Ok, also Emanzipation

[…] „My life goal is to become an adjective,“ Leonard said. „People would go around saying, „That was so Bankheadian.“ Or, „A little too Bankhedian for my taste.“
„Bankheadian has a ring,“ Madeleine said.
„It’s better than Bankheadesque.“
„Or Bankheadish.“
Ish is terrible all around. There’s Joycean, Shakespearean, Faulknerian. But ish? Who is there who’s an ish?“
„Thomas Mannish?“
„Kafkaesque,“ Leonard said. „Pynchonesque! See, Pynchon’s already an adjective. Gaddis. What would Gaddis be? Gaddisesque? Gaddis?“
„You can’t really do it with Gaddis,“ Madeleine said.
„Yeah,“, Leonard said. „Tough luck for Gaddis. Do you like him?“
„I read a little of The Recognitions,“ Madeleine said.
They turned up Planet street, climbing the slope.
„Bellovian,“ Leonard said. „It’s extra nice when they change the spelling slightly. Nabokovian already has the v. So does Chekovian. The Russians have it made. Tolstoian! That guy was an adjective waiting to happen.“ […]

(Aus: Jeffrey Eugenides „The marriage Plot“, first published in the United States by Farrar, Straus and Giroux, 2011)

Geschätzte Leser:innen!
Ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist: es scheint, als ob das Privileg, ein Adjektiv zu werden, den männlichen Kollegen vorbehalten wäre. Jedenfalls fiel dem Herrn Eugenides beim Schreiben seines Dialogs keine Schriftstellerin ein.
Das, finde ich, ist ein Skandal. Da besteht dringender Handlungsbedarf! Wir können es noch schaffen! Denn sehen Sie: Im Deutschen gibt es außer Kafka niemanden, der als Adjektiv weiterlebt. Und „kafkaesk“, obgleich sehr hübsch, ist von weiblicher Seite durchaus noch einzuholen: wir brauchen nur zwei Schriftstellerinnen zu adjektivieren und – wupps – liegen wir vorn. Wie wär’s zum Beispiel mit Felicitas Hoppe, um einen Anfang zu machen? Aber „hoppe-esk“ klingt nach Kaninchen. Mal seh’n, wer mir noch einfällt.

(Moment, ich geh‘ mal eben Bücher gucken…)
(…)

Au wei. Ich hab‘ kaum deutsche Autorinnen im Regal. Englische, amerikanische, französische – aber keine deutschsprachigen. Terézia Mora hätte ich noch anzubieten: „moraesk“ klingt schon mal ganz gut für den Anfang. Vielleicht fällt Ihnen ja noch eine ein, die wir adjektivieren könnten? Und überlegen Sie bloß nicht lang, ob ihr Name und Werk es „verdient“, auf diese Weise verunsterblicht zu werden – solche Skrupel haben die männlichen Kollegen schließlich auch nicht! Die würden sich sofort zum Adjektiv machen lassen, selbst wenn sie erst ein dünnes Bändchen veröffentlicht hätten! Da können Sie echt von ausgehen, meine Damen.

(Sie sehen, was passiert, nach einem Tag im Bett…?)
(*grinst*)

Bin wohlauf. „The Marriage Plot“ ist übrigens ziemlich smart, ohne eitel zu sein. An Ihrer Stelle würd‘ ich’s im Original lesen – es ist voller Dialoge und ich weiß nicht, ob die in der Übersetzung ihre Leichtigkeit behalten. Marriage Plot ist ein Entwicklungsroman, der drei Anfang Zwanzigjährige begleitet, die ihren Weg noch nicht gefunden haben – eine Frau und zwei Männer. Dreiecksgeschichte, klar. Ich finde die Charaktere sehr gut gezeichnet – vor allem die Dialoge. Die Handlung ist mir fast wurst.
Ich hab‘ den Roman, trotz des gestrigen Lesetags, noch nicht durch – vielleicht schreib‘ ich ja später etwas dazu. Obwohl ich vor Buchkritiken zurückscheu‘ – doch seitdem mein eigenes auf dem Markt ist und verschiedene Leute >>> darüber geschrieben haben, kann ich mir komischerweise besser vorstellen, das auch gelegentlich selbst zu tun.

