Farah Days Tagebuch, 1

Samstag, 27. Oktober 2012

Ich bin ein Rezeptionsmonster: Ich habe kein eigenes Haus. Ich höre immer den anderen zu.
Ich weiß nicht, was „Gespräch“ ist, was „Gespräch“ für andere bedeutet. Warum scheint es ihnen keine Mühe zu machen? Wie schaffen sie es, nicht auseinanderzufallen, wie können sie mit mehreren Leuten gleichzeitig kommunizieren? Wie können sie in Anwesenheit anderer bei sich bleiben? Ich kann das nicht. Der Andrang von Daten ist viel zu groß, und das bißchen Selbst, das ich für mich beanspruche, hält keinem Gespräch stand. Ich sitze dabei und verrechne mich mit der Summe dessen, was gesagt, gezeigt, gestikuliert wird. Ich habe nie das Gefühl, etwas beeinflussen zu können, denn ich wiege nichts, ich bin durchlässig, ich bin viele. Ein lebendes Meßinstrument. Ich kann nie einem Inhalt folgen, weil ich ständig damit beschäftigt bin, mich in das Gesagte hinein zu multiplizieren, kleine, verläßliche Knötchen in diesem Fluß zu erzeugen, aus denen ich etwas Haftung ableiten könnte. Wenn, wenn. Es gelingt mir nicht, weil sich die anderen auf einer verschobenen Ebene befinden. Ich suche meinen Weg innerhalb einer Welt mikroskopisch kleiner Differenzen, während sie sich über S a c h e n unterhalten!
Natürlich kann ich kaum jemals etwas sagen. Ich kann einfach die Idee von Miteinandersprechens nicht richtig begreifen. Ich bin immer völlig nervös. Wer sprechen will, braucht einen einigermaßen stabilen Status, vor sich selbst. Ich verändere meinen Status mit jedem neuen Wort, das gesprochen wird, mit jeder Geste, jedem Blickaustausch, der mich involviert und auch mit jedem, an dem ich nicht beteiligt bin. Das Gespräch machte mit mir, was es will. Das ist mein Beitrag. Ich weiß nicht, wie Austausch funktioniert.
Ich habe nichts zum Tauschen, weil ich von der Anstrengung, alle meine Wahrnehmungen miteinander ins Verhältnis bringen zu wollen, völlig absorbiert bin. Ich muß mich um all die unterschwelligen Psychokreise kümmern, Unstimmigkeiten und Signale deuten, meinen Status ständig aktualisieren, meine Körperhaltung auf die Gesamtsumme der anderen Körperhaltungen einstellen, überall Löcher flicken, wo ein gesprochener Satz meines Erachtens mit dem darauffolgenden nicht richtig zusammenpasst, ich tu’ das mit mir selbst und innerhalb meiner eigenen Skalen, ohne daß dieses von Außen ersichtlich würde, doch ich übernehme Verantwortung für alles. Ich bin der Transmitter für das Gruppenbewußtsein, nein, mehr als das, ich korrigiere die Daten, die durch mich hindurchfliessen, bis sie meinem Empfinden für Symmetrie, Realität, Gerechtigkeit entsprechen.

Ein Gedanke zu „Farah Days Tagebuch, 1

  1. Wie toll, daß. Farah Day >>>> nicht verlorenging, sondern Person bekommt. Begannen Sie, Frau Phyllis, mit ihr einen neuen Roman? Es wäre die zweite Figur, von der ich gern noch mehr erführe, obwohl >>>> die erste, ebenfalls, seit längerem schweigt… nein, „ebenfalls“ jetzt ja nicht mehr. – Sie denken über Spannen?
    „..denn ich wiege nichts, ich bin durchlässig, ich bin viele“ -welch eine gute Projektionsfläche! Bitte mehr.

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