Samstag, 3. September 2011

Bitte

Wir werden eingetaucht
Und mit dem Wasser der Sintflut gewaschen,
Wir werden durchnässt
Bis auf die Herzhaut.

Der Wunsch nach der Landschaft
diesseits der Tränengrenze
taugt nicht,
der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
der Wunsch, verschont zu bleiben,
taugt nicht.

Es taugt die Bitte,
dass bei Sonnenaufgang die Taube
den Zweig vom Ölbaum bringe.
Dass die Frucht so bunt wie die Blüte sei,
dass noch die Blätter der Rose am Boden
eine leuchtende Krone bilden.

Und dass wir aus der Flut,
dass wir aus der Löwengrube und dem feurigen Ofen
immer versehrter und immer heiler
stets von neuem
zu uns selbst
entlassen werden.

(Hilde Domin. Aus: „Der Baum blüht trotzdem“, S. Fischer Verlag)

Falls mir heute ein einziger Satz einfällt, der verglichen mit diesen Zeilen nicht eitel wirkt, melde ich mich wieder.

8 Gedanken zu „Samstag, 3. September 2011

  1. Das Einfallen muss ja nicht auf Kommando geschehen Es ist gut, es nicht erzwingen zu wollen.

    Doch ich kann die Faszination verstehen.

    Der Wunsch nach der Landschaft
    diesseits der Tränengrenze
    taugt nicht,
    der Wunsch, den Blütenfrühling zu halten,
    der Wunsch, verschont zu bleiben,
    taugt nicht.

    Diese Strophe finde ich am Außergewöhnlichsten. Über den literarischen oder lyrischen Wert kann ich nicht urteilen, doch die Aussage selbst halte ich für ungewöhnlich eindringlich beschrieben. Wenn ich das Gedicht als Ganzes hernehme, dient alles der Unterstreichung dieser Aussage.

    Doch ich sehe in den letzten zwei Strophen eine zu starke Milderung der Aussage. Es klingt schon zu optimistisch, wenn der nachfolgenden Bitte Tauglichkeit zugesprochen wird.
    Meine persönliche Haltung ist anders: der Wunsch taugt nicht (Strophe 2), die Bitte Strophe 3 und 4) kann dann auch nicht taugen, weil sie ja einen Wunsch impliziert, der der Strophe 2 entspricht.

    Meine Schlussfolgerung wäre: „Kann dann die Bitte taugen?“ Die Frage stellt sich dem Leser, muss im Gedicht nicht beantwortet werden. Optimisten werden ja sagen, Pessimisten werden nein sagen. Doch für mich ist die Antwort, obwohl ich mich als Optimist sehe, nein.
    Denn ohne die „Durchnässung der Herzhaut“ bleiben auch die netten Dinge aus, wir könnten nicht zu uns selbst entlassen werden. Wir würden in einem goldenen Käfig auf ewig gefangen bleiben.

    • @Steppenhund Der erste Teil hat mich auch mehr gepackt als die Auflösung. Sah mir aber den Artikel zu Frau Domins Todestag an, sah die Frau, eine Greisin, lächelnd, vergegenwärtigte mir, dass dieses Gedicht aus ihrem letzten Band stammt. Und dachte, mit sechzig hätte sie es vielleicht nicht gut ausgehen lassen.
      Über „literarisch“ oder „lyrisch“ zu urteilen steht auch mir nicht an, ich suchte heute Morgen nach einfachen, vergorenen Worten, weil ich traurig war und fand eben diese.
      Hat natürlich mein Traurigsein nicht im mindesten gelindert. Aber das Fauchen darin geweckt.

    • @Steppenhund Je länger es nachwirkt, desto überzeugter bin ich eigentlich, dass sich die Idee des Wünschens einem „tauglich“ oder „nicht tauglich“ entzieht.
      Dass es aber gerade Domins harsches „taugt nichts“ ist, das verhindert, dass der zweite Teil des Gedichts sich klebrig anfühlt.

  2. Wasser der Sintflut, das klingt kurios, zumal es doch dasselbe Wasser ist in dem die wenigen Fische noch umherschwimmen und als „Daddy“ von Slyvia Plath auswendig können.
    Schade dass es solche Dichterinnen nicht mehr gibt.

    • Mein Deutsch ist komplett mit den guten Versen verschwunden, es muss heißen, „alle „Daddy“ von Slyvia Plath auswendig können.
      Schade dass es solche Dichterinnen nicht mehr gibt.“

    • @Tomas Oh weh, Daddy ist rabenschwarz. Plath lese ich erst wieder, wenn meine Stimmung es nicht mehr ist.
      („Slyvia“?)
      (Diese Variante hätte ihr vielleicht sogar gefallen : )

    • Ich kann leider bei Hilde Domin an nichts anderes als an eine Heizdecke denken, die das Schloss Elmau niederbrannte und an Timotei, Shampoo mit Gedicht, das gab es mal mit Frau Domin, auch Europcar warb mal mit Hesseversen, wenn doch Anfängen ein Zauber innewohnt, dann ist jeder Umzug doch ein drinnen wohnen mit Magie, n est pas. Hilde Domin war Dauergast auf der Elmau und lese ich ihre Verse, denk ich schon ein wenig boshaft, da hat sie auch gut hingepasst, ein Weltkriegsabgewandter Ort des Sinnens, wo man weiß, die Bombe taugt nicht, aber sie trifft irgendwie trotzdem. Auf der noch nicht abgebrannten Elmau gab es automtische öffnende Türen mit wunderbaren kleinen Beschlägen: „Tür öffnete selbsttätig durch Diktator“, gold auf schwarz, ein bisschen so, finde ich, schnurren allzu weltweise Dichter aufs Parkett, so auch Hilde Domin, wie wäre es stattdessen mit Marianne Moore?

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