Die Sprache der Anderen, 29

[…]
„Das ist ein untrügliches Kennzeichen von Bildung: dass einer Wissen nicht als blosse
Ansammlung von Information, als vergnüglichen Zeitvertreib oder gesellschaftliches
Dekor betrachtet, sondern als etwas, das innere Veränderung und Erweiterung bedeu-
ten kann, die handlungswirksam wird. Das gilt nicht nur, wenn es um moralisch be-
deutsame Dinge geht. Der Gebildete wird auch durch Poesie ein anderer. Das unter-
scheidet ihn vom Bildungsbürger und Bildungsspiesser.
Der Leser von Sachbüchern hat einen Chor von Stimmen im Kopf, wenn er nach dem
richtigen Urteil in einer Sache sucht. Er ist nicht mehr allein. Und es geschieht etwas
mit ihm, wenn er Voltaire, Freud, Bultmann oder Darwin liest. Er sieht die Welt danach
anders, kann anders, differenzierter darüber reden und mehr Zusammenhänge erken-
nen.
Der Leser von Literatur lernt noch etwas anderes: wie man über das Denken, Wollen
und Fühlen von Menschen sprechen kann. Er lernt die Sprache der Seele. Er lernt,
dass man derselben Sache gegenüber anders empfinden kann, als er es gewohnt ist.
Andere Liebe, anderer Hass. Er lernt neue Wörter und neue Metaphern für seelisches
Geschehen. Er kann, weil sein Wortschatz, sein begriffliches Repertoire, grösser ge-
worden ist, nun nuancierter über sein Erleben reden, und das wiederum ermöglicht
ihm, differenzierter zu empfinden.
Jetzt haben wir eine weitere Definition von Bildung: Der Gebildete ist einer, der besser
und interessanter über die Welt und sich selbst zu reden versteht als diejenigen, die
immer nur die Wortfetzen und Gedankensplitter wiederholen, die ihnen vor langer Zeit
einmal zugestossen sind. Seine Fähigkeit, sich besser zu artikulieren, erlaubt ihm, sein
Selbstverständnis immer weiter zu vertiefen und fortzuspinnen, wissend, dass das nie
aufhört, weil es kein Ankommen bei einer Essenz des Selbst gibt.“ […]

Auszug aus: „Wie wäre es, gebildet zu sein?“
Festrede Prof. Dr. Peter Bieri, PH Bern, 2005

33 Gedanken zu „Die Sprache der Anderen, 29

    • @Steppenhund. Mit geht es bei Bieris Text wie Frau Kiehl. Dennoch haben Sie offenbar einen anderen Eindruck, und es interessiert mich, weshalb und inwiefern. Eindrücke sind ja so wenig grundlos wie Empfindungen, nur möglicherweise schwierig in Worte zu fassen. Es zu versuchen, dafür ist meines Erachtens ein Weblog, jedenfalls ein solches wie dieses, da.
      Wirkliches Interesse: Was bewirkt Ihren Eindruck?

