Warum Leidenschaft nervt

Erwachte vorhin mit dem Wort “sanguin”: Blutreichtum. Leidenschaft. Oft bleibt ja von Träumen nur ein einsames Wort. Also dachte ich ein Weilchen an Leidenschaft heute Morgen. An Entzündbarkeit. Intensität. (Komischerweise nicht an Sex. Sex konnte ich noch nie richtig mit Leidenschaft zusammenbringen – den hab’ ich mit anderen Begriffen besetzt. Welchen, auf denen das Leid nicht schon im Wort mitschippert)
Also kein Sextalk heute ; )
Seltsamerweise (vielleicht, weil ich Farah Day gestern von ihrer Abneigung gegenüber den Achtsamkeitsübungen berichten ließ?) dachte ich darüber nach, unter welchen Umständen Leidenschaft abzulehnen wäre. Was Leute dazu bringt, sich abzuschirmen vor Einflüssen und Situationen, die sie entzünden könnten.
Mal abgesehen von dem unverschämt einsichtigen Grund, dass man gerade dabei ist, einem P l a n zu folgen und sich nicht ablenken lassen will. Abgesehen auch von der Tatsache, dass zwischen Leidenschaft und Sucht nur ein sehr dünnes Häutchen ist. Wird das einmal durchstoßen, (huch, ich wollte dem Sexuellen doch fernbleiben), ist eh kein Halten mehr. Und Kein Halten Mehr ist schlecht. Wir leben schließlich unter dem Diktat der Mäßigung. (Nur als Konsumenten, da sollen wir hemmungslos sein)
Anders gesagt, wir huldigen dem Moderierten. (Was riecht denn hier so nach Moder plötzlich? Und wie riecht eigentlich “moderat”? Auch nicht so toll)
Aber weiter.
Ich dachte an Kinder. Wie sie ständig mit irgendwas angerannt kommen und es schwenken und brüllen, hier, schau’ doch, schau doch j e t z t, schau doch was ich mache, was ich f ü h l e! Mach’ doch was mit mir und mit dem, was ich fühle. Die können es gar nicht fassen, wenn man da nicht sofort drauf einsteigt. Verstehen die nicht! Es ist doch j e t z t – wie kann denn etwas anderes wichtiger sein als das Jetzt? Wie kann der andere da nicht mit einem zusammen drin sein wollen im Jetzt?
Dann werden sie älter. Falls sie das Glück haben. Und in einer Gesellschaft aufwachsen, in der es relativ normal ist, das Kindesalter zu überleben.
Jugendliche zu werden. Da ist’s dann schon vorbei mit dem Jetzt, alles dreht sich um das, was sein s o l l t e. Leidenschaft wird zum Schatz. Den man mit manchen teilt, von dem andere genüsslich oder gekränkt ausgeschlossen werden. Wir haben ein Geheimnis! Platz dafür gibt’s genug, und auch Anwendungsmöglichkeiten: alles wird benutzt. Musik natürlich zum Abdriften, als Sexersatz und später als Begleiterin für denselben. Literatur als Verbündete, auch Waffe, gegen Unverständnis und Vereinsamung. Bildende Kunst als Katalysator für die eigenen aufsteigenden Bilder. Filme! Identifikationsfiguren! Alles hochentzündlich aufgeladen. Tagsüber sammelt man das Gift für die Pfeile, die man nachts aufs eigene Herz schießt. Töten! Und im Sterben abspritzen! Ich erinnere mich.
Dann werden sie älter.
Und irgendwann nach den ersten Weichenstellungen, wenn sich eine relevante Zahl von Prozessen automatisiert hat, wenn sich ein Gefühl von Pflicht und Kür eingestellt hat und “Balance” kein Fremdwort mehr ist, wird Leidenschaft zu etwas, wofür man eine G e l e g e n h e i t braucht. Hingabe ist ja kein Kinderspiel: Man legt sich doch nicht einfach hin und lässt sich von den Hunnen überrennen.
Und dann? Kann passieren, dass etwas einsetzt, woran früher gar nicht zu denken war: die Leute, die sich überrennen lassen, fangen an zu nerven. Man fühlt sich schnell mal overdosed von ihnen. Warum können die nicht relativieren? Warum wollen die nicht moderat sein?
Himmel, können die denn nicht mal einen Gang r u n t e r s c h a l t e n ?!
Weil, es ist kein Platz frei. Vor lauter.
Es ist einfach kein Platz frei.
Für die Leidenschaft. Schon gar nicht für fremde. Die würde sich doch nur stauen. Sich zwischen die eigenen Gerüststangen zwängen, bis sie aus den Halterungen rutschen, und weiß der Himmel, was dann mit der Fassade passieren würde, so ungestützt.
Diese Leidenschaftlichen immer mit ihrem jeffjeff! Mit ihrem Mitteilungsbedürfnis und ihrem Gekränktsein, wenn man nicht teilen kann, was sie so berauscht!
Wenn man mit anderem beschäftigt ist.

