Reflex-Haft. Montag, 8. August 2011

Wir setzen automatisch voraus, dass es eine Struktur gibt, eine Gegenwart, die unsere Schritte trägt. Dass wir nicht einkrachen. Dass die Karte überschaubar ist. Horizontal.

Unser Bewusstsein ist faul.
Es arbeitet ökonomisch; es spart Energie. Wer weiß denn, wofür man plötzlich einen Haufen Energie brauchen wird? Da ist es besser, möglichst viel davon in Reserve zu haben, denkt sich das Gehirn. Entscheidungen, die keine große Denkleistung erfordern, werden daher täglich und sekündlich automatisch getroffen. Das Bewusstsein hat dafür irgendwann einmal Handlungsmuster, so genannte “Mind Frames” angelegt, auf die wir jederzeit zugreifen können, ohne dass aktives Denken stattfindet. Neunzig Prozent unseres Handelns gehen so vonstatten. Automatisch.
Manche dieser Automatismen sind einfach: Eine Treppe hinuntersteigen. Ein Brot essen. Wir stolpern nicht, wir beißen uns nicht in die Finger. Das ist einfach. Kaum eine Handlung zu nennen, mehr reflexhaft. (Schönes Wort, “reflexhaft” – man wird von den Reflexen in Haft genommen..) Durchaus nachvollziehbar, dass sich für solche Vorgänge nicht der ganze, mächtige Bewusstseinsapparat einschalten muss.
Komplexere Handlungen sind in bestimmten Regionen unseres Bewusstseins als etwas größere Päckchen abgespeichert, auf die wir ebenfalls jederzeit zugreifen können: Auto fahren. Uns in einer Menschenmenge bewegen. Mit Leuten auskommen. Prioritätenlisten erstellen. Diese Dinge sind schon schwieriger, aber immer noch reichlich automatisiert.
Wir denken nicht, während wir diese Handlungen vollziehen: Wir denken nach. Nicht ohne Grund gibt es zwei Bezeichnungen. Nachdenken bedeutet zurückdenken, zeitlich betrachtet. Wir beziehen uns auf etwas, das schon angelegt und markiert ist in uns. Nachdenken bedeutet, gedanklich an einem bestimmten, festgelegten Punkt unserer Landkarte anzusetzen, ihn als gegeben zu akzeptieren, und von diesem Punkt aus Schlussfolgerungen zu ziehen, die zu einem bestimmten Ergebnis führen. Das Ergebnis ist zwar nicht vorherseh-, der Ausgangsspunkt scheint aber lokalisierbar. Wir verorten ihn auf unserer inneren Landkarte, dann marschieren wir los.
Was gibt es noch?
Jene Handlungen – seien sie praktisch oder rein theoretische Gedankengebilde – für die man immer wieder die Wahl hat, ob man automatisiertes oder bewusstes Denken einsetzt: Kinder verstehen. Eine Vision entwickeln. Einen künstlerischen Akt vollziehen. An einem intensiven geistigen Austausch teilnehmen.
Wer hier innehält und sich weigert, auf automatisierte Denkmuster zuzugreifen, erhebt den Anspruch auf Originalität, aus welchem Grund auch immer. Und damit entortet er sich. Er kann die Landkarte nicht wie gewohnt horizontal benutzen.
Oft ist das ein panikartiger Zustand. Von wegen Inspiration! Man fühlt sich schnell verloren, so ohne Markierung. Ohne Markierung kein Anfangspunkt, ohne Anfangspunkt kein Wissen, ohne Wissen kein Impuls, ohne Impuls keine Handlung. So fühlt es sich an. Man kommt nicht mehr von der Stelle. Jeder Anschein von Objektivität löst sich in Luft auf.

Das Einzige, was jetzt helfen kann, ist die Vertikale: Das Oben und das Unten. Das Oben, um den Maßstab zu wechseln, um das, was scheinbar ist, außerhalb der gewohnten Perspektive zu betrachten. Das Unten, um jene Prozesse anzusteuern, die zwar unterbewusst, jedoch keineswegs automatisch ablaufen, um aus ihnen Überraschungsmomente zu extrahieren. Beide Richtungen haben keine Endpunkte.

Wie gelangt man in die Vertikale?
Eine Möglichkeit wäre, die Existenz von parallelen Wirklichkeiten anzuerkennen: Schicht um Schicht um Schicht, obenwärts und untenwärts, die sich ins Unendliche fortsetzen. In die Breite können sie sich nicht ausdehnen, die parallelen Wirklichkeiten, da laufen schon diese ganzen automatischen Prozesse ab, die Landkarte, die Markierungen.
Wer in die Vertikale will, muss sich erheben oder versenken. Und in jenem plötzlich dreidimensionalen Raum die Realitäten durchstreifen – all jene, die abgelegt aus alten oder zukünftigen Handlungssträngen, aus der Horizontale in die Vertikale übergegangen sind.
Und siehe: Da ist Gegenwart.

