Farah Days Tagebuch, 13

Samstag, 6. Juli 2013

Ich könnte mir jeden Tag etwas Neues erlauben. Es könnte auch sein, dass ich alles ziehen lasse, von dem ich dachte, es gehörte unabdingbar zu meinem Ich, mir stattdessen andere Dinge angedeihen lasse. Schwer, natürlich. Es darf jetzt auch mal soweit kommen, dass es mir scheißegal ist, ob mir etwas zusteht oder nicht, wenn ich es einfach will, wenn es einfach auftaucht. Dieser Wille. Der geheimnisvolle. Immer hadere ich damit herum, dass es die Augen der Anderen sind, die ihn errichten. Wie es mich manchmal provoziert, wenn sie einen so starken haben, dass er ihre Gesichtszüge verzerrt: als müsse immer, bei aller Anstrengung, allem Wollen, die Kack-Fassade gewahrt bleiben. Bullshit. Wer ist schon souverän, wenn wirklich etwas auf dem Spiel steht. Niemand. Also. Siehst Du Farah. Wenn mir etwas wichtig ist, soll es mich verzerren dürfen, mein Gesicht, meinen Trott. Es ist nicht schlimm, verhaltensauffällig zu sein, jedenfalls nicht so schlimm, wie sich die Vorstellung davon anfühlt.

Aus dem Maul der toten Ziege steigen eines Nachts die little people und spinnen eine Puppe aus Luft.
Haruki Murakami hat auch keine Angst vor seiner Vorstellungskraft. Und der, wette ich, ist in Japan noch viel mehr auf Anpassen gedrillt worden, als kleiner Junge, als ich mir vorstellen kann.
Das Wort angelegentlich häufiger verwenden.
Das Wort unschlüssig wieder in den Wortschatz aufnehmen.
Dem Fluss mehr Bedeutung beimessen, Sachen nur auf Vorrat tun, wenn’s nicht anders geht, ansonsten lieber regelmäßig.
Sinnstiftung, Dschinn-Stiftung, Dschinnftung: wenn Worte sich kneten lassen, lässt sich auch Wirklichkeit formen.
Die Sache mit den Vorbildern: es könnte auch so sein, dass man sich klammheimlich damit begnügt, dass andere die tollen Dinge machen, klugen Ideen ausschwärmen lassen, dringenden Entschlüsse fassen. Als ob die Vorbilder zu Stellvertretern würden, die eigenes Handeln überflüssig machen.

Zwischen ich will alles haben und ich kann auf alles verzichten liegt die große, weite Landschaft der Sozialverträglichkeit, die Bundesgartenschau der Mäßigung. Der erste Preis für die schönste Hecke wird millionenfach vergeben.
Hecken schützen, Heckenschützen, Hägen Schudts. Fast schon Eiscreme. Worte lassen sich kneten, man muss nur auf Vorbilder verzichten, dann ist es ganz leicht.
Einen Sommer lang. Mich anrühren lassen. Mir vorstellen, ich meine wirklich, dass alles Vorgestellte nur ein Paravent vor dem Brodeln des Ungeformten ist und selbst wenn man ihn wegnähme und versuchte, in das Brodeln einzudringen, klappte schon der nächste hoch. Wer noch denkt, verpasst das Unmittelbare. Hören wir auf zu denken.

21 Gedanken zu „Farah Days Tagebuch, 13

  1. “die Bundesgartenschau der Mäßigung”. Großartig, Frau Day (die ich Sie viel lieber bei Ihrem Vornamen nennte… allein, der chavelereske Anstand untersagt es mir, der auf Distanz, wo sie hingehört, wertlegt). Großartig, wirklich. Alles Vorgestellte i s t – aber nicht “nur” – ein Paravent vor dem Brodeln des Ungeformten. Formen wir!

    Und bei Gelegenheit, so sie sich ergibt, bereite ich Ihnen ein dschinnistanes Essen. Allerdings muß Frau Phyllis uns erst miteinander bekanntmachen.

  2. Am seidenen Faden hängt im übertragenen Sinne ja so manches, zum Beispiel das Damoklesschwert! Aber wenn man dran hängen oder sich drunter stellen will, bitte, dann aber muß es hinwiederum erlaubt sein, seine Existenz auf Treibsand zu bauen, denn dann kann man so schön durch sein Leben surfen und hat immer was zu erzählen. Huih!

  3. Mich deucht, Sie könnten da vollkommen recht haben, Herr Kollege. Solange nicht ich es bin, die ihn schreiben muss – ich werde mich dem Tausendseiter erst zuwenden, wenn ich mein siebzigstes überschritten habe. Vorher ist einfach zu viel los hier!

  4. “Hören wir auf zu denken” Das Denken halte ich für die in der abendländisch-westlichen Kultur bei weitem überschätzteste Tätigkeit des Menschen.
    “Ich darf am seidenen Faden hängen” – Klaro, unten stehen die Männer Schlange um Sie aufzufangen 🙂

    • @DerDilettant. Ohne das Denken hätten wir keine Toleranz, kein bürgerliches Gesetzbuch, nicht die Formulierung der Menschenrechte, geschweige den Versuch, sie durchzusetzen und einzuhalten. Es gäbe keine Wissenschaft, also keine Medizin, und also läge die Säuglingssterblichkeit immer noch bei 70 % und die Sterberate der Mütter im Kindbett noch höher; wir hätten weder Poesie noch Musik. Auch hätte das sogenannte Dritte Reich vermieden werden können, hätten die meisten Menschen denn nachgedacht. Was aber das Schlangestehen anbelangt, so sollten Sie besser davon ausgehen, daß sie eben n i c h t fällt – schon deshalb, weil es ihr um das Gefühl von Freiheit geht, nicht darum, wieder unten aufzukommen.

    • Lieber Albannikolaiherbst, keineswegs bin ich der Meinung, dass wir AUFHÖREN sollten zu denken. Davon war ja keine Rede. Und keineswegs leugne ich die – oder profitiere etwa nicht von den – Segnungen der Wissenschaft, insbesondere der Medizin. Aber dass das Unheil durch NOCH angestrengteres Denken aus der Welt zu schaffen wäre – an den Verbrechen der Nazis waren sehr intelligente Menschen beteiligt – oder dass noble Errungenschaften wie Toleranz nichts mit Empathie und mithin gänzlich unintellektuellen Fähigkeiten zu tun hätten – davon kann ja nun wirklich keine Rede sein. Der Verstand des Menschen ist ein williges Instrument seiner Bedürfnisse. Die wissen zwar nichts von Moral, sind aber die Triebfedern unseres so lebenswerten Lebens. Der Verstand wiederum lässt sich willig noch vor jeden Karren spannen.

    • Na ja, daß sich die Frau. Vom Manne retten lasse, ist tiefkirchlich-christliche Ideologie und damit absolut vatikankonform. Da ist mir Goethes klassischer Harmonismus lieber; immerhin hat er er Faust errettet, anstatt darüber mitzujubeln, daß ihn der Teufel kriegt.

  5. Die Nachwelt wird sich eventuell darein fügen müssen, dass in fernster Zukunft zwarwohl mein Faden, nicht aber sein Ende noch aufzufinden sein wird.
    Geschweige denn eine Spindel, um ihn ordentlich aufzuwickeln…

  6. Und die Freiheit gibt’s nicht umsonst. Die Gefahr ist ihr Lebenselixier. Da finde ich einen Plan B in Gestalt schlangestehender Männer – oder, besser natürlich – des Einzigen, Wildentschlossenen völlig in Ordnung. Soll sich doch die Frau mal vom Manne retten lassen, anstatt dass er sich vom Ewig-Weiblichen hinanziehen lässt…

  7. @DerDilettant zur Freiheit. Dummerweise lautete eine der Parolen Mussolinis so:Vivere pericolosamente! Ich weiß das aber auch erst seit >>>>meiner gestrigen Lektüre. Herling erzählt die Anekdote. Nach dem Vesuvausbruch von 1944 geht der Erzähler mit einem Freund an einem einstürzenden Haus vorbei:

    Kurz bevor die Fassade einstürzte, öffnete sich mit Krachen von innen aufgestoßen das oberste Fenster, und heraus sprang ein halbverhungerter Hund – nur noch Haut und Knochen. Über dem Fenster war eines der zahlreichen Gebote Mussolinis mit Pech an die Wand gemalt: Vivere pericolosamente! Gefährlich leben. “Da hast du einen fertigen Artikel für die Times“, rief ich lachend meinem Gefährten zu. “Gib ihm den Titel Der letzte Faschist!
    Gustaw Herling, Der standhafte Fürst.

    (Außer Goebbels kann ich in Hitlers Kabinett wenig intelligente, geschweige intellektuelle Personen erkennen. Selbstverständlich, aber, gibt es auch ein das Böse anstrebende Intellektuelles. Gerade das aber ist mit Naivetät nicht zu schlagen und erst recht nicht mit “reinem” Gefühl, so schuldlos dieses immer auch sei.)

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