    • @ANH Damit kein Missverständnis aufkommt. Ich selbst finde den Text absolut nicht abgehoben.
      Ich habe das geschrieben, weil ich doch manchmal selbst angegriffen werde. Über das Ausbildungs- und das Bildungsthema gibt es ja einige Diskussionen, auch hier auf twoday in anderen blogs. Sehr häufig wird so argumentiert, dass man „alte Bildungsinhalte“ entrümpeln müsste, damit man für mehr „Sktuelles“ Zeit hat. Ein Lieblingsthema ist dabei das so unnötige Latein und die noch unnötigere Mathematik. Des weiteren werden pseudophilosophische Fragestellungen aufgeworfen, die bereits alle zur Genüge behandelt sind. Argumentiere ich dann, dass man für die Beantwortung dieser Fragen eigentlich schon alles nachlesen kann, nimmt man mir das mehr oder weniger übel.
      In Wirklichkeit stehen jene pseudophilosphischen Fragestellungen einem Kind durchaus gut an, ich denke, es gibt etwas wie einen guten Fragestellungstrieb. Bei Erwachsenen erwarte ich eher die Möglichkeit der Autodidaktik und nicht die kokettierende Naivität, mit der die Frage gestellt wird: „Ich bin gerade draufgekommen, dass es interessant wäre zu wissen, warum man auf der Welt ist. Geht es jemand anderem auch so?“
      Autodidaktik setzt aber neben dem Lesen Können auch die Bereitschaft voraus, das Wissen und allenfalls das an übertragbarer Erfahrung anzunehmen, was jemand anderer schon gedacht hat. Und es ist notwendig, über ein Thema die Aussagen mehrerer zu lesen, um sich eine eigene Meinung bilden zu können.
      Ich höre oder lese viel zu häufig die mehr oder weniger verborgene Aussage: ich muss das erst selbst für mich herausfinden. Ohne Nachlesen. Ich will selbst leben und meine Erfahrungen machen.
      Dagegen wäre nichts zu sagen, die Frage ist nur, auf welchem Niveau ich einsteige. Versuche ich meinen Atavismus als Neandertaler in einer technisierten Zeit zur Geltung zu bringen, kommt nicht viel mehr als Fressen, Saufen und Vögeln heraus. Ja – und der jährliche Urlaub.
      Hingegen ist die Beschäftigung mit den Fragen – Zitat
      Wie ist es dazu gekommen, dass wir so denken, fühlen, reden und leben? Und auf dem Grund dieser Neugierde liegt der Gedanke: Es hätte alles auch anders kommen können, es liegt in unserer Kultur keine metaphysische Zwangsläufigkeit. Das aufgeklärte Bewusstsein ist also ein Bewusstsein der historischen Zufälligkeit. Es drückt sich aus in der Fähigkeit, die eigene Kultur aus einer gewissen Distanz heraus zu betrachten und ihr gegenüber eine ironische und spielerische Einstellung einzunehmen. Das heisst nicht: sich nicht zu der eigenen Lebensform zu bekennen. Es heisst nur, von dem naiven und arroganten Gedanken abzurücken, die eigene Lebensform sei einem angeblichen Wesen des Menschen angemessener als jede andere.
      geeignet, dort aufzusetzen, was heute „state of the art“ ist, sich selbst ein bisschen empor zu ranken und vielleicht auch ein paar Meter zu machen.

      Naja, ich schreibe mich da in einen Stuss hinein. In Wirklichkeit rege ich mich nur auf, dass diejenigen, die heute über Bildung und deren Förderung reden, die Aussagen von Bieri nicht nur nicht kennen sondern vermutlich nicht einmal ein Zehntel davon wo anders gelesen haben oder die Überlegungen selbst angestellt haben.
      Und dann überkommt mich einfach ein gewisser Kulturpessimismus:)

    • @Steppenhund. Kapiert.
      Das mit Latein und vor allem Mathematik ist natürlich grandioser Unfug, der nur noch durch Dummheit getoppt werden kann, wenn er’s nicht schon, seines Ursprunges nach, ist. Es gibt immerhin k e i n e Disziplin, die die Welt der letzten 150 Jahre derart entscheidend verändert hätte und weiterverändet, wie es die Mathematik als Arbeitswerkzeug der Disziplinen Physik, Chemie und wohl auch der Biologie getan hat. Da ist ein Verständnis ohne Mathematik absolut unmöglich, geschweige, Eingriffsformen und Widerstandsformen zu finden.
      Wiederum für die Sprachen, um ihre Funktion und Prozessualität zu verstehen, kommen wir im westlichen Kulturkreis um Latein gar nicht herum. Und als Musiker wissen Sie, wie eng die musikalischen Sprachen mit der mathematischen verwandt sind, gleichgültig, ob wir über die fälschlicherweise so genannte Klassische Musik, ob über Neue Musik, ob über Jazz oder sogar den Pop reden, wie immer er nun definiert sei.

      Unterm Strich werde ich, was Bildungsinhalte anbelangt, zunehmend ein Anhänger autoritärer Vermittlungsformen. Zudem habe ich allen Grund, weil mein Junge mit seinen elf ihnen so ausgesetzt ist, den allzu liberalen Formen der schulischen Bildungsvermittlung hochgradig zu mißtrauen – weshalb ich zum ersten Mal in meinem Leben versucht bin, die CDU zu wählen. Noch sträubt sich alles in mir dagegen, aber die Ratio setzt einen deutlichen Merker.