(Wie mich gerade die Sehnsucht packt, aus der Fassade zu stürzen! Mitsamt Gerüst und allem Jeffjeff!)

12 Gedanken zu „Warum Leidenschaft nervt

  1. Je öfter ich Ihre Überlegungen lese, desto genüsslicher lächle ich. Der Text hat enorme Sprengkraft. Ich genieße mein eigenes Darniederliegen auf ganz eigentümliche Weise – hab’ zudem ja gar keine andere Wahl, in Wahrheit : )
    (kennen Sie “Lemmings”, dieses [betagte] Computerspiel?)
    (what the f*** is “jeffjeff”???)

  2. ohwundergruselbar ach wie fein. sehe ich mich doch mit meinem jeffjeff und hufgescharre, mit dieser endlosenergie die an so viele felsen schlägt, an so vielen stränden ausläuft so schön getroffen…

    wie wünsche ich mir die feine kleine leidenschaft die mein roter faden ist, die wie ein geländer des lebens, immer mit einer hand dran, mir zur seite steht…

    immer schön stoisch bleiben, prosoche im tonus der anesis.

    es grüßt a.h.

    • @Anna Häusler Zuerst las ich “feiste” kleine Leidenschaft und musste grinsen – bis ich merkte, dass ich mich verguckt hatte. Nee, liebe Anna, an der Halteleine lässt das Wundergruselbare einfach zu schnell nach.
      Dann doch lieber brennen. Und das Stioschsein (ups, noch nicht mal schreiben kann ich’s richtig), also das Stoischsein überlassen wir den Leguanen.
      ‘kay?

  3. Liebe Phyllis,

    nun, was waere das fuer ein Zeitalter, das die Leidenschaft verdammen wollte und sich nunmehr nur noch ganz dem Zynismus hingeben und der Funktionalitaet?

    Aber hier wendet sich ja ein Text mit Leidenschaft gegen die Leidenschaft, also letztlich gegen sich selbst. Die Leidenschaft kehrt ein, wo der Text sie bekaempfen will. Was eine gute Sache ist…

    Nicht in erster Linie die Leidenschaft eignet dem Kind, sondern die Unmittelbarkeit und die unreflektierte Verbundenheit mit dem Objekt der Trauer und der Freude. Insofern ist der leidenschaftliche, sagen wir: 40-jährige, kein Kind, sondern ein der Unmittelbarkeit hingegebener Mensch. Keine Regression, sondern Nähe zum Gegenstand sinnlicher Erkenntnis und Durchdringung.

    Ja, die Moderation. Die modert weniger, als dass sie vermittelt, was schon der ganze Begriff ausdrueckt: Moderation gleich Vermittlung. Die zweite Ebene, die filtert und aussiebt, damit uns nur kein unmittelbares ueberwaeltigendes Gefuehl in den Alltag sickere und uns davonschwemmen mag, die wir doch funktionieren muessen und daran schon genug leiden (denn wer will noch in der Passion leiden?).

    So gerät oft der Zynismus zur entstellt zur Schau getragenen Sehnsucht nach der unverstellten Leidenschaft, die immer, wie Sie es oben so schoen darstellen, ungestuem draengt und nicht nach dem geeigneten Zeitpunkt ihrer Offenbarung fragt, sondern sich offenbart und in den Raum draengt. Die Leidenschaft ist eine expansive und okkupierende Kraft, ein Raumgewinn der stuermisch erweiterten Seele, eine Unvernunft, die sich vielleicht sogar grausam Gehoer verschafft.

