Neue Frauen

Es gibt immer wieder Zeiten, in denen ich mir einbilde, unglaublich verbunden zu sein. Als ob ich Ihren Puls spüren könnte. Ja, Ihren. Als gäbe es tatsächlich ein Zugehörigkeitsgefühl, das allein über das Geschlecht entsteht.
Ich spreche mit so vielen.
„In den ersten Jahren nach dem Kunststudium“, erzähle ich, „waren es Männer, die über meine Karriere, meine Verdienstmöglichkeiten, meine Eignung befanden. In den letzten zehn Jahren aber arbeite ich fast ausschließlich mit Frauen.“
„Ist das Absicht?“ fragt die Dame, die an meinem roten runden Tisch sitzt. (Grüne Tische sind für Anfänger)
„Ja“ sage ich. „Im Harten wie im Weichen hab’ ich einfach großes Vergnügen an ihnen.“
„Beim Arbeiten…“ lächelt die Dame.
„Im Bett nicht“ sage ich.
Sie grinst. Obwohl von hanseatischem Wesen und untadeliger Gestalt, hat sie den Schalk im schmalen Nacken, ich seh’ das. Ich kenn’ sie noch nicht lang, doch wir haben vieles gemein, das Lehren (leidenschaftlich), die Lust am Inkubatorinnentum (das Wort „Inkubator“ brachte s i e mit, ich verwende das nie), vor allem aber das nah sein können. Sie hat warme Augen. Meine Vorliebe für Frauen mit warmen Augen ist stark ausgeprägt.

Neben mir auf der alten Birke singt ein Amselmännchen. Frau Ringeltaube und ihr Gemahl sind ebenfalls da, die zwei flattern ziemlich rum, stört den Amslerich aber nicht.
Ich hab’ frei. Oh Wunder. Sitze mit den Füßen auf dem Tisch on the balcony, die Luft ist lau, die Bäume seh’n aus, als wär’ Frühling. Merkwürdig, wie sehr mir der Erledigungsmodus in den letzten Wochen den Blick verstellt hat auf dieses Erwachen– man behauptet doch immer, Künstler:innen wären so rezeptiv? Kann ich nicht bestätigen. Wenn ich im To-do-Listen-Modus bin, hab’ ich erfahrungsgemäß appe Fingernägel, ein fast unstillbares Bedürfnis nach einer Katze und Tunnelblick.

„Man merkt es dir aber nicht an“ kommentiert Mel, mit der ich neuerdings gemeinsam Seminare halte. Noch so eine, die ich nicht mehr missen möchte, weil wir uns einfach himmlisch ergänzen. Um das auch mal wieder zu sagen: Großartig am Älterwerden ist, dass eine sich nur noch sehr selten in Menschen täuscht. Mel zum Beispiel. Dass wir was machen würden, war mir schon lange klar, da fehlte nur ein Anlass und kaum war der da, fügte sich das. Genüßlich, ohne Stress, ohne Wettbewerbsgesten. I love it. Bin das Lehren als One-woman-Unternehmen ein wenig leid. Das Arbeiten selbst aber nicht, nö.

„I have a short attention span“ sagte vor ein paar Tagen eine nigerianische Designerin zu mir. Wir saßen mit einem ganzen Rudel vor der Mensa der Städelschule im Freien. Lauter Leute vom Städel und vom Weltkulturenmuseum. Kibu, die Nigerianerin, neben mir, gerade mal den ersten Tag in Deutschland, mischte mit ihrem Lachen aber schon den ganzen Tisch auf. Zusammen mit Ottobong, von der ich >>> schon einmal schrieb. (Ohne Leute vom afrikanischen Kontinent, stelle ich immer wieder fest, sollte eigentlich keine Feier stattfinden)
Wie auch immer, ich sah Kibu nur an und sagte:
„Wow, that’s exactly my feeling as well.“
„Did you try to work on it?“ fragte sie mit dieser Stimme, der man die Familie und das englische Internat anhört.
„Nope. Not worth the trouble, I’m not much into optimizing myself any further. But let’s make ourselves a button. For social occasions“ sage ich.
„Saying what?“ fragte sie.
„Warning: short attention span“ sagte ich.
Sie lachte und rieb ihre Schulter an meiner: „I like you.“ Rief quer über den Tisch zu Ottobong rüber: „She’s great, isn’t she?“
Otto, mit Bad-Ass-Hütchen in Burgunder, Jackett und dem größten Mund am Tisch, rief laut zurück: „Damn right she is!“ Zwinkerte mir zu. Wir haben die gleiche Temperatur.

Überhaupt – ich mag die Frauen, die mir im Laufe der letzten Monate über die Arbeit näher gekommen sind. Diese Beziehungen beginnen fast alle als „Themenfreundschaft“ – ein Wort, das mir meine iranische Freundin einmal nannte, als ich mich beschwerte, sie hätte nur noch so wenig Zeit für mich vor lauter Karriere.
„Du darfst das nicht vergleichen“, sagte sie. „Ich hab’ verdammt viel zu tun und sehe vermehrt nur noch die Leute, mit denen ich zusammenarbeite. Daraus entwickeln sich Routinen, aber auch Zuneigung. Du und ich, wir sind Familie.“
Anders gesagt: Die Freundschaften, bei denen Arbeit im Spiel ist, funktionieren gerade bei Selbstständigen viel organischer als die, die man mit dem Herzen geschlossen hat – oft schon vor langer Zeit. Ist bei mir nicht anders. Vernunftehe schlägt Liebesheirat, sozusagen.