    • Also hier in Österreich traue ich keiner Partei zu, mehr als maximal einen Politiker zu haben, der mit Bieris Gedanken etwas anzufangen weiss. Und dieselben sind dann in jeder Partei in der absoluten Minderzahl. Was da sonst noch tönt, sind allenfalls Lippenbekenntnisse und untaugliche Versuche, um Stimmen zu fangen.
      Ich frage mich, ob das in Deutschland, speziell in der CDU, besser sein kann.

    • Vermutlich nicht. Immerhin wird man, wenn man elitärer Künstler ist (also einer, den Pop nicht interessiert, so daß er keinen macht), von der CDU nicht vermittels Umsatzzahlen abgeschafft. Und der Deutschunterricht wird nicht als ein Nebenzimmer der Gemeinschaftskunde betrachtet (die ich für wichtig halte; doch würde ich mich auch wehren, wenn im Physikunterricht überwiegend Basketball gespielt würde).
      Unterm Strich, nun ja, werden aber wohl doch die Piraten bleiben. Bis auch sie an der Macht sind.

  1. So habe ich das immer empfunden: Ein gutes Buch verändert mich und meinen Blick auf die Welt; es erweitert die Perspektive in dem es etwas hinzufügt, was vorher nicht bemerkt wurde. Bildung nimmt seinen Ausgang in einer Haltung der Bereitschaft, ebendas zu ermöglichen.

    Ich glaube aber, man muss „die Jungen“ in Schutz nehmen, ihre Welt und ihre Zeit ist eine andere als „die Alten“ (der Blogozentriker hat hier vor einem anderen Hintergrund Bezug darauf genommen): Es gibt keine Fixpunkte mehr, nichts was Stabilität bringen könnte, wir schwimmen nur mehr herum, damit beschäftigt nicht verschlungen, weggespült zu werden … jemand der heute heranwächst, hat von Bildung womöglich einen ganz anderen Eindruck, nämlich eher einen des Versagens. Und damit erhält Bildung eine andere Bedeutung, man fragt, vielleicht nicht ganz zu unrecht: Warum noch, wenn sie mir gerade das nicht geben kann, was ich brauche?

    Indem Sinne, dass gefühlt, etwas wie Perspektive gar nicht mehr besteht.

    • @Metepsilomena An Ihrer Vermutung ist etwas dran.
      Die Ahnung des Versagens.
      Die Crux ist aber, dass ein „Brauchen“ von Anfang an da ist, Bildung aber reichlich Zeit in Anspruch nimmt. Bis sie wirksam werden, Sehnsüchte wecken kann, ist der Hunger der Jungen oft schon durch leicht verdauliche Konsumangebote (nicht nur materielle) aller Art auf den rechten, nämlich den passiven Weg gebracht worden. So stellt sich mir das dar. An schlechten Tagen.
      An anderen Tagen schaue ich, wie es bei mir ist. Auch nicht viel besser. Ich krieg‘ manchmal richtige Tobsuchtsanfälle, wenn ich mir vergegenwärtige, wie viel mir an innerer (Bildungs)Landschaft fehlt. Ich würd‘ sie ja nicht vermissen, wenn da nicht diese Umrisslinien wären. Ganze Kontinente, die zwar markiert, aber nicht ausgefüllt sind. Das hole ich nie wieder auf. Ich hab‘ nicht genug Zeit dazu, weil ich mein Gehirn mit anderem Zeug beschäftige. Das mir als Selbstständige mein wirtschaftliches und soziales Überleben sichert. Dazu die künstlerische Arbeit.
      Ich hab‘ mir gerade genug Bildung einverleibt als junge Frau, um von einer nie zu stillenden Sehnsucht begleitet zu werden, mehr davon zu haben. Mich mit allem was ich habe in die Welt reinzufressen. Doch inzwischen ist nie genug Zeit da und Konzentration. Wenn die täglichen Aufgaben erledigt sind, bleibe ich oft in vertrauten Territorien, ruhe mich dort aus, anstatt mich auf Wanderschaft in neues Revier zu begeben.
      Deswegen ist für mich die Arbeit im Netz eine freudige. TT zu machen. Andere in ihren Welten zu besuchen. Da verknüpfen sich so viele Ranken, dass dieses bravbürgerliche Zwicken fast verschwunden ist: Ich muss nicht alles selber wissen. Viele andere tragen inzwischen zu meiner Landkarte bei. Wie umgekehrt auch, hoff‘ ich.

