Die Sprache der Anderen, 22

Von virtuellen Häusern. Und Menschen.

“Räume bauen, in die das Licht nicht mit Eimern getragen werden muß. Mit Fenstern zum Hinein- und Hinausschauen, mit Türen, die man in beide Richtungen benutzen kann. In diesen Räumen wird kommuniziert, manche geben etwas zum besten, andere schweigen lieber, doch das wechselt natürlich, je nach Thema. So könnte man das Wesen eines Blogs ohne Inanspruchnahme von Theorie umschreiben, denke ich. So weit so gut. Dennoch stehen mindestens zwei wichtige Fragen im Raum: wollen diejenigen, die sich im Raum befinden, unter sich bleiben, eine mehr oder weniger homogene Interessensgruppe bilden, oder wollen sie Interessierten den Zugang von außen gewähren? Gemeinhin gilt sicher letzteres, doch dann taucht die Frage auf nach den Regeln, an die sich alle zu halten haben. So weit, so schlicht. (…) Ein Blog kann sicher ein Wir-Gefühl erzeugen, doch dann sollte dieses Wir auch aus einzelnen Ichs bestehen. Denke ich.”

Norbert W. Schlinkert in einem Kommentar vom 26. Januar 2011

“Durch die Virtualität der Beteiligten erlischt nicht die Verpflichtung, sie als ganze, dreidimensionale Wesen zu erkennen. (…)
Ich hatte eher jenes Erkennen im Sinn, welches man als “sich bewußt machen als …” interpretieren kann. So dass man sich der Vielschichtigkeit und Komplexität des (virtuellen) Gegenübers bewusst wird, ohne dazu dessen persönliche Besonderheiten kennen zu müssen.
Vielleicht am ehesten zu vergleichen mit dem Erkennen z.B. eines Hauses. Man weiß, auch ohne das Haus betreten zu haben und seine Besonderheiten zu kennen, dass es ein Haus ist, vermutlich Zimmer und Türen besitzt, eine Heizung, vielleicht einen Keller etc. … Sie wissen was ich meine.”

Schreiben wie Atmen in einem Kommentar vom 11. Februar 2011

10 Gedanken zu „Die Sprache der Anderen, 22

  1. “Also wat is en virtuell Raum. Da stelle mer uns janz dumm. Und da sage mer so: En virtuell Raum, dat is ene jroße, schwarze Raum, der hat hinten und vorn e Loch”

    Zwar ist es witzlos Herrn Schlinkerts Karikatur eines virtuellen Raums zu karikieren. Sein Bild ist so pointiert und ansprechend, dass ich es mir eigentlich schenken könnte noch meine zwei Farbkleckse hinzusetzen zu wollen, indes ein Versuch:

    Doch woraus besteht der Raum? Aus Worten. Er wird erzeugt von den Leuten, die ihn bevölkern, die ihm mit ihren Einträgen und Kommentaren seine Eigenart und Anmutung verleihen (wie zum Beispiel den Grad der Offenheit zu bestimmen, s.a. Schlinkert)

    Sei nun eine solche Untermannigfaltigkeit des Webs mit seiner eigenen Anmutung und Raummetrik gegeben. Was für Wechselwirkungen ergeben sich mit einem virtuellen Besucher? Welches Verhalten werden die Mitglieder oder Raumerzeuger dulden, welches sanktionieren? Es wird doch solches bekämpft werden, welches der Eigenart des Raumes nicht eignet. (Man sollte ja nicht einfach in digitale Räume trampeln, ohne zu wissen, was für ein Ton dort gepflegt wird – und.. ich sollte mit diesem schon mäandernden Beitrag dringend noch die Kurve bekommen).

    Bei einer wichtigen Unterscheidung knickt unser metrischer Tensor jetzt aber ein: Außen und Innen. Sind Außen- und Innenansicht des Raumes in Deckung zu bringen oder könnten diese Perspektiven auseinanderfallen? Postulieren wir ähnliches für das digitale alter Ego: Selbst- und Fremdbild, dann zeichnen sich vielleicht schon mögliche Konfliktfelder ab. Weil es die eigene (digitale) Identität selbst anrührt, wenn jemand einem ein anderes Bild vorhält, als welches, was man selbst von sich hat, werden die vielleicht auch die Heftigkeit mancher digitalen Konflikte begreifbar(?)
    [Das wäre mein Farbklecks zu Schlinkerts “Wir”-Gefühl, welches mich am Anfang des Satzes schon das Weite suchen ließe, auch wenn es praktisch nur da stand, damit die “Ichs” sich weiterhin behaupten, so böte sich hier eventuell die unverbindlich-neutralere “Innenansicht des Raumes”..]

    Der Tenor des zweiten Zitats, so wie ich ihn begreife,.. andere haben ihre Zustimmung schon eloquenter formuliert, daher nur meinen Klecks hierzu: Ließe sich diese ethisch-humanistische Grundeinstellung nicht auch als Frischs Bildnisverbot formulieren („Du sollst dir kein Bildnis machen”) – den Appell die Leerstellen, Unsagbarkeiten die Leben mit bringt (auch im Virtuellen) auszuhalten?

    Wir sind doch alle komplexe Wellenfunktionen im unendlichdimensionalen Hilbertraum Web, wer könnte schon behaupten einen vollständigen Satz kommutierenden Observablen gefunden zu haben.

    • @Phorkyas Mich interessiert an der Diskussion, der die beiden oben stehenden Zitate entnommen sind, ob sich der Umgang, den man im “direkten” Leben pflegt, eins zu eins aufs Netz übertragen lässt. Lassen sollte. Ich für meinen Teil benehme mich hier genauso, wie man mich auch im offline erlebt; für das Spiel mit Kunstfiguren habe ich meine zeichnerische Ebene. Das ist aber eine Möglichkeit von vielen – und gewiss keine, die die spezifischen Bedingungen und Möglichkeