Holy Motors

Endlich mal wieder ein Film, der meinen Kunsthunger stillt – Holy shit, was für ein Bilderwurf! Der Name Oskar scheint für außergewöhnliche Protagonisten prädestiniert zu sein … doch >>> Denis Lavant als Monsieur Oscar könnte ich, anders als dem anderen, dem trommelnden Oskar, stundenlang in sein wüstes Gesicht sehen: in dieses Gestaltwandlergesicht, das aber – entgegen allem, was die Latexschichten suggerieren, die er sich im Film wieder und wieder aufträgt – nicht elastisch wirkt, nicht fügsam, sondern grindig, als wär’ jede Metamorphose, der er sich unterzieht, von Rissen in seinem Originalgesicht begleitet, die ihn etwas kosteten … weil sie innerhalb von Minuten heilen müssen, um seinem nächsten Trip, der nächsten Masquerade Grund und Untergrund sein zu können.
Monsieur Oskar haut sich seiner Garderobe im Fond der Stretchlimousine die Identitäten so gekonnt auf den kahlen Schädel, dass die Schwarte der Wirklichkeit kracht. Die Aufträge dazu liegen schriftlich vor. In Kladden. Nach jedem „Job“ nimmt er die nächste zur Hand; einmal entfährt ihm dabei ein Seufzer.
„Diese Woche nichts im Wald? Oder auf dem Land?“ fragt er nach vorne in die Fahrerinnenkabine.
„Nein, diese Woche nicht.“
Die Frau am Steuer, Celine >>> Edith Scob, ist nicht Person, sondern Personifizierung. Aber was für eine schöne und beziehungsreiche! In jede ihrer Falten hab’ ich mich einzeln verliebt. Nach jedem durchgeführten Auftrag – manchmal rettet sich Monsieur nur mit letzter Kraft zurück ins Gefährt – hat sie ihm bereits die neue Kladde auf die Rückbank gelegt. Manchmal müsste er tot sein. Natürlich ist er es nicht. Spätestens nach dem zweiten Mal, bei dem er sich Kugeln einfängt oder mit einem Messer im Hals aus der Szene taumelt, weiß man das.
Er ist ein mächtiger Banker, eine alte Bettlerin mit grausig verkrümmtem Rückgrat, ein Killer, ein Monster. Er ist grummeliger Vater einer halbwüchsigen Tochter, ein uralter Mann auf seinem Sterbebett, versierter Akteur in einem Animationsstudio, der eine Schlangenfrau im Latexdress begattet. Er spielt (oh, >>> Matthew Barney lässt grüßen, und wie!) eine faunische, von Moral befreite Kreatur, die ein Supermodel kidnappt und in die Kanalisation verschleppt, dort am Kleid der gefügigen, ja lethargischen Schönheit reißt, ihr die Fetzen um Oberkörper und Gesicht windet, bis sie zur Beduinin wird. Die ihn, den Faun, dem noch das Blut an den Lippen klebt – eine Szene zuvor hat er der Assistentin des Modefotografen zwei Finger abgebissen – recht sanft dann auf ihrem Schoß empfängt. Dort bleibt er ein Weilchen liegen, sein harter Schwanz wie der Henkel eines Messingkrugs.

Was, zum Henker, be-deutet das alles? Bilderreigen eines Rollenspielers, der stellvertretend für uns alle die lustvollen Qualen der Multioptionalität durchexerziert? Was motiviert Monsieur Oskar zu seinem Tun? Auf die Frage des ominösen Auftraggebers, der irgendwann im Fond der Limousine auf ihn wartet, antwortet er: „Für die Schönheit. Ich tue es für die Schönheit.“ Die Antwort scheint ebenso überflüssig zu sein wie die Frage. Nur die Kameras, die vermisst Monsieur Oskar: diejenigen, die man sehen kann als Akteur. Heutzutage sind die Maschinen so klein geworden, klagt er. Man weiß gar nicht mehr, ob noch jemand zusieht. Ob noch jemand zusieht…
Die Zeit der großen Maschinen ist vorbei. In der letzten Szene des Films wird das auf märchenhafte Weise noch einmal klar.
Identität, das impliziert der Film für mich, ist etwas gemachtes. Doch Monsieur Oskar stürzt sich in jede seiner Mutationen, als wäre es die letzte, die er annimmt. Mit derart wahnwitziger Hingabe auch, dass ich mich selbst mit wandle, als Zuschauerin zur Komplizin werde, die die Fahrt in der großen Limousinen-Maschine, nein, den Gewaltritt durch die Parallelwelten dankbar, weil unbeschadet, mitmacht, bis in tiefe Abgründe. Die aber keine sind: Alle Identitäten, alle Handlungen reihen sich unbewertet aneinander.
Ich dachte ganz zu Anfang an Godard. An Matthew Barney sowieso. David Lynch webt da irgendwo mit, JG Ballard, auch Lewis Carroll. Sogar Schlingensief fiel mir ein. Aber Leos Carax ist sein eigener Maniac. Was diesen Film in meinen Augen so großartig macht, ist seine Besessenheit. Die sich nicht darum schert, ob sie in ein Genre passt, oder welche Bezüge wir zu ihr herstellen. Sie ist einfach.

6 Gedanken zu „Holy Motors

    • Ich las es eben. Kann Ihre Abwehr auch teilweise nachvollziehen. Nur, dass die Bilder des Films bei mir eben andere Türen geöffnet haben – und da, wo die hinführen, sind Argumente keine Währung, selbst, wenn sie so überzeugend ins Feld geführt werden. Würde gerne auf Ihren Text eingehen, nur fehlt mir heute die Zeit. Vielleicht gibts ja von Leser:innenseite noch einige Stimmen im Laufe des Tages – der Film hat es verdient, da können Sie wettern, so viel Sie wollen! ; )
      Hier jedenfalls schon mal die Stimme der >>> taz.

    • Das ist ja eben mein Problem. Daß mir die meisten Bilder zu bekannt waren. Ich warte jetzt auf die DVD oder einen schwarzen Mitschnitt. Dann gehe ich die Szenen Szene für Szene durch und nenne die Filme, aus denen sie je eigentlich stammen. Ich fürchte, ich habe alle gesehen. Es kann also gut möglich sein, daß Carax‘ Bilder da wirken, wo die Ursprünge nicht bekannt sind. Jedenfalls, für mich, hat >>>> Ihre Collage von heute früh mehr Ausstrahlung und künstlerische Kompetenz als Carax‘ gesamte, auf diesen Film bezogen, Seelenarchitektur – also die seiner Protagonisten.
      W a s er allerdings zu erreichen scheint, ist heftige Polarisierung – etwas, das f ü r ihn spricht. Das räume ich sofort ein. So gesehen, wäre es hochgradig spannend, mal zu schauen, wer das denn ist, dessen Türen verschlossen bleiben, und wessen Türen geöffnet werden. Und warum. Also die Meta-Diskussion über den Film scheint mir spannend zu sein. In dem Punkt ähnelt >>>> „Holy Motors“ tatsächlich >>>> „Melancholia“.

      Übrigens ist sogar das Filmplakat ein Zitat. Schaun Sie mal:

    • Grrrt zu ANH Sie haben einfach schon zu viele Filme gesehen! Und sie sich, verflixtnochmal, gemerkt! Ich bin da besser dran – vergesse immer wieder so viel, dass die Kategorie „allzuoftzitierte Bilder“ für mich keine allzugroße Rolle spielt ; )

      – außer bei Prometheus. Da hat’s sogar mir gelangt.

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