    • Auch wenn ich wohl schon zu den „Alten“ gehöre, schon länger eben bei kulturkritischen Blogs o.ä. mitdrifte – oder gerade deshalb möchte ich dem Bieri vielleicht nicht alles abkaufen.

      Eines der Hauptprobleme, das nur aklingt ist für mich der Skeptizismus, totale Relativismus. Man kann alles anzweifeln. Schon so einen einfachen Satz: „Stets geht es um zweierlei: zu wissen, was der Fall ist, und zu verstehen, warum es der Fall ist.“ – der hat noch etwas von dem Autorativem, den der erste Teil bei Wittgenstein schon hatte, die Wissenschaft kümmert sich, um den zweiten Teil nicht (außer vielleicht in der Psychologie). Aber selbst dieses „was der Fall ist“ kann schon je nach Metaphysik, System völlig unterschiedlich ausfallen, ja, könnte ein Whitehead schon bestreiten, dass überhaupt etwas der Fall sei. Bildung muss vielleicht eben auch Relativismus relativieren, sonst rinnt einem doch alles Wissen durch die Finger. Teilweise sehe ich das im Text schon reflektiert: dass Bildung auch immer etwas Dynamisches, Unfertiges sei. Aber ich hätze sie eben auch so beschreiben können, dass ich, weil ich im Treibsand alles denkbar-Möglichen nicht völlig versinken will mir (mehr oder weniger willkürlich) einen teilweise festen Boden einziehe, ein Übersichts-Kategorie-Orientierungswissen (das selbst eben wieder relativ ist – gut, das lässt sich vielleich schon herauslesen).

      Warum soll Bildung herrschaftslos, passiv sein? – Auch dass man Nazis Bildung abspprechen könne, oder Bildung subversiv sei (das letzte war natürlich ein vergnüglicher Satz). Ist da nicht auch etwas Wunschdenken im Spiel, oder eine mulitkulturell-westlich geprägte Perspektive? Müsste ich nicht so subversiv werden, dass ich auch die Bildung eines [] wie Horst Mahler anerkenne?

      Ich meine, ich klatsche gerne, wenn er auf die Bildungsphilister zielt, aber sind es bei einer solchen Festrede nicht genau die Bildungsphilister, die klatschen – und da können sie/wir noch so viel Heine lesen wie wir wollen?

      I don’t know.
      (*setzt sich eine Papiermütze auf und ist nun ein Bildungsphyllister*)

    • @Metepsilonema Jetzt habe ich fünf Minuten gebraucht, um den Namen richtig zu schreiben, denn genau wie bei Phyllis hat sich bei mir automatisch Metepsilomena ergeben, was nicht nur Namen sondern auch Bezeichnung ist. Der Fluch der Bildung.
      Ich beziehe mich aber hier auf den referenzierten Artikel „Wahrheit und Trost in der Moderne“, der mir gerade deswegen zusagt, weil er einen Wahrheitsbegriff postuliert, den es meiner Meinung nach geben sollte. Er impliziert die Wahrheit als etwas „Wahres“ im logischen Sinn.
      Es scheint mir gerade das Resultat der Bildung zu sein, dass das Vorhandensein einer Wahrheit geleugnet werden muss. Es ist so wie bei Bieri beschrieben: wenn man lernt, wie viele Wahrheiten als wahr hingestellt wurden, um ungebildete Menschen zu beeindrucken und sie später in den Krieg zu schicken, so bekommt das Wort Wahrheit pornografischen Charakter. Jetzt wurde ja auch schon formuliert, dass die Wahrheit eine Funktion der Zeit ist. Das ist ein netter, wenn auch nicht ganz zulässiger Ausweg, obwohl er schon in „1984“ sehr überzeugend ausgearbeitet ist.
      Es ist wohl der sehnlichste Wunsch des Philosophen einer Wahrheit näher zu kommen. Ich glaube, es wird nicht mehr lange dauern, bis die Philosophie den Standpunkt der Physik einnimmt: den beschreibenden. Als rasches Resultat wird es eine Wahrscheinlichkeitsfunktion der Wahrheit geben. Damit kommen die Logiker nicht besonders gut zurecht. In der Mathematik hat allerdings Chaitin schon bewiesen, dass selbst in einer so klaren Disziplin wie der numerischen Mathematik, die Wahrscheinlichkeit Einzug gehalten hat. 2 plus 2 ist zwar vielleicht wirklich 4, doch bei etwas komplexeren Berechnungen kann eine rein numerische Berechnung möglicherweise schon in ein ausschließlich wahrscheinliches Ergebnis führen. Pech für uns Menschen, die wir glauben, alles ergründen zu können.
      Aber Frage: wie verhält sich die Wahrheit zur Wirklichkeit?

    • Teilweise sehe ich das im Text schon reflektiert: dass Bildung auch immer etwas Dynamisches, Unfertiges sei.
      Den Eintrag von Phorkyas habe ich erst gelesen, als ich meinen Beitrag schon geschrieben habe.
      Ich betone daher noch einmal: gerade das Dynamische und Unfertige kann uns vielleicht dazu führen, den Begriff Wahrheit nicht so apodiktisch sehen zu wollen.
      Und wenn ich das schreibe, so ist es wahr! 🙂

    • @Phyllis Ich weiß nicht. Kann es sein, dass ein Bedürfnis durch inadäquate Mittel befriedigt wird? Ich glaube nicht. Höchstens überdecken könnte man es.

      Ich kannte einmal einen Bildungshunger, der vor allem mit einem Wissenanhäufungsprozess zusammenhing. Das ist schon lange anders und mittlerweile viel entspannter (und ich glaube es hängt auch damit zusammen, dass man irgendwann entdeckt, dass man selbst etwas schaffen kann und nicht nur das anderer nehmen muss): Wie Bieri schreibt, gibt es kein Ende des Prozesses und es geht doch darum, wie Sie ja auch sagen, andere Welten zu entdecken und sich die Offenheit zu bewahren, das tun zu können. Bildung wäre demnach nicht ohne eine bestimmte, frei gewählte Haltung zu erlangen und wesentlich ist sie eigentlich diese Haltung selbst, weswegen man jemand diese Haltung vermitteln und erklären, aber er sie nur selbst annehmen und erwerben kann. Deshalb wäre hier tatsächlich Augenhöhe geboten und nicht Autorität.

    • „Bildung wäre demnach nicht ohne eine bestimmte, frei gewählte Haltung zu erlangen und wesentlich ist sie eigentlich diese Haltung selbst, weswegen man jemand diese Haltung vermitteln und erklären, aber er sie nur selbst annehmen und erwerben kann. „

      Das habe ich nicht verstanden, würden Sie mir das Bitte erklären.

    • @Phorkyas Die in der Antwort an Phyllis angesprochene Haltung wäre ein Grundmotiv, sagen wir, sich auf etwas anderes einlassen zu können, es nicht sofort zu negieren (wie die im speziellen aussieht und wie weit man gehen kann oder will, ist nicht festgelegt). Das ist in der Tat herrschaftslos, passiv, weil es zunächst einfach heißt: Zu hören können.

      [Ich habe Bieris Rede noch nicht gelesen, nur den oben zitierten Ausschnitt. Schreibt er tatsächlich von Passivität? Ich hatte mir nämlich einen kurzen Eintrag vorbereitet, aber noch nicht eingestellt und das genauso formuliert.]

    • @Steppenhund Das Problem mit dem herkömmlichen Wahrheitsbegriff ist, dass er Herrschaft impliziert. Und das wird von vielen Menschen auch so empfunden. Wenn wir das Problem lösen wollen und den Begriff „aufweichen“ bewegen wir uns in Richtung Relativismus. Vielleicht kann man Wahrheit als diskursiv-verbindlich etwas weniger zahnlos machen? Ich weiß es nicht. Sicher bin ich mir, mehr denn je, dass es unzählige Wahrheiten, Subjektivitäten und Lebenswelten gibt und dass man sie achten sollte, auf der anderen Seite aber nicht ohne eine bestimmte Art von Verbindlichkeit auskommt.

