Fallen.

(…) “Man muß die – Tiefe – im räumlichen Sinne des Traums in Rechnung stellen. Im allgemeinen behält man nur, was von seinen oberflächlichsten Schichten stammt. Was ich besonders an ihm in Betracht ziehen möchte, ist das, was beim Erwachen untergeht, alles, was nicht Übriggebliebenes ist vom vorhergehenden Tag, dunkles Laub, blödes Gezweig. Auch in der ,Wirklichkeit’ ziehe ich es vor, zu fallen.” (…)

André Breton : Manifest des Surrealismus (1924)

Haben Sie einen guten Tag, geschätzte Leser:innen!
Ich stürze dann mal ab.

16 Gedanken zu „Fallen.

  1. Ein hübsch tiefer Gedanke, die ‘Tiefe’ nicht als Gegenstück zur ‘Wirklichkeit’, sondern als (wenngleich meist übersehene) Eigenschaft der ‘Wirklichkeit’ selbst zu denken, besser noch wahrzunehmen…

    *kippt weg*

  2. Fliegen! Douglas Adams (glaube ich mich wenigstens zu erinnern) sagte es bereits: Jeder Mensch kann fliegen, er muss es nur hinkriegen, beim Fallen am Boden vorbeizufallen.
    Frohes Vorbeifallen Ihnen, liebe Madame Phyllis.

    • Frau Wie, Sie erinnern sich richtig. Ich schrieb einmal etwas darüber, nämlich das folgende:
      “Das Bewußtsein setzt sich für eine Weile als ein anderes, ein träumendes, so als sei das menschliche Gehirn wie das mancher Tiere in der Lage, mit einem Teil des Bewußtseins zu schlafen und mit dem anderen zu wachen. Die vollständige Bewußtwerdung dessen, was man tut, führt folgerichtig zum Absturz, so wie dies aus Zeichentrickfilmen bekannt ist, in denen ein Geschöpf, den Abgrund nicht wahrnehmend, ins Leere geht, aber erst in dem Augenblick abstürzt, in dem ihm die Unmöglichkeit seines Tuns bewußt wird. In ‘Das Leben, das Universum und der ganze Rest’ (1982) von Douglas Adams findet sich etwas sehr Ähnliches (11. Kapitel), denn zum Thema Fliegen offenbart der zu Rate gezogene Reiseführer ‘Per Anhalter durch die Galaxis’, man müsse, um ohne technische Hilfe fliegen zu können, nichts weiter tun als zu lernen, sich auf den Boden zu schmeißen, allerdings daneben. Gelingt dies nicht, wird es sehr weh tun, aber eben das muß einem egal sein, was aber natürlich eine Willensanstrengung erfordert. Ein weiteres Problem ist, daß man den Boden zufällig verfehlen muß, doch darf hier der Wille keine primäre Rolle spielen, beziehungsweise, der Wille muß auf halbem Weg abgelenkt werden, so daß man nicht mehr über das Fallen und darüber nachdenkt, wie weh es tun wird, wenn es einem nicht gelingt, den Boden zu verfehlen. Wird man aber tatsächlich abgelenkt, durch etwas Schönes, Fürchterliches, Seltenes oder was auch immer, so findet man sich wenige Zentimeter über dem Boden schwebend wieder. Nun darf man sich aber nicht wieder von der Wirklichkeit einholen lassen, also weder über Schwerkraft nachdenken noch über die Einwände, die Außenstehende äußern könnten – man muß sich einfach weiter treiben lassen, höher und höher. So fliegt man tatsächlich, lernt nach und nach alle notwendigen Techniken, um kontrolliert zu fliegen, all dies auf der Grundlage, es einfach geschehen zu lassen, als geschähe es ohnehin. So funktioniert das Fliegen, aber es gelingt den Wenigsten.”

    • Wie schön Herr Schlinkert, diese Zusammenfassung über das Fliegen ist eine komplette Lebensphilosophie.
      Der Wille darf nicht die primäre Rolle spielen.
      Man sollte bereit sein, sich über einen langen Zeitraum von Diesem oder Jenem ablenken zu lassen.
      Das Besondere sollte man hinnehmen als geschähe es ohnehin.
      Und das Banale, so möchte ich hinzufügen, sollte als Besonderes und Außergewöhnliches wahrgenommen werden.
      Ein nicht zu verachtendes Kochrezept für ein im Großen und Ganzen gelingendes Leben.
      Falls Sie mal Lust auf ein Glas Wein im Badischen haben:
      Herzliche Einladung an Sie und Madame Phyllis.

    • In der Tat, liebe Frau Wie, das ist eine Lebensphilosophie! [Das reimt sich ja!] Oft werden “nichternste” Texte als nur komisch abgetan, doch vielfach findet sich in ihnen Bedenkens- und auch Nachahmenswertes.

      Lust auf ein Glas Wein im Badischen hätte ich schon (ich hab in jungen Jahren mal zwei Jahre in Freiburg gelebt), doch von Berlin aus ist das ja immer eine Weltreise. Vor zwei Jahren war ich ein paar Tage in Villingen (Sie wissen schon, das liegt direkt an der Grenze), da hat die Anreise mit dem Motorrad gut 15 Stunden in Anspruch genommen. Fliegen müßte man können!

  3. Liebe Phyllis Das verleitet mich zu dem Gedanken, dass manchmal sogar ein auf der Stelle treten nützlich sein könnte, solange bis diese Stelle dünn wird und nachgibt und zeigt, was darunter liegt …
    Schöne Tage noch im freien Fall!
    Iris

    • Das ist eine schöne Überlegung, Iris.
      Mit dünnen Stellen kenne ich mich aus.
      Das, was darunter liegt, kann sofort süchtig machen.

      Ihnen auch schöne Tage!
      Phyllis

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