Aber wo ist die Objektivität?)

[Nachbetrachtung zur >>> Objektivitätsdiskussion.]

13 Gedanken zu „Reflex-Haft. Montag, 8. August 2011

  1. Genau das könnte. Objektiv s e i n. Wir wissen es nur nicht.

    (Subjektivität schließt Objektivität nicht notwendigerweise aus, sondern sie kann sich ganz auf sie legen. Wenn viele Menschen denselben Eindruck von etwas haben, erzeugt das nicht mehr Objektivität, als wenn ein einziger Mensch einen Eindruck hat – was man an politischen Massenbewegungen gut studieren kann.)

    • @Frau Phyllis. Das weiß ich nicht. Als ich ging, war sie es noch nicht.
      Und jetzt grüble ich über dem neuen Kinderbuch. Bei Griseys >>>> Quatre chants pour franchir le seuil, einem Stück, das nur auf das erste Hören zu einem solchen entstehenden Text nicht passen mag. Hat man sich aber darauf eingelassen, öffnet es die Pforten der Imagination.
      Wir (selbstverständlich ein pl.ma.) sind nicht nur körperhaft sinnlich.

    • Ich glaube, dass ich die vermisste Objektivität gefunden habe: Sie zeigt sich in den Entscheidungen.

      ANHs Gedanke weiter gedacht bedeutet es, dass jeder, der Ihre subjektive, mehrdimensionale Erlebenshaltung vollständig erfasst hat, auch Ihre Entscheidungen bestätigen kann, sofern sie von Ihnen in Ihrer Gegenwärtigkeit objektiv gefällt wurden. Dabei geht es um formale Korrektheit, oder auch Schlüssigkeit. Über die Gültigkeit der Entscheidungsgründe kann dabei allerdings nichts ausgesagt werden, wohl aber über den Wahrheitsgehalt der entscheidungsrelevanten Prämissen.
      (Ihre Beiträge, liebe Phyllis, erweisen sich mitunter als Tauchsieder für’s Hirn ; )

  2. Ich hab’ den Faden verloren Ich denke, ich kann Ihren Gedanken zur horizontalen Verortung und vertikalen Erhebung/Versenkung folgen, wenn es um die “Vergegenwärtigung” der Gegenwart geht. Leider kann ich nichts mit Ihrer Frage anfangen, wo in diesem Schema die Objektivität bleiben soll. Gibt’s die Möglichkeit einer Konkretisierung oder ist das lediglich eine Suggestivfrage?

    • das was man macht steht konträr zu einem mainstream den es nicht gibt, das wird wohl der faden sein.
      alles andere ist subjektiv irgendwie fühlbar.

    • walker ich verstehs anders – in der partitur gibt es die horizontale und die vertikale.
      mein bewusstsein geht damit um mit folgen für jemand, der sich dem ausgesetzt fühlen will.
      o das massen sind ( konvention ) oder unmassen ( individuen ) bleibt dahingestellt.
      die leute möchte ich sehen ( ausser die schizzos / kristeva / guattari deleuze / die maldorors ) die dem was entgegenzusetzen haben.

    • alter die reden hier von fürstentümern und meisterwerken während wir noch nicht einmal angefangen haben ganz ernsthaft zu reden, verbindlichkeiten zu generieren die möglicherweise “neu” sind.
      neu ist ja jede form von interpretation, welche interpretationsbereitschaft und interpretationsvermögen jedweder sinnlicher ausgerichtetheit repräsentiert.

    • selbst denken und selbst definieren sind zwei unterschiedliche denkungsarten – so ist das , lobster.
      es geht manchmal um erkenntnis, vielleicht spiegelt ja meine replik jetzt dies ein.

    • @Walker, zum verlorenen Faden Wir hatten über Objektivität diskutiert. Ich frag nun, w o auf dem von mir imaginierten “Landkarte” sie stattfindet. In der Rückkopplung auf bereits gewusstes? In der Projektion auf zukünftig erfahrbares? Im Jetzt? Im konventionellen, also informationsabhängigen Denken oder im Fiktiven?
      Ich habe noch nie einen Modus erlebt, in dem ich mich selbst für wirklich objektiv hielt. Annäherungen, ja. Doch so weit außerhalb meines Systems kann ich gar nicht treten, dass mir ein nüchterner Blick auf einen Tatbestand möglich würde.
      Ich bin darauf auch nicht trainiert. Meine ganze künstlerische Ausbildung läuft darauf hinaus, zu eigenen Definitionen zu gelangen. Und vermeintlich allgemeingültigen Aussagen zu misstrauen.