      [Ich bin jetzt nicht auf alles eingegangen, aber vielleicht verschieben wir die Diskussion auf Begleitschreiben? Es ist ja hier nur indirekt Thema.]

    • @Tomas Bildung heiß (für mich) etwas Neues, möglicher Weise auch Unangenehmes kennen zu lernen. Das kann man tun, oder nicht, es braucht ein bestimmtes Verständnis, eine bestimmte Haltung. Und genau diese Haltung besagt, dass man jemand, der Bildung abgeneigt ist, etwa einem Schüler, „zuerst einmal zu hören sollte“, warum das so ist, bevor man ihm irgendetwas um die Ohren haut oder verordnet. Es bringt nichts Bildung vorzuschreiben, diese Haltung autoritativ zu verordnen, weil es ihr selbst widerspricht. Vermitteln ist vielleicht ein gutes Wort: Diese Haltung vermitteln.

    • @Metepsilonema Ich glaube, Hunger „erkennt“ sich gegenseitig. Dann ist eh alles durchlässig und gut. Sag‘ ich mal so salopp.
      Um ihn – auf Augenhöhe – in jungen Leuten zu wecken, sollte am Anfang ganz einfach die eigene Entzündbarkeit stehen. Das, was Sie mit „Haltung“ bezeichnen.
      Die macht sie neugierig. Worauf sie dann ihr eigenes Augenmerk richten … hm… das kann man eine Weile begleiten und füttern. Mehr nicht. Aber das ist schon viel.

      (Komme eben von einer Radtour bei Gewitter zurück. Plitschnass. Badewanne. Buch : )

    • @Phyllis Ja, das ist, wäre schon viel. Was die Sache nicht einfacher macht, ist, dass man die Entzündbarkeit auch vermitteln (übertragen) können muss, was nicht jedem (bei allen) gelingt.

      [Sie hätten, selbstverständlich, auch zuerst das Bad nehmen, und mir dann antworten können.]

  2. Die Sprache der Seele. Hm, Bieri ist ein kluger Mann, kein Zweifel, aber er wuchtet mit dieser Gedankentafel auch ein ziemlich steinernes Gesetz aus der Schuldidaktik aufs Pult, oder? Fragmentarisch ist daran wenig und ich würde behaupten, wenn schon mal was splittert und fetzt, isses wenigstens schon mal durch Zerstückung nicht bloß die Wiederholung einer vergänzten falschen Weisheit. Wie wäre es, sich da einfach mal ein Stück Literatur anzuschauen, die diesem Selbstverständnis noch etwas hinzufügt, lakonisch, rührend, wahr: http://www.wolfgang-herrndorf.de/page/9/
    oder hier: http://www.youtube.com/watch?v=za882b_vTzs

    • @Diadorim Habe den ersten Link gelesen. Sehr schöne Geschichte.
      Da muss ich aber eine eigene Erfahrung wiedergeben. Als ich von meinem Austauschjahr aus den USA zurückkam und gerade noch die achte Klasse machte, wurde ich von dem Deutschprofessor, den die Kollegen schon ein Jahr lang kannten, über den Stoff der 7. Klasse geprüft. Die Deutschnote war die schlechteste in meinem 7.Klass-Zeugnis. Schriftlich sehr gut, mündlich nicht genügend, Du bekommst einen Dreier ins Zeugnis. Begeistert war ich da nicht von ihm.
      Er hatte eine sehr hübsche Tochter und er stotterte, wenn er sich aufregte. Mit der Tochter hatte ich (leider) nichts zu tun, doch wenn er uns Gedichte vorlas, stotterte er manchmal ein bisschen. Doch niemand von uns (eine reine Bubenklasse) lachte. So wie er las, verstanden wir, was die Gedichte bedeuteten. Und wir wurden verführt, selbst Gedichte zu verfassen. Es war kein Zwang dabei.
      Damit könnte dieses Geschichte aus sein, doch sie hat noch ein kleines Nachspiel.
      Als wir unsere 40. Maturajubiläum feierten, wurden die Karrieren beleuchtet. Und da stellte sich heraus, dass es in unserer Klasse 75% Akademiker, 66% Hochschulprofessoren und 66% Schulkollegen, deren Beruf mit Sprache zusammen hing,gab. Vom Chefredakteur eines Sachmagazins bis zu verschiedenen Hochschulprofessoren, von denen ich jetzt einen verlinke.