Anyway. Ich erzähle Ihnen das, weil eine über Freundschaft gar nicht genug reden kann. Und weil ich mich erst einmal wieder einschreiben möchte. Locker werden. Meine Seminarphase ist vorerst beendet, jetzt darf ich mal wieder plaudern. Unkreativ sein. (yippie)
Auch banal. (uff)
In der Sonne sitzen. Und Ihnen einen jetzt schönen Samstag wünschen.

Herzlich Ihre

Miss TT

9 Gedanken zu „Neue Frauen

  1. Sehr geschätzte Miss(is) TT, das ist aber eine schöne Liebeserklärung an die Nähe zum eigenen Geschlecht. Ich beneide Sie nicht, weil es zu schön ist; Schönheit beneidet kein Mann, der gerne lebt, sondern er genießt sie, ist froh um ihre Existenz.
    Dennoch ein Seufzer: Gäbe es doch mehr Männer, von denen ich könnte Ahnliches sagen! Das sind, in der Tat, nur wenige. Indessen bei den Frauen seh ich so schlecht vom Geschlecht ab.

    Der Satz Ihrer iranischen Freundin, dieses sei Familie, wird mir nachgehen.

    Ihr, verehrungsvoll

    ANH

    • Sehr geschätzter Monsieur ‘erbst, vielen Dank für Ihre Zeilen.
      Neid ist sowieso nicht vonnöten. Sie haben enge Freunde, wie ich weiß, Verbündete ebenfalls, wenn auch mehr auf der weiblichen Seite. Die es Ihnen dafür aber durchaus nachsehen, dass Sie so schlecht vom Geschlecht absehen können.

      Lächelnd grüßend

      Miss TT

  2. Sehr schön, wie Sie Ihr Unkreativsein in Worte fassen! Da geht vor lauter Plauderei fast unter, wie sehr Ihnen das Netzwerk wichtig ist in Abgrenzung zur Seilschaft, wobei Netzwerk natürlich weiblich ist in seiner horizontalen Verknüpftheit und Seilschaft männlich in ihrem vertikalen Abhängigkeitsverhältnis. Das sind zwar nur Zuschreibungen, so wie im 18. Jahrhundert das “Passive” und Schöne dem Weiblichen zugeschrieben wurde und das “Aktive” und Notwendige dem Männlichen, doch treffen sie anders als in der Vergangenheit eher zu, weil ja nun immer mehr der ganze Mensch gemeint ist und nicht nur seine gesellschaftlich festgeschriebene Funktion. Es bewegt sich eben doch was, wenngleich natürlich die Gefahr besteht, daß in schweren Zeiten die lockeren Netzwerke wieder zu festen Seilschaften zusammengedreht werden, Männlein oder Weiblein hin oder her. Bleiben wir also schön aktiv bei der Sache. – So, und nun könnte man sich in die Sonne setzten und den Tag genießen.

    • Lieber Norbert, ich würde das mit “Gewebe” umschreiben – der Begriff “Netzwerk” löst zuverlässig allergische Reaktionen bei mir aus.

      Erstmal frühstücken jetzt. Den Sonntag genießen ist genau mein Plan, meinetwegen gern auch ohne Netz. Und ganz bestimmt ohne Werk!

    • Liebe Phyllis, geht mir auch nicht anders mit diesem Begriff des Netzwerks, nehmen wir also “Gewebe”, was mich wiederum an die Strickbilder von Rosemarie Trockel erinnert. So kommt eins zum anderen. Einen schönen Sonntag!

  3. Meine vorbehaltlose Zustimmung zu diesem schönen Text.
    Mir geht es ganz ähnlich wie Ihnen. Ohne meine Freunde (die Mehrheit ist weiblich, aber ein paar Männer sind auch dabei) mag und könnte ich nicht leben. Und ich sehe das auch als Vorteil des Älterwerdens, dass man schnell merkt, woran man ist und ob das passt.
    Beim ersten Treffen mit zwei Frauen aus dem Blog haben wir beschlossen, gemeinsam was zu machen. Jetzt stehen wir immer wieder gemeinsam auf der Bühne, als die Toll3sten Weiber. Da ist keine Konkurrenz, kein Neid, sondern nur Nähe und Freude und Stolz auf das, was die anderen und man selber kann.
    Eine andere Freundin hat mir einfach das Geld geschenkt, das sie für ihr altes Auto bekommen hat. Weil geben sie glücklich macht und sie mehr hat, als sie zum Glücklichsein braucht…

    “Freunde sind die Familie des 21. Jahrhunderts”, heißt ein Artikel im aktuellen Profil. Seh ich auch so. Beides zusammen ist auch wunderbar.
    http://www.profil.at/articles/1215/560/324812/freundschaft-freunde-familie-21-jahrhunderts

    • Liebe Frau Testsiegerin, wie aus toll “toll3st” werden kann, zeigen Sie uns mit “Ihren” Weibern. Nun brauchen wir noch den Beweis, wie aus toll tollkühn wird! Vielleicht tritt den ja mal ein Männertrio an ; )

      Danke für Ihren Kommentar und den Link. Freunde sind Wahlfamillie. Das unterschreib’ ich sofort.

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