      Und da komme ich an einen Punkt, merke ich gerade: ich misstraue einer behaupteten Objektivität wahrscheinlich deswegen, weil ich sie erstens für ein Konstrukt, zweitens aber für ein gerne missbrauchtes Mittel halte, die Wahrnehmung von Individuen zu manipulieren. Sie “zur Vernunft” zu bringen. Und damit lenkbar zu machen.
      Kann sein, ich werfe da zu vieles in einen Topf…

    • ..und meine Metapher hat Schiffbruch erlitten. (dabei habe ich gerade “Karte und Gebiet” gelesen und sollte also schon Übung mit Karten-Metaphern in der Kunst haben – aber in diese Karten-Metapher komme ich noch nicht so ganz rein)

      Für die individuelle Orientierung malt wohl jeder seine eigene Karte – Objektivität könnte nun einfach sein, die Karten übereinanderzulegen und zu sehen, dass sie alle völlig verschieden sind? (Der Philosoph Dennett, dessen Programm sich vornimmt das Bewusstsein wissenschaftlich zu erklären, sagte irgendwo, dass man in der Forschung gerade diese starken, individuellen Schwankungen als wichtige Daten miteinbeziehen sollte. Interessanterweise ist der Ausgangspunkt für seine “wissenschaftlichen” Erklärungen immer eine Metapher – meist Computer-informationstechnisch angehaucht, oder ein poetisch-technischer Mix wie das Selbst sei “center of narrative gravity”. Wie so etwas wieder objektiiv wird? In den Wissenschaften ist es, würde ich sagen, immer die Empirie. Die Metaphern oder Paradigmen, Modelle, Theorien müssen an sich schon dahin treiben sich in Experimenten, Voraussagen zu bestätigen – oder auch nicht.)

      [Sorry, bin noch nicht zum Thema gekommen… Später]

  3. Wider “Über Geschmack lässt sich nicht streiten”
    (alles aus Adorno “Ästhetik 1958/59” – hoffe es ist etwas dabei)

    “Auf der anderen Seite aber bin ich ebensowenig geneigt, mich der bürgerlichen Convenu der Zufälligkeit des Geschmacksurteils zu beugen, also der Behauptung daß Kunst Geschmackssache sei, daß dem einen das geallen könnte und dem anderen jenes. Ich möchte dieser Anschauung deshalb mich nicht beugen – ohne nun auf ihre Meriten selber eingehen zu wollen – weil diese Anschauung eigentlich wo sie auftritt, überhaupt gar nie wirklich ernst gemeint wordne ist. Es ist sehr sonderbar, daß die Menschen, die am meisten sagen, daß sich über Geschmack nicht streiten lasse, die snd die am allermeisten über Geschmack streiten: und der Mann der etwa von einem exponierten modernen Bild oder einem modernen Musikstück sagt, daß er das nicht versteht, daß er sozusagen von der Verbindlichkeit des Urteils sich dispensiert, ist im allgemeien genau der, der glaubt, daß er damit, daß er ertwas nicht versteht, über die nichtverstandene Sache etwas Vernichtendes bereits ausgesagt habe.”

    (der letzte Teil nach Doppelpunkt passt vielleicht auch sehr gut zu Rezas Kunst)

    “Jedenfalls die Zufälligkeit des Geschmacksurteils soll uns nicht beirren. Ich darf en passant hier allerdings sagen, daß ich damit nicht die empirische Zufälligkeit des Geschmacksurteils meine. Das heßt, gegenüber dem Kunstwerk ist es allerdings ziemlich zufällig, was Herr X und Fräulein Y von dem Kusntwerk halten. Und wenn man die äthetische Qualität zusammenaddieren oder zusammenlogarithmierenn wollte aus diesen subjektiven Reeaktionsweisen heraus, dann käme man allerdings nicht zu einer Objektivität, sonder der einzige Weg in die Objektivität ist die innere Zusamensetzung der Sache, das ketogoriale Geefüge, wenn ich so sagen darf, das ein jedes Kunstwerk in sich selbst darstellt.”

    “Das Kunstwerk wird ja zu einem Objektiven gerade dadurch, daß es dem Künstler sich als ein Sebständiges und sich Organisiertes entgegensetzt. Und ich möchte beinahe sagen: Je vollständiger ihm das gelingt, je weniger es nur Dokumentation des Künstlers, je mehr es ein in sich selber Sprechendes ist, um so höher wird das Kunstwerk im allgemeinen ja auch rangieren.”

    (sorry für die vielen Tippfeehler, komme mit der neuen Tastatut noch nicht so klar)

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