19 Gedanken zu „Die Sprache der Anderen, 54

  1. Also in englischer Sprache wirkt das irgendwie unecht, da hab ich das Bild eines schiebermützigen Arbeiters vor Augen, der die Schnauze voll hat von der Arbeit unter Tage. In der Sache, der Abkehr von der Kleinbürgerlichkeit, liegt der Rumi aber ganz richtig.

  2. Ich lebe… … inzwischen seit vierzig Jahren als freiberuflicher Autor. In dieser Zeit habe ich so viel Verunsicherung erlebt, so viel Zusammenbruch und Neubeginn, so viel Tanz auf dem Drahtseil, so viel Leben von der Hand in den Mund, so viel Weitermachen ohne jede Aussicht, ohne irgendeine Hilfe oder auch nur Zuspruch, dafür mit umso mehr Ignoranz, Spott und Arschtritten von meiner Umwelt, dass ich Rumis Sprüche wirklich nicht mehr brauche.
    Rumis Weisheiten sind für Leute, die vor dem Urlaub monatelang überlegen, ob sie es in diesem Jahr wirklich mal wagen können, das Wellness-Hotel zu wechseln.

    • Aber der Rumi hat das doch im 13. Jahrhundert von sich gegeben, weit vor unserer Zeit. Aber natürlich haben Sie recht, b r a u c h e n tut man diese Weisheit nicht. Wer nicht selbst darauf kommt, so zu leben, wie er will und damit muß, versteht Rumi sowieso nicht wirklich, und wer Rumis Ansicht glaubt zu brauchen, um d a m i t dann sein Leben zu ändern, steht ohnehin für immer sich selbst auf der Bremse. Solche Leute kaufen dann auch die Hermann-Hesse-Weisheiten aus dem Suhrkamp-Esoterik-Verlag.

    • Ich weiß … … zu wenig über Rumi, um mir präzise vorstellen zu können, wer da im 13. Jahrhundert seine Adressaten waren. Ich kann mir nur schwer denken, dass seine Mitmenschen, die in dieser Zeit ja überhaupt nichts von den sozialen Sicherungssystemen besaßen, die wir alle heute für einigermaßen alltäglich halten, solche Predigten brauchten. Die haben doch, falls er nicht eh für den persischen Adel schrieb, permanent in dieser Unsicherheit etc. gelebt.

      Und heute dienen seine Sprüche eh nur den Teilnehmern an esoterischen Streichelworkshops.

    • Ich weiß gar nichts über Rumi, denke mir aber, daß es zu seiner Zeit Daseinssicherheit im sozialen Sinne zwar gab, sicher aber nicht in unserem heutigen Sinne – womöglich wollte er auch nur (den Adel?) warnen vor zu viel Trägheit im Leben. Ergo: nix Genaues weiß man nicht, es sei denn, man ist fest im Glauben an was auch immer.

  3. für die esoterischen Streichelworkshops چون قلم اندر نوشتن می شتافت
    چون به عشق آمد قلم برخود شکافت
    چون سخن در وصف این حالت رسید
    هم قلم بشکست و هم کاغذ درید

  4. Mir gefällt das Zitat, gerade vor dem Hintergrund heutiger Esoterik-, Ratgeber- und sonstiger Klugscheißerliteratur, die in der Regel suggeriert, Veränderung koste nichts und sei bequem allein mit dem richtigen Büchlein in der Tasche zu haben. Meiner Erfahrung nach muss, wer wirklich etwas ändern will in seinem Leben, dorhin gehen, wo es weh tut. Wer mit sich zufrieden ist, hat selbstverständlich keine Andockstellen an einen Spruch wie diesen.

    • Wer allerdings nicht selber drauf kommt, dem nützt die Erkenntnis anderer oft wenig. Grad in Berlin trifft man ja häufig Eingeborene, also solche, die hier aufgewachsen und auch hier geblieben sind, denen es an Weltläufigkeit mangelt, weil sie es sich in der Wohlfühloase Berlin seit je her geistig bequem gemacht haben. Vielleicht hatte der Rumi diese Art Dumpfbacken im Auge, denn recht hat er natürlich.

  5. Das Zitat interessierte mich, weil es so gegenwärtig klingt. Ich kann mir schwer vorstellen, dass Rumi einen solchen schnoddrigen Sprech am Leibe hatte. (- kein Wunder, Norbert, dass Sie das irritierte.) Weshalb ich daran festhalte, es toll zu finden? Einfach, weil mich das allgegenwärtige Sicherheitsdenken/Credo der Jetztzeit noch viel mehr irritiert. Dieser Sicherheitsabsicherungs-Drill ist auch mir inzwischen in jede Pore eingezogen und hindert mich oft genug (wahrscheinlich viel häufiger, als mir bewusst ist) daran, so über mich und mein Revier hinauszudenken, wie ich eigentlich imstande wäre.

    • Die Leute richten sich in … … allem ein. Eine Freundin, seit Jahren arbeitslos, hatten wir auf einen Job hingewiesen, den sie sicher bekommen hätte, da wir die Zusammenhänge und Hintergründe kannten.

      Sie lehnte das Angebot mit dem Argument ab, dass sie dann ja wieder ihre Kranken- und Rentenversicherung selbst bezahlen müsse. Das ginge nicht, deshalb lieber die sichere Arbeitslosenbank. Echt wahr.

    • Die Irritation greift in jene Lücke, welche das geschwundene Vertrauen in einander hinterlassen hat – was ein [neoliberal-] gesellschaftliches Phänomen ist, meine ich. (Langzeit[erwerbs]arbeitslosigkeit, übrigens, kann mit dem vollständigen Verlust von Selbstvertrauen gleichgesetzt werden)

  6. Schönes Zitat Ich wollt’s nicht.
    Musst’s dennoch.
    Brutal lernen.
    Hab’s endlich geschafft.

    “Jenseits von Richtig und Falsch ist ein Ort. Dort treffen wir uns.”
    Ist auch eine schwierige Übung …

    • Dieses “Jenseits von Richtig und Falsch” – Zitat verwende ich seit Jahren in meinen Schreibseminaren. Die Schüler:innen lieben es. Ich habe allerdings die englische Version, einfach, weil sie besser klingt:
      “Beyond our ideas of right-doing and wrong-doing, there is a field. I’ll meet you there.”

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