Fünf Stockwerke

Das Gebäude, in dem die Bilder lagern, die ich während des Studiums gemalt habe, wird demnächst abgerissen; sie müssen raus. Mal wieder. Ich bin schon mehrere Male mit ihnen umgezogen, nun hatte ich eigentlich beschlossen, sie dort im obersten Stock stehen zu lassen. Ich hätte sie noch einmal fotografiert. Dann, dachte ich, hätte ich mich auf die Straße gestellt und zugesehen, wie der Abrisskran seine Arbeit verrichtet, doch so soll es anscheinend nicht kommen, denn der Mann meines Herzens legte Widerspruch ein. Keinesfalls dürfe ich mich von ihnen trennen.
Warum nicht, sagte ich, sie sind zu ihrer Zeit ausgestellt gewesen, einige von ihnen haben ihren Weg zu neuen Besitzern gefunden, die, die noch übrig sind, haben es einfach nicht geschafft, wichtig zu werden, sie waren nicht stark genug, also weg mit ihnen.
Aber d i r sind sie wichtig, sagte er.
…Nein.
Doch.
Lass mich in Frieden damit.
Sie sind ein Teil von dir.
Aber ein vergangener!
Lass’ deine Zerstörungswut an etwas anderem aus!
– Und so ging das eine Weile.

Und nu’ hole ich den Transporter und fahre dorthin und steige ichweißnichtwievieleMale dieses wunderschöne Treppenhaus rauf und runter mit dem Oevre meiner Studentinnenzeit, belade das Gefährt und karre die Bilder aufs Land. Dort stehen sie dann beieinander auf einer grünen Wiese, kauen friedlich ihren Hafer und genießen ihr Altenteil. Oder so ähnlich.

16 Gedanken zu „Fünf Stockwerke

  1. Bilderlandverschickung, fällt mir – aus aktuellem Anlass – dazu ein. Nur dass die Nazis nicht die Kinder sondern ihr künftiges Reich schützen wollten. Ihre Bilder können an und durch die Natur doch prima wachsen. Hat nicht auch Munch seine Bilder den Naturgewalten ausgesetzt?

  2. Sie hätten absolut recht gehabt mit der Ansicht, die Bilder mit dem Haus untergehen zu lassen! Alles andere ist Sentimentalität, Gefühlsduselei und Materialismus. Außerdem, wer weiß, vielleicht würde sich der ein oder andere Abrißarbeiter ein schönes Stück sichern und sein Heim damit verschönern! Und wenn Sie die Bilder schon aufs Land bringen, dann müssen sie, ala Edvard Munch, im Freien rumstehen!

    • Ich glaube, in dieser Sache geht’s nicht um “rechthaben”, sondern um die Entscheidung zwischen einer dramatischen und einer liebevollen Geste. Keine Ahnung, was “richtiger” wäre mir selbst gegenüber, aber nu isses entschieden.
      Und da beißt auch kein Munch mehr einen Faden davon ab!

    • Entscheiden müssen Sie das natürlich – mich bedrücken meine alten Arbeiten, die irgendwo lagern, jedenfalls eher. Die verkauften und sonstwie in die Welt gebrachten Bilder sind aus meiner Sicht dagegen selbständig (erwachsen) und die mir sonstwie wichtigen hängen bei mir in der Wohnung. Hätte ich allerdings irgendwo in einem Garten ein Gartenhaus, würde ich die eingelagerten Bilder außen an die Wände hängen, als so eine Art Umkehrhängung.

    • Aber Herr Schlinkert, überlassen Sie doch anderen, oder dem Zufall, oder nachfolgenden Generationen oder weiß ich wem oder was ob die daheim gebliebenen Bilder noch erwachsen werden. Warum immer Trennlinien durchs eigene Leben ziehen, scheiden zwischen alt und gegenwärtig? Und überhaupt, statt Ihre Gefühle der Duselei zu bezichtigen sollten sie vielleicht etwas liebevoller mit ihnen umgehen, z. B. sie auch mal auf Händen tragen?

    • Was heißt hier Trennlinien, Herr Dilettant? Ich trenne ja nicht, sondern werde durch die Zeitläufte getrennt von Dingen, die mir nichts mehr bedeuten, weil es eben nichts gibt außer der holden Gegenwart. Denken Sie doch nur an Orpheus und Eurydike und deren Versuch, Vergangenes ins Gegenwärtige zu bringen – dat klappt nich! Würde ich meine Bilder in der Wohnung nicht jeden Tag bewußt wahrnehmen, ich täte sie vergessen und damit vernichten wollen.

    • Leben ist da, wo ich zu handeln vermag, ob ich nun flattere, male, schreibe oder sonst etwas tue, so daß insofern alles gegenwärtig ist und wird, indem ich es an mich reiße. (Gilt selbstredend nicht für Historiker, die sich ihrer Hilfswissenschaft natürlich besonders hingeben, so als gäbe es kein Morgen.)

  3. als ich vor drei jahren aus meiner studenten wg ausgezogen bin
    stand ich vor dem selben problem
    in den ohren noch den satz meines professors möglichst nichts wegzuschmeißen
    da man
    so seine erfahrung
    zu einem späteren zeitpunkt auch ganz wunderbar eine alte arbeit weiterführen könne
    ganz besonders gelte dies für diejenigen arbeiten
    die man selber am meisten verabscheut
    juti juti sagte ich mir und ging den berg nach zwei kriterien durch
    fertig gebürstete malerei die außerhalb der seminarthemen entstand
    kam ausnahmslos in einen einkaufswagen von aldi den ich vor dem haus auf dem bürgersteig platzierte
    ich will nicht verheimlichen
    das das langsame verschwinden der werke
    mir eine große freude bereitet hat
    sämtliche studien die ich zu den seminarthemen gemacht habe
    begleiten mich weiterhin ( dachboden )
    zwecks überarbeitung
    im sinne meines professors

  4. Gnadenhof … … oder zur Adoption freigeben? “In liebevolle Hände abzugeben, die sie wieder ein paar Treppen hinauf und an ein lichtes Plätzchen tragen, sind …”
    Der Untergang mit dem Haus war eine poetische Gelegenheit, sie verstrich. War halt wie ein Fasan, der vorüberlärmte, halbhoch, ein Rebhuhn, von denen die Erinnerung bleibt, und zwar nicht die an den Geschmack eines Bratens. Die Kapitän jedoch bereits von Bord.

    • aus :

      es früher oder später abgreissen ward, wie papier, ausweispapier was für spliffchen, geheime briefkästen, aus denen machos sowas wie plapperten, 1000 ps boliden / bullies / artsies
      maybe u can destroy yer own work, u are godlike as nietzsches dionysos.

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