      Und ich selbst?
      Nun, ich habe mich schwerstens durch russische Lyrik von Achmatowa und Swetajewa durch gearbeitet und war heilfroh, dass ich dann Ausgaben fand, wo der Text sowohl auf russisch als auch auf deutsch war. Und Kommentare haben mir beim Verständnis aus sehr geholfen.

      Und Fazit?
      Man kann auch als Techniker etwas für Lyrik übrig haben, genauso wie für Musik und andere Inhalte.
      Wenn Lyrik aber die Sprache der Gefühle ist, so ist sie nicht die beste Form dieser Sprache. Da halte ich noch allemal die Musik dagegen:)

    • Well, Lyrik wird mit Worten und Metrik gemacht, nicht mit Gefühlen, und Musik mit Stimmen und Instrumenten, hin und wieder mit Noten und Dirigenten, Maik, wir können schon Ironie in 5 Minuten überm Urinal zusammenkritzeln, Klingenberg zeigt doch sehr schön das Dilemma von wochenlang nur dieses eine Gefühl haben und – paramm paramm – Metrum und Worte dafür finden, am besten Reime, und weil einem das irrsinnig blöd vorkommen muss, sein Gefühl in so was zu kleiden, wenn jeder Dumpfnazi das auch macht, bei dem man gar nicht so genau wissen will, was der so dabei fühlt, wenn überhaupt, liest man der Bachmann nicht so gern wie die Heine vielleicht und letztlich findet man das ganze Konzept, da sei etwas Sprache der Gefühle und was anderes Sprache der Analyse wahrscheinlich völlig legitim ziemlich Banane. Paramm paramm.

    • [Bernsteingelb ist das Geblüt der Erde…]

      Bernsteingelb ist das Geblüt der Erde,
      Mohnsud tropft aus allen Freudenarten
      in der Zeit, dem immergrünen Garten,
      wächst der Apfel, den ich pflücken werde.

      Muß zuvor aus überglasten Stunden
      Weh- und Wermut in dein Herz verpflanzen,
      während Sterne durch den Mittag tanzen,
      die der Hunger in uns losgebunden.

      Bei den Hornissen- und Wespennestern
      stiehlt mein Denken ein paar wilde Waben,
      um ein Brot für dich und mich zu haben,
      und die Erde blutet gelb wie gestern.

      Trink mit mir von allen Freudenarten!
      Weh- und Wermut wachsen jetzt von selber,
      auch der Apfel wird schon immer gelber,
      wenn er reif ist, steht der Tod im Garten.

      Oh, wir werden sie verzückt verzehren,
      Tod und Apfel und die schwarzen Kerne –
      doch das Feuer unsrer Hungersterne
      wird das Erdblut röten und vermehren.

      (Christine Lavant)

      © Otto Müller Verlag

      Aus: Die Bettlerschale

    • Indeed, heut nennt man das in der Füllselophie lieber die Qual mit der Qualia, statt LeibSeeleProblem. Und man fragt sich, wie ist es eigentlich ein Dichter zu sein, der aus seiner Liebe Dichtung macht zb, und ich kann nur sagen, supergut.

    • Und das Zentrum narrativer Gravitation fragt sich, wie es ist, nur ein Summen von Milliarden Mikrorobotern zu sein – wird mit Ethanol auch nicht besser. Grüßt aber fröhlich andere Seinsweisen und wartet auf die Rückkehr seines Sterns.

      And of each thing he has seen
      he will speak

      the blinding
      enumeration of stones,
      even to the moment of death –

      as if for no other reason
      than that he speaks.

      Therefore, he says I,
      and counts himself
      in all that he excludes,

      which is nothing,

      and because he is nothing
      he can speak, which is to say
      there is no escape

      from the word that is born
      in the eye. And whether or not
      he would say it,

      there is no escape.

      Paul Auster

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