kalkül pflegen muss – mir graut vor meinem Bundeswerner). Dem gut Gemeinten fehlt indes die praktische gesellschaftliche Grundlage. Aus der Gewissheit, im Zweifelsfall auf sich alleine gestellt zu sein, kann keine gemeinschaftliche Machbarkeitsüberzeugung wachsen.

    In den rechtsextremen Gruppierungen, die nun zur Wahl stehen, wird das Paradoxe unternommen: die Machbarkeitsüberzeugung, dass das Machbare als Unmachbares denunziert und so verhindert werden kann. Eine gemeinschaftliche Machbarkeitsüberzeugung also, die genauso gut für das tatsächlich Machbare einzusetzen wäre. Hier wird „Gesellschaft“ neu geschrieben. Was rede ich da? Lange überwunden Geglaubtes, die Reinheit nämlich, wird wieder hervorgeholt, entgegen aller Lehren der Geschichte.

    Wie Gesellschaft funktioniert, wenn ihr die Gelenke entnommen wurden, ist gerade in eindrucksvoller Weise zu studieren. Ich hätte nur zu gerne darauf verzichtet. Aber was soll’s, Augen und Ohren auf, die Argumente geschärft, zu den [Sprach- und Bild]Waffen!

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