    Eine egomanische Form der Offenbarung, der aufgedraengten Mitteilung unserer Gefuehligkeit also? Das ja unbedingt! Wir haben alle Angst vor dieser Kraft von Zeit zu Zeit…

    Sie steht im Verdacht, wenn sie vom anderen in unsere Richtung draengt. Sie steht im Verdacht der Peinlichkeit. Wie Sie es oben selbst beschreiben…

    Wie man die Leidenschaft wegzuechtet, eine regelrechte Diätetik der Leidenschaft haben die Stoiker seit ehedem gepredigt, wahre Paniker vor der Leidenschaft, die Mittel ersannen, sie zu baendigen und die ataraxia zu erlangen. Aber wir wissen auch: wer der Leidenschaft am weitesten fliehen will, kommt ihr letztlich notwendig so nah, dass sie ihn verschlingen wird.

    Nein, bitte nicht das Moderate, die oeffentlich-rechtliche selbstkastrierte Gefuehlduseligkeit mit souveraenem Laut-Leise-Schalter fuer jede Emotion. Aus dieser Richtung droht nur eine graue Mittelmäßigkeit, die vielleicht dem Funktionieren breite Boulevards baut, aber…

    Eine gute Freundin des Autoren dieser Zeilen bat einmal um mein Verstaendnis, als sie sich in ihrer Diplom-Vorbereitungszeit befand (und sich kurz vorher von ihrem Freund getrennt hatte), dass sie wuetend sei auf ebendiesen verlassenen Freund, weil er sich jetzt so emotional zeige und sie mit seinen Rueckgewinnungsattacken stoere, die sie doch lernen und sich konzentrieren muesse. Und da sei ER so unverstaendig und unvernuenftig, das einzusehen und nerve sie taeglich, ER, der doch sonst immer so rational und pragmatisch sei. Warum muesse er JETZT seine Leidenschaft entdecken, zu einer wichtigen zu nutzenden Zeit, da sie doch notwendig funktionieren muesse (nun aber muesse sie nachts immer weinen, und koenne nicht schlafen, also auch tagsueber nicht lernen)…

    Ja, warum sind die Leidenschaften so, dass sie keine Zeit kennen, sondern nur die unmittelbare Mitteilung…? Darueber koennen wir wuetend werden, aber auch das ist wieder Leidenschaft…

    Aber wie gern stimmt man das Loblied auf die Indolenz an, nachdem einen Stuerme der Leidenschaft durchtost und zerrissen haben…woher also nehmen wir die Indolenz?

    Winterliche Grueße in das Atelier sendet Ihr

    Paul Duroy

    • Lieber Paul Duroy, danke für Ihre Überlegungen, die wiederum mich überlegen ließen, ob ich die Leidenschaft nicht selbst – so vehement ich sie auch verteidige, denn der Texttitel war natürlich schlichte Provokation – also ob ich mich nicht auch selbst gehörig fürchte vor dem Unvermittelten.

      Tu ich. Nicht vor der Leidenschaft ansich, aber vor dem Vorwurf der Egomanie, der Unangemessenheit oder schlicht dem, was früher im Hause Kiehl wegwerfend als “exzessive Nabelschau” bezeichnet wurde: Furcht also vor den Reaktionen, nicht vor dem Gefühlszustand.

      Liegt aber auch daran, dass meine Leidenschaft sich oft genug im Unglücklichsein austobt. Im nagenden Zweifel, in Zorn und Überdrüssigsein. Manchmal – nein, oft – hab’ ich auch leidenschaftlich Angst.
      Diesen Teil meines leidenschaftlichen Wesens verberge ich. Wie so viele andere. Es ist ja einigermaßen in Ordnung, von Liebe zu schwärmen, von Utopien, Kunst oder Sex, aber wehe, es geht ans Eingemachte – in die Abgründe. Für exzessiv Jämmerliches gibt’s bei uns wenig Spielraum, wir haben keine Klage-Rituale, wir schreien selten und wenn ja, meist nur im Wald, wo wir niemanden erschrecken können, oder bei irgendwelchen Kursen, wo wir dann “dürfen”. Nicht mal beim Sex wird ordentlich geschrien – jedenfalls hör’ ich nie was von nebenan.

      Ich schreib das ganz ungefiltert hin gerade. Und würde dem Loblied auf die Indolenz gerne mein Lamento entgegenschmettern.

      Wenigstens im Wald.

      Gelegentlich.

      Ganz leise…

      Herzliche Grüße aus dem Atelier sendet Ihre

      Phyllis Kiehl

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