Der Tag ist strahlendschön, obwohl Unwetter vorhergesagt waren. Ich soll mich noch schonen, meinte der Doc, der mich operiert hat – und der gestern Abend tatsächlich anrief, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Ungewöhnlich, oder? Ich kannte den bis gestern gar nicht. Es gibt gewissenhafte, engagierte Leute da draußen. Sollte man nicht vergessen, so als Die-Welt-ist-im-Absturz-begriffen-Nachrichten-Gucker.
Well, well! Plauderei beendet! Ich wünsch‘ Ihnen gute Nachrichten! Und falls Ihnen eine Schriftstellerin einfällt, die unbedingt adjektiviert werden sollte … Sie wissen schon. Her damit.

Herzlich, Ihre
Miss TT

23 Gedanken zu „Ok, also Emanzipation

  1. Wie wäre es mit kiehlig/kiehlesk oder merklig/merklesk? In Gedanken an Ursula Rossel vielleicht noch rosselesk (wobei die Kollegin ja Schweizerin ist – aber immerhin deutschsprachig).
    Nebenbei: Schön, Sie wieder an der Tastatur zu wissen.

    • Bei Frauen, liebe Frau Wie, scheint es mir mit Vornamen besser zu funktionieren: „phyllinisch“ wäre meine Wahl : )

      Und, ganz wichtig: Die Schweizerinnen und Österreicherinnen sollten selbstverständlich und unbedingt mitberücksichtigt werden!

      Wieder ganz die Alte und Ihre,
      wie immer,
      sehr herzlich grüßende
      Phyllis!

      p.s. Die Concierge schmollt. Ich hab‘ sie dabei erwischt, wie sie mir heute Morgen was in den Tee tun wollte. Die hat Blut geleckt und will jetzt auch ein Netzhäschen sein ; )

  2. Hier meine mutmaßlich fast vollständige Liste der Autorinnen, von denen Bücher in meinem Regal stehen: Renate Dorrestein, Anna Seghers, Glückel von Hameln, Françoise Sagan, Christa Wolf, Sophie Mereau-Brentano, Emily Brontë, Charlotte Brontë, Simone de Beauvoir, Ricarda Junge. Zur Adjektivierung eignet sich keine so recht und Deutsche sind auch nicht viele dabei. Sobald ich den Musil ausgelesen habe, kommt noch eine gewisse Phyllis Kiehl zu der Liste hinzu. Leider kann ich mir die Bücher weder nach Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe oder Gesinnung aussuchen, noch nach der Adjektivierungsmöglichkeit des Namens, denn ich will die Bücher ja nicht in erster Linie haben, sondern lesen. Wenn ich sie lese, will ich aber natürlich schon wissen, wer das geschrieben hat, das ist ganz wichtig. Wie wärs übrigens mit „melusinisch“, denn wer sagt denn, daß die Texte einer Autorin unbedingt gedruckt vorliegen müssen!

  3. Liebe Phyllis,
    schön, dass Sie den Eingriff gut überstanden haben.
    Marriage Plot gefiel mir ebenfalls (ich fand auch die Übersetzung gut zu lesen).
    Und sonst: Dominesk gefiele mir als Begriff ausgesprochen gut. Wenn es um Einzigartigkeit gehen soll, allerdings eher Mayröckeresk.

    • Liebe Iris, Hilde Domin, ja, unbedingt. Dominesk. Da hat’s Frau Mayröcker schwerer, die Adjektivierung lässt sie etwas unbeholfen wirken …

      Klassifizierungen sind nur unangenehm, wenn sie von unangenehmen Menschen vorgenommen werden : )

  4. dürfte man(n) Ihre Zeichnung mit dem – bei genauerer Überlegung kognitive Dissonanz erzeugenden – Titel „fishy“ als streeruwitzig bezeichnen? Oder doch eher frischmuthig? {;-)}

    • So „off-topic“ es erscheinen mag, weil männlich, ich mag’s friedlich – trotz aller Emanzipation (oder gerade deshalb? keine Ahnung… )

  5. reventlowsch amouresk, arnimesk bourschikos, günderodisch melodisch, pfälzisch romanisch, cronaueresk grotesk, drostisch poetisch, maximisch wanderesk, strittmatterisch genialisch …
    und so…

    weitere auf fembio

    Schade, dass nur die deutschsprachigen „im Bewerb sind“; meine absolute Favoritin wäre andernfalls und sowieso „munrosesk“ – damit wäre das höchste Lob auszusprechen. „Sie ist die Beste.“ – sagte ich schon, anderswo.

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