Multilind. Dienstag, 12. April 2011

So heißt meine neue Creme. Ich wünschte, ich könnte sie auch inwendig auftragen. Lind. Tolles Wort. Sing‘ meine Linde, kling‘ meine Nachtigall, schrieb Astrid Lindgren. Der senegalesische Schriftseller, vorgestern in der Sonne, sagte von meiner Freundin, die hinter ihrer schwarzen Sonnenbrille daneben saß: „She’s a fighter“, und ich dachte nur, ja, toll, wenn es doch nur eine Kerze wäre, die wir von beiden Seiten abbrennen, bei vielen von uns sieht das Ding eher wie ’ne Stange Dynamit aus. Immer kämpfen, und das dann auch noch überhöhen müssen. Lästig.
Wenn ich schon antreten soll, will ich zumindest hinterher so tun, als sei’s kein Kampf gewesen; ich will barfuß gehen. Ich liebe es, in Einigkeit zu arbeiten. Gestern schenkte mir C. ein Taschentuch aus feinstem Batist, sehr alt schon, mit Monogramm. Ich schnob hinein, dann steckte ich’s in meinen linken Ärmel, wie meine Großmutter früher. Ein Aufblitzen von Vergangenheit: ihre Seidenblusen, die schmalen Handgelenke, die Brosche.
C. lächelte: „Meine Mutter, nachdem ihre Haushälterin ihr von der Existenz von FKK-Badestränden berichtet hatte, fragte als erstes, ja, aber wo tun die ihr Taschentuch hin?“
„Im Ernst?“
„Ja.“
(Wo tat man sein Taschentuch im Krieg hin?)
(Die überleben uns locker, die Stofftaschentücher)
Simon Stephens, der Dramatiker, von dem ich gestern las; auch für ihn ist Arbeit gleich Kampf, und wehe, man schüttet nicht genug Kohlen nach. Was treibt ihn? Vielleicht das:
[…] „Ich sitze am Fuß des Turms der Dramatik und rufe hinauf: Wie einsam ist es dort oben? Und Beckett und Tschechow rufen runter: Du hast keine Ahnung. Der Schluss von Godot ist einer der Schlüsselmomente moderner Dramatik, wenn ich das sagen darf, ohne als prätentiöser Wichser zu gelten. Wladimir sagt zu Estragon: Gehen wir? Estragon sagt Ja. Und sie bewegen sich keinen Millimeter. Diesen Moment habe ich gestohlen und in ungefähr fünf Stücken verwendet. Er sagt alles über uns: Wir wissen, dass wir falsch leben. Der Kapitalismus wird uns ruinieren, aber wir tun nichts, um die Dinge zum Besseren zu wenden.“ […]
Doch, tun wir! Ständig. Nur Nachlassen gilt nicht. Insofern: eben doch kämpfen. Aber möglichst so, dass genug Spiel übrig bleibt, nein, vielleicht geht sogar spielend kämpfen. Manchmal. Dann gibt’s auch Geschenke ; )

14 Gedanken zu „Multilind. Dienstag, 12. April 2011

  1. Seit ich ‚Machete‘ gesehen hab, weiß ich aber immerhin, wo man sein Handy hintut, wenn man sonst nix anhat. Das war ein ganz großer Moment der Filmkunst, als mir klar wurde: als Mädchen ist man für die Notwendigkeiten textilfreier Kommunikation von Natur aus besser gerüstet denn als Mann. Und das schon immer und seit lange bevor der Mensch an soetwas wie Telefone überhaupt nur zu denken wagen konnte. Seither darf ich sicher sein: die Evolution hat ihre heiligen Momente der Vorsehung.

  2. Seit ich weiß, dass die Evolution besonderen Wert auf das schlitztechnische Optimum legte, halte ich Kreditkarten für eine Fehlentwicklung unserer verrückten Zeit.

  3. Kämpfen? Spielen? Kampfspielen? (Mannschaftsballsportarten sind Kampfspiele, im Gegensatz zu Boxen, Rennautofahren etc., aber das nur am Rande) Schön, daß Sie versteckt meinen gestrigen Beitrag zur Taktik http://taintedtalents.twoday.net/stories/16558697/#16560141
    kommentieren, indem Sie zugeben, wenigstens hinterher so tun zu wollen, als sei es kein Kampf gewesen. Unterhöhung des Kampfes versus Überhöhung des Kampfes? Allerdings mache ich das auch gerne, auch ich negiere gerne das Ringen um das Ergebnis, allerdings führt das oft dazu, daß mich der ein oder andere Zeitgenosse der Faulzeit zeiht. Sie kennen das, diese Fragerei, was man denn den ganzen Tag mache, welchen Sinn denn das nun Vorgelegte hat und so weiter. Vielleicht ist Boxen doch nicht so blöd, auch wenn ich zum Kampfspiel tendiere – das macht einfach mehr Spaß. [Spaß ist dann allerdings, Sie sagten es letztens, das Falsche, wenn man als Intellektueller gelten will. By the way: Es gibt kaum komischere Theaterstücke als Becketts ‚Warten auf Godot‘!!!]

