Poly-Amor. Mittwoch, 10. August 2011

Es ist ja nicht so, als missgönnte man den Menschen, die man liebt, die Freiheit. Auch jene nicht, das Herz für andere zu öffnen. Da es ein Muskel ist, kann es doch an der Überforderung wachsen? Kann doch Gleichzeitigkeit vertragen? Da passt ja längst die Familie hinein, die Freunde passen hinein und diverse Hunde, Katzen und sonstige Reflexgeschöpfe.
Wenn nur nicht die Bedrohung wäre. Vor dem Verlust der Eigentlichkeit würde ich mich fürchten. Vom eigentlichen in ein verfallenes Dasein zu rutschen.
In Sein und Zeit beschreibt Heidegger das so: “Eigentlich ist das Dasein, wenn es im Besitz seiner selbst, einzeln, ist. Eigentlichkeit ist also eine Weise des sich mit den eigenen Möglichkeiten Verhaltens.”
Ich selbst habe das immer „mit sich selbst deckungsgleich sein“ genannt. Es ist der Zustand, in dem ich arbeiten kann. Auf dessen Stabilität ist zu achten! Wenn ich nicht arbeitsfähig bin, gilt mir die Liebe nichts…
Anders gesagt: solange ich eigentlich bin, wächst mein Herz an Überforderungen. Verfalle ich aber Liebes-Umständen, die meine Möglichkeiten außer Kraft setzen, mich mir selbst entfremden, schrumpft es. Es wird ängstlich. Es sucht sich zu vergewissern.
Eine monogame Beziehung kann das im schönsten Fall mit sich bringen: diesen Herzschrittmacher des Vergewissernmüssens nicht mehr zu brauchen. Im anderen ein Zuhause zu finden und selbst eines zu sein. Das Tolle am Zuhausesein ist, es braucht keine zusätzlichen Adjektive – es ist ein Ursprung. Wer ein Zuhause im anderen hat, denkt und fühlt in großen Zeiträumen. Da kommt vielleicht ein anderes Herz, ein anderer Körper und geht wieder, da gibt es asynchrone Phasen, die aber nicht immens schrecklich sind, weil, irgendwann trifft das wieder aufeinander. Es geht nicht um Sex. Ein Mann, den ich liebe, kann meinetwegen auch mit andern Frauen welchen haben… solange ich selbst nichts vermisse. Umgekehrt erwarte auch ich eine gewisse Souveränität.
Mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig zu führen verbraucht dagegen einen Haufen Vergewisserungsenergie, weil die Selbstverständlichkeit wegfällt. Auch die des Körpers. In der Polyamorie wird Liebe zum Herzmuskeltraining, ist ständige Abwägung und Moderation gefragt. Glaube ich. Dazu die Trauer um den Verlust der Unbedingtheit. Ist es das wert?
Ist das die richtige Frage? Wären solche Konstellationen leichter, wenn sie gesellschaftlich selbstverständlicher wären?

Das sind erste Überlegungen. Ausgelöst durch die >>> Polyamorie-Diskussion drüben in der Anderswelt.
Bevor jetzt wieder einige behaupten, das wäre eine Luxusfragestellung: glaub’ ich nicht. Es ist eine gesellschaftliche. Und insofern kein Luxus.

17:44
Schöne Kommentare heute. Werde später noch einmal darauf zurück kommen – muss erstmal durch mein restliches Tagespensum.

46 Gedanken zu „Poly-Amor. Mittwoch, 10. August 2011

  1. als ich in die phase der ablösung und des entwindens aus der umklammerung der monogamie, schon lange eingetreten war, sagte einmal ein mann zu mir mit dem ich eine kleine amourie pflegte es sei so eminent wichtig treu zu sein, wenn man poyamoie lebe.
    wie er das meine fragte ich.
    er sagte, seine frau könne sich darauf verlassen, dass er sie liebe und niemals für eine andere verließe. das war die schönste liebeserklärung die ich je hörte.

    • @Anna Häusler Verstehe ich. Die von Ihnen zitierte Liebeserklärung ist, glaub’ ich, genau das, was ich mit “im Anderen ein zuhause” haben auszudrücken versuchte. Catherine Millet hat übrigens zu Thema vor einiger Zeit im Spiegel Kluges gesagt. Sie sprach von einer sexuellen und amourösen Freizügigkeit in bestimmten Kreisen in Paris, die aber immer mit der Versicherung einherginge, den offiziellen Partner, also die Heimstatt, nicht zu verlassen. Das war allerdings eine von den weniger eigenwilligen Aussagen, die sie machte – andere waren interessanter. Mal sehen, ob ich den Artikel noch finde; ich hatte ihn aufgehoben.

      Wie auch immer. Ich glaube nicht ans “niemals verlassen” – insofern könnte ein solcher Satz für mich auch nicht die schönste Liebeserklärung sein. Eher die furchterregendste.
      (Woran ich aber ganz fest glaube, sind Liebeserklärungen ansich! : )

      Schön, übrigens, mal wieder hier von Ihnen zu lesen, Anna.

    • @Phyllis versuchen sie diesen satz des nicht verlassens richtig zu verstehen. man verlässt jemanden wenn man ihn alleine stehen lässt. bildlich im regen, ohne schirm, allein.
      hier in diesem fall heißt “niemals verlassen” nicht über dem früstücksei zu schweigen und den moment inne zu halten im gespräch der den anderen alles wissen lässt und nicht weiter zu machen ohne richtig dabei zu sein.
      klar, vor “niemals” zuckte ich auch zurück, es heißt hier aber so viel wie “du kannst mir vertrauen” dass du es von mir persönlich erfährst, nicht von dritten, nicht duch indizien oder einen text der es verrät. womit wir beim eigentlichen thema sind, dem des verrats am anderen.
      es nicht dazu kommen zu lassen erfordert größe – die nicht jeder hat.

      @Melusine
      sie tun mir leid dass sie so über liebe denken.

    • @Anna Häusler Auch Verzeihen können beweist Größe. Der Verletzung ihren Ort geben und sie dort s e i n lassen. Wir sind alle versehrt. Ich sage das nicht einfach so dahin.

    • @Phyllis ich weiß! und ist schon längst geschehen.

      große weiten trennen heute die protagonisten von damals und an einigen stellen möchte man sagen sind sie nicht mehr die menschen von damals…

    • @Anna Häusler Ich denke ja nicht (viel) über Liebe, sondern liebe halt und werde geliebt (wie andere auch, die ihre Lebensweise nicht zu einem Statement machen). Was schön ist (meistens) und manchmal weh tut. Daher ist Ihr Mitleid an mich verschwendet. Denn so, wie es ist, ist es für mich gut. Und wie´s andere machen, die ich nicht liebe, ist mir im Grunde gleich.

    • @Melusine zu Frau Häusler. “Anna Häusler” heißt eine der Hauptfiguren meines >>>> Wolpertinger-Romans; dort ist sie, in einer ihrer Metamorphosen, Titania. Und was Bottom träumte, wissen Sie. Insofern ist dieses Mitleid ohnedies höchst ambivalent. Ich meine das prinzipiell, nämlich als allegorisches Phänomen, und nicht etwa persönlich.

    • Ich weiß, wer “Anna Häusler” ist. So und so. Als allegorisches Phänomen, selbstverständlich! Doch i c h kann mir Mitleid nicht leisten, denn: “Das Mitleid verweichlicht und entnervt unsere Seele und nimmt ihr den Mut, dessen sie später vielleicht zum Ertragen der eigenen Leiden bedarf.”

  2. Ich glaube, liebe Phyllis, im Kern ist es keine gesellschaftliche Frage. Sie ist nur überlagert von gesellschaftlichen Normen und unter diesen kaum mehr zu erkennen. Letztlich aber wird Liebe (wenn man sich nicht reduziert auf bloße Triebabfuhr) immer einen Anspruch auf Exklusivität in sich tragen (der sich aber gerade nicht auf die Sexualität beziehen muss!). Die Art, wie man “alle Menschen” lieben kann, kann ja den unbedingt Liebenden n i e genügen, oder? Und Liebe verlangt (auch wenn sie daran scheitern mag) nach Ewigkeit – sie ist die Sehnsucht nach der Grenzüberschreitung, auch und gerade in dieser Hinsicht.

    Letztlich stellt sich trotz allem eine moralische Frage, jenseits aller Traditionen: Wie kann Liebe zu leben gelingen, ohne einander zu verletzen? Und auch wenn wir wissen, dass eben das nicht gelingen kann, dass wir bei aller Vorsicht und aller Nachsicht, bei aller Toleranz und aller Bedingungslosigkeit, doch Schmerz zufügen und erleiden werden, wenn wir lieben, stellen wir uns doch selbst in diese Pflicht: so wenig wie möglich den zu verletzen, den wir lieben.

    Im Grunde glaube ich nicht an die Liebe; ich weiß nur von ihr. Man kann alles reduzieren, zweifellos, auf Ursache-Wirkungsketten, die aufzeigen, warum wir wann wie jemanden wählen: Chemie, Ökonomie, Prägung. Aber woran ich nicht glaube, das geschieht mir doch. Wer liebt, wählt nicht. Und ist gebunden. Ewiglich.

    • Ich phantasiere jetzt mal, liebe Melusine. Das Zweischneidige an der unbedingten Liebe, die wir uns fast alle wünschen, ist ja, dass sie die Lüge schon in sich trägt. Es wird nicht gelingen. Es darf gar nicht gelingen: Ewigkeit ist ein so schwer fassbares Konzept – wäre sie einlösbar, sie würde die Kraft ihrer Behauptung einbüßen. Das Versprechen der Ewigkeit ist deshalb so kostbar, weil man sich, indem man es gibt, zum Sünder macht: Der Aussprechende wie der Empfangende weiß, es wird nicht eingehalten werden können. Wer es trotzdem behauptet, beweist, dass er um der Liebe willen sogar zu lügen bereit ist – ein bewusstes Opfer, das vom Anderen, denke ich, immer als Liebesbeweis empfangen wird.
      Die Verletzungen kommen, wenn solch religiös flirrende Behauptung von Handlungen geerdet wird. Dann fängt man an zu messen. Sobald man misst, gerät man in die Welt der Tatbestände und Vergleiche. Aus stolzen Behauptungen werden Einräumungen, zu lügen ist plötzlich kein Liebesbeweis mehr, sondern Feigheit.
      Ich glaube, dass sich Verletzungen in Grenzen halten lassen, wenn man an der Unverfrorenheit der ursprünglichen Behauptung festhält. Keine Scham, keine Beteuerungen, kein Sack und keine Asche. Besser wäre, aus dem eigenen Handeln so viel überschüssige Kraft zu gewinnen, dass die auf alle Beteiligten abstrahlt. Dass sich ein Eindruck von Fülle überträgt, nicht von Verlust.
      So. Genug phantasiert.
      Eines noch: Bei Ihren abschließenden Sätzen kommt mir ein Vulkan in den Sinn, der glaubt, ein Amboss zu sein. Aber bricht Lava nicht beim Härten?

    • Mein Problem ist, dass mein Gefühl mich zwingt, etwas zu verteidigen, woran ich nicht glaube. Ich stimme Ihnen zu. Tatsächlich habe ich mich immer gehütet, die Liebe “stolz” zu behaupten. Keine Beteuerungen, keine Versicherungen, keine “Liebes-Beweise”. Ja. Dann ist es aber so gekommen. Bedingungslos. Gegen meine Überzeugungen. Gegen meine Skepsis. Und gegen meinen Wunsch “beziehungslos” zu leben. (Den ich immer noch fühle: diese Sehnsucht, “für mich” zu sein, das “geschlossene Zimmer”; aber ist es deshalb eine Lüge, dass ich bleibe? Es ist ja nur das “andere Ich” – das immer existiert hat und das so sehr zu mir gehört wie die Bindung.) Es bedeutet auch nicht, dass es immer nur “den Einen” gegeben hätte. Das wäre in der Tat gelogen. Aber es hat immer ihn gegeben. Und für ihn nicht immer nur mich. Aber immer mich.

      Was ich weiß (und worunter ich manchmal “leide”, obwohl es in diesem Zusammenhang geradezu kokett klingt): Es fehlt mir die Erfahrung, zu verlassen und verlassen zu werden (“Liebeskummer”?). In gewisser Weise bin ich daher auch als erwachsene Frau und Mutter ein “Mädchen” geblieben, glaube ich. Und das, selbstverständlich, schreibt sich nicht ohne Scham.

    • ich hatte grad mit ännie ne grundsatzdiskussion – sie sagt – liebe ist reibung – ich sage liebe ist möglichst reibungslos : 1+1 ohne grosse minusgrade : kongenialität.
      vielleicht ist das das ideal von polyamorie – dass man sich überflüssige diskussionen erspart.

      ( wir wissen dass alles von mir löschbar ist und das ist auch gut so – schlechte spuren muss man nicht freihalten )

    • ich sagte nioch : “reibung ist onanie ohne gleitsubstanzialität – sobald es feucht ist, gleitet etwas”
      nun – das halte ich für faktisch haltbar.

    • ja klar kann ich noch ne private mitteilung machen : ich könnte meine zuhälterin mir anweisen, möglichst flexibel mit grundbeats per minute herummachen zu können und das auf die bedürfnisse meiner jeweiligen sexualpartnerin abzustimmen, mich sozusagen zum dildo zu machen, mich über die beatanweisungen meiner jeweiligen partnerin zum kontrollierten werkzeug zu machen.
      logo, das klingt musikalisch.

    • der körper ist das werkzeug des instruments, lobster.
      so sieht das aus und das ist das werkzeug der jeweiligen bedürftigkeit.
      mal vom knöpfedrücken jedweder couleur abgesehen.

      ( kleine anleitung zur praktischen polyamorie, chapter basics )

    • hey ich seh schon leute auf lacanscxhen oder freudsxchen krücken andonnern und mir meine marmelade madig machen.
      sorry jetzt klink ich mich aus aus der histosoziologie.

      sorry tt / flag pi

    • Irgenwie süß so ein Alkoholikerpärchen aus der Erdgeschosswohnung im Stadtteil Dawoskackeis, oder sind die auf Entzug? Schnell noch alles lesen, gleich wird gelöscht. (Nicht mal essen kann man die Mistviecher, hör ich aus der Küche, soll aus Asterix sein, Goldene Sichel, auch besoffen die. Elend überall.)

    • @phyllis, “ich phantasiere jetzt mal…”; ich habe diese große wahrheit bisher noch nie so fein ausgesprochen und so ausgesprochen wahr und nuanciert formuliert gelesen, weder gehört noch vernommen im ohr, geschweige gelesen in irgendeiner willkommens- oder abschiedspost.
      großen dank, und jetzt gute nacht, herzlich schneck.

    • @S. Ense Nur, um Ihre Erwartungshaltung zu unterlaufen, lösche ich Lobster und Ännie heute mal nicht. Nein, nicht nur: Ich finde den kleinen Dialog der beiden ziemlich lustig. Der dirigierte Dildo zum Beispiel macht mich schmunzeln und “ännie, du bist aufgesogen” kommt bei mir auf die Shortlist für künftige geflügelte Worte.

    • @MelusineB Spannend, wie stark in Ihren Worten die Genugtuung mitschwingt, überwältigt worden zu sein: dass die Liebe gilt und i s t, auch gegen Ihre Überzeugungen. Ich stelle mir das fast wie einen Triumph vor – bei einer Frau wie Ihnen, deren Geist und Vorstellungsvermögen gewohnt sind, die Zügel zu führen. Yippie, es gibt etwas, das stärker ist als Sie!
      Dass Sie bedauern, eine bestimmte Erfahrung – die des Verlassenwerdens – noch nicht gemacht zu haben, passt da gut hinein.
      Ein solcher Verlust: könnte er in Bildern und neuen literarischen Figuren gezügelt werden oder hätte er die Kraft, Sie außer Kraft zu setzen? Für mein Empfinden ist das eine künstlerische Fragestellung. Die Neugier auf den Ausnahmezustand – und was er bewirken könnte.
      Auch, wie Sie als erwachsene Frau auf das Mädchen schauen und sagen, es hat den Verlust der Unschuld noch nicht erfahren: Was aber wäre, wenn …?

    • Sie erfassen das sehr fein …den Mix aus Überwältigung, Furcht, Genugtuung, Trauer über das Ungelebte, auch die Spannung zwischen dem Mädchen (19) und der Frau (46), die weiter besteht.

      Was wäre wenn… kann keine sagen, oder? Eigentümlich ist, wie das, was einem schlicht geschehen ist, zur Wahl wird.

    • Womit wir, liebe Melusine, schon gefährlich nah bei der Diskussion über den Freien Willen sind.
      In die ich aber heute Morgen nur eine kleine Lunte lege, ohne sie anzuzünden – ich hab’ noch nicht gefrühstückt : )

    • Ja, gefährlich ;-)… ich habe drüben ein wenig dazu geschrieben. Ganz wohl ist mir dabei nicht. Denn wahr ist auch: Es kann immer sein, dass man sich nur einbildet, frei zu sein – und in Wahrheit eine Theorie bildet, die zum eigenen Leben passt. Das ist mir schon klar.

      Was ich vergass, für meinen Fall: Die “Wahl” war wesentlich auch eine Entscheidung für gemeinsame Kinder. Das ist uns nicht “so passiert”, das haben wir gewollt.

  3. “Mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig zu führen verbraucht dagegen einen Haufen Vergewisserungsenergie, weil die Selbstverständlichkeit wegfällt. Auch die des Körpers. In der Polyamorie wird Liebe zum Herzmuskeltraining, ist ständige Abwägung und Moderation gefragt. Glaube ich. Dazu die Trauer um den Verlust der Unbedingtheit. Ist es das wert?” [Phyllis]

    “… sagte einmal ein mann zu mir mit dem ich eine kleine amourie pflegte es sei so eminent wichtig treu zu sein, wenn man poyamoie lebe.
    wie er das meine fragte ich.
    er sagte, seine frau könne sich darauf verlassen, dass er sie liebe und niemals für eine andere verließe. das war die schönste liebeserklärung die ich je hörte.” [AH]

    Das zweite Zitat gibt die Antwort auf den möglichen Verlust der Unbedingtheit.

    Zur Vergewisserungsenergie möchte ich einen komplett anderen Aspekt einwerfen: wenn ich ein Musikstück übe, kann ich zwar die Technik üben, doch dem Stück den musikalischen Ausdruck verleihen, muss jedesmal aufs Neue geschehen. Man kann dies sehr gut am Unterschied zwischen erstklassigen und zweitklassigen Berufsmusikern beobachten.
    Ich denke, dass es gut tut, sich nicht zu sicher zu sein und täglich neu zu erobern. Was die Selbstverständlichkeit des Körpers angeht, war ich selbst überrascht, wie der Körper und das Gefühl reagiert. Im Augenblick des Geschehens zählt nur das Gegenüber und der Körper stellt sich genauso augenblicklich um, wie wenn man nach einem Schubert einen Prokofiev spielt. Der Körper merkt sich viel mehr, als man es gedanklich für möglich hält. Und genauso wie man in verschiedenen Sprachen sprechen, denken und träumen mag, wird dies vermutlich auf Partner zutreffen.
    Ich betone aber trotzdem: es ist nicht jedermanns Sache und keinesfalls etwas, was als Norm dargestellt werden sollte.

    • @Steppenhund das ist ein schönes bild.

      …soll ich darauf verzichten von jemandem unvergleichlich gespielt zu werden, auch wenn mein herz jemand anderem gehört?

      der aufzuwendenden “Vergewisserungsenergie” steht der einschläfernde stillstand der monogamen sicherheit gegenüber, entweder man kann damit oder man kann damit nicht. dass muss jeder selber herausfinden.

      man kann sich nie sicher sein.
      seien sie sicher.

      A.H.

    • @Steppenhund, Wenn mir ein Mann seine Neigung, sich neben mir auch mit anderen Frauen zu verabenteuern, mittels Ihres musikalischen Bildes zu veranschaulichen suchte … ich würde nicht mehr an meiner Einzigartigkeit für ihn zweifeln.
      Höchst gewundener Satz. Tschuldigung.

    • @Steppenhund zur Musik, ff Ich denke eben noch einmal über Ihr Bild nach. Das Gedächtnis des Körpers. Und ob, wenn die Sinne entsprechend hochentwickelt sind, diese Umstellung von einem Körper zum anderen tatsächlich eine spielerische sein kann. Eine spielende.
      Ich glaube, wie ich zuvor bereits andeutete, dass ein solches Gespieltwerden reizvoll sein kann. Ich glaube aber auch, dass dieses Konzept (nennen wir es mal so) voraussetzt, dass die Beteiligten wissen, wer Musiker ist, und wer Instrument. Es müsste ein aktiv-passiv-Unterschied spürbar sein. Es müsste eine Art Befriedung geben in der Rollenverteilung. Ist nur so eine Ahnung.
      Um zur Idee der Polyamorie zurückzukehren, die ja weit mehr umfasst als ein Zusammentreffen der Körper: Das sich “nicht sicher sein und täglich neu erobern”, von dem Sie sprechen, würde gerade für sie weniger zutreffen als für monogame Beziehungen. Die monogame Beziehung hat gesellschaftlichen Rückhalt, muss kaum um ihre Außendarstellung kämpfen und läuft deshalb mehr Gefahr, auch im Inneren der Konvention zu erliegen.
      Das ist zwar nicht schlimm, kann sie aber auf Dauer reizarm und anfällig für dieses “und was kommt jetzt noch?” – Gefühl machen. Wenn dieses “was” dann eintrifft, gerät oft die ganze Beziehung in Aufruhr oder stürzt gleich ganz ab…
      Das Interessante an der Polyamorie, eben weil sie keinen konventionellen Rückhalt hat, wäre ja, dass sie ihre vergewissernde Struktur selbst schaffen muss. Auch körperlich. Die Überzeugung müsste von Innen kommen, aus den Bindungen, weil es gälte, sich gegen Skepsis und Unverständnis von Außen zu stellen. In einer solchen Konstellation wäre die Frage, wer spielt und wer gespielt wird interessanter als in einer klassischen Paarbindung. Einfach, weil es mehr Varianten gäbe.

  4. Ich stimme der Frau MelusineB und Ihnen zu, auch wenn ich sexuelle Treue für unabdingbar halte, zumal sie eben auch Zeichen ist, nicht nur für die emotionale Treue, sondern auch für das Funktionieren eines Miteinanders. Aber mir ist bewußt, ich bin – arg – konservativ. LG tinius

    • @Tinius Ich finde sexuelle Treue auch sexy! Eine Weile. Aber wie lange? Zehn Jahre? Zwanzig? Vierzig? Nee. Ich jedenfalls wünsche mir nicht, dass mir jemand seinen Körper verschreibt wie eine Dauerinfusion. Oder, milder ausgedrückt, wie ein Elixier, das das Überleben der Bindung garantieren soll. Andererseits: ich bin troy! Da, wo es darauf ankommt. Da, wo die Liebe ist, die Freundschaft, die unbedingte Loyalität. Und das Hochgefühl, sich gegenseitig Spielraum zu schenken. LG Phyllis

  5. ich glaub, dass fast alle konstellationen funktionieren KÖNNEN. bei der sogenannten polyamorie (ich find das wort ziemlich furchtbar, aber das nur nebenbei) hab ich allerdings manchmal den verdacht, dass die beteiligten auch in ihre jeweiligen grenzüberschreitungen der “normalerweise” akzeptierten normen mitverliebt sind. oder dass nicht alle beteiligten sich gleich frei fühlen. interessanterweise betonen manche ja gerade da auch ganz besonders ihre treue zur gewählten lebensform bzw. eben einfach mehreren partner:innen.

    • Die Sache mit der Symmetrie. Die Sie ansprechen, La-Mamma.
      Ist, glaube ich, einer der Knackpunkte.
      Nie fühlen sich “alle” gleich frei. Oder gleich sicher. Oder gleichermaßen intensiv vom anderen wahrgenommen. Auch in “konventionellen” Zweierbeziehungen nicht. Es gibt keine Synchronizität in Beziehungen. Wenn sie doch mal momentweise eintritt, nennen wir sie: Glück.

    • Die Polyamorie kann gut funktionieren, davon bin ich (als Anamorierender) überzeugt. Im Gespräch mit einer lieben Freundin kürzlich klärte sich für mich jedoch auf, dass diese Liebenshaltung jäh an ihre Grenzen stößt, sobald Kinder da sind. Dann nämlich stellen sich spontan Loyalitätsfragen im Zusammenhang mit Individuen, die noch nicht für sich selbst sprechen (können) – Hormone tun das Übrige. Tja, die Natur…

    • schön gesagt, kienspan! 😉

      ich hatte in den vergangenen jahren ein wenig ‘einblick’ (so nenn’ ich das jetzt mal…) mit den und in die polyamorösen. vieles dort kam mir vor wie eine ganz große (und eher kinderlose) erwachsenenspielwiese. dagegen ist nichts einzuwenden, irgendwann jedoch stieg mir das gefühl aus dem sand empor: ich habe, obgleich interessiert, verständig und geil, anderes zu tun.

      es scheinen ja 2 modelle vorhanden zu sein: zum einen das modell ‘heimathafen’ (premium), das seitensprünge des herzens und körpers toleriert, solange das premium garantiert ist. zweitens dann das ‘chaotische’ modell des fliegenden liebes-individuums (schmetterling, wertfrei), welches kein premium kennt, sondern sich tatsächlich um höchste freiheit bemüht und sich demzufolge schwerelos im liebesraum bewegt (so wie atome, ich sehe da immerzu atome…), um gleichwertige lieben parallel zu bewerkstelligen. zweiteres scheint mir das wesentlich “ehrlichere” zu sein.

      die frage nach der eifersucht und den persönlichen unzulänglichkeiten wird sich so oder so immer stellen, sei’s poly oder mono. und das argument “aber man liebt doch auch als eltern mehrere kinder…!” empfand ich immer als irgendwie ziemlich schal (wie nasser sand am spielplatz ohne kaffee).

      ich glaube, letztlich ist alles relativ einfach. aber krankwerden (grippe/krebs zum beispiel) darf man dabei besser nicht. eine frage der kapazität und lenkung.

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