    • «Ich bin kein Intellektueller», sagte Beckett in einem Gespräch mit Gabriele D‘ Aubarede. «Alles, was ich bin, ist Gefühl. Molloy und all die anderen kamen an dem Tag zu mir, als ich mir meiner eigenen Verrücktheit bewusst wurde. Erst dann begann ich, die Dinge zu schreiben, die ich fühle.»

    • @Norbert W. Schlinkert Nein, diese Art Fragerei verbitte ich mir seit langem! Ebenso wie Humor! Und Faulheit! Und humorvolle, faule Intellektuelle! Ich warte grundsätzlich nicht länger als zehn Minuten – egal auf wen, und ziehe das Retour-Syndrom immer noch dem Tourette vor. Weiterspielen!

    • Weiterspielen finde ich auch gut, aber den Rest mit Retourette und so verstehe ich nach einem langen, humorlosen Tag nicht so recht. Das mit dem Warten, das sehe ich aber genau so, denn gehen kann man immer, wenn DER oder DIE nicht kommt, denn DER oder DIE verschwendet meine Zeit. Unverzeihlich oder doch wenigstens gebührenpflichtig.

  4. Wohl unter Linden… saßen wir um 1988 und schrieben: „Was hat denn blutgetränktes Taschentuch an seinem Bein gezerrt.“ Wenig lind fühlten wir, dafür sehr multi und immer im Landkrieg! Der Chor schrie: „Die Schamhaftigkeit vollendeter Formen“. Die Sinnfrage stellten wir nicht. Aber wir nahmen Brechmittel wegen des Mannes aus Liebe. Kavaliere, Gebilde, Verbannung, Neuzeit – wir schlugen alles in die Bresche und uns mit ins Gebüsch (Hansa Pils).

    In der Silvesternacht 1989/90 zog ich die innerliche Kampfmontur aus, gab zu, dass ich bleiben wollte, ließ mich ein und kehrte zurück zu „family values“. Ach Scheiße – man kann nicht nicht kämpfen. Man trägt immer etwas nach. Wenn es herauskommt, fliegen die Fetzen. Wo ich herkomme, bleibt die Aussteuer im Schrank. Immer wollte ich die weiße Wäsche ins rote Blut tauchen.

    (Aber leicht reden hat, wer wie ich, nichts hinterlassen, sondern bloß was machen will.)

    • @MelusineB (Man kann gar nicht nichts hinterlassen.)
      Ich hab‘ noch nicht verstanden, woher Ihre Affinität zum roten Blut rührt, das ja auch an den Gleisen immer wieder fließt. Und kämpfen, ich meine, ausgerechnet Sie dürfen mir nicht erzählen, Sie kämpften nicht: so martialisch, wie es oft in Ihren Texten zugeht…
      Tschuldigung. Ich rede am Thema vorbei. Das Thema ist, glaube ich, zumindest eines, das immer mal wieder aufscheint, das Thema ist die Hybris. Wir beide sind, vermute ich, auf sehr unterschiedliche Art allergisch gegen Hybris. Von ihrer fiesen Schwester, der Selbstgerechtigkeit, ganz zu schweigen.
      Meine Aussteuer liegt immer noch da, wo meine Oma sie hingestickt hat.

    • Das stimmt… Blut (ohne Konserven), das Kämpfen (ich sag ja: man kann nicht nicht kämpfen), die verkämpfte Verkrampfung und auch das Hybride gegen die Hybris. So ungefähr. Oh, ich bin mir selbst ganz recht (wenn ich nicht gerade gegen mich kämpfe…)

      Es stimmt auch, dass man nicht nichts hinterlassen kann. Aber man muss es nicht wollen. Und es kann einem egal sein. Weil man JETZT was machen muss.

      Meine Aussteuer ging für Bildung drauf…Bettlaken oder Goethe – beides war nicht!

    • Impro-Theater Nur auf weiße Bettlaken lässt sich recht bluten. (Die billigen eingefärbten Spannbettücher sind kein Ersatz.) Wer kann wissen, was ich drunter und drüber getan hätte – ohne den Meister (Göthe)? Der hat mich recht klein gekriegt, meisterlich eben…Ich improvisiere mich immer noch aus der Verbeugung.

  5. Ich würde mir gerne eine Fingerkuppe voll von Ihrer Creme nehmen. Die ließe ich mir auf der Zunge zergehen, um mich von innen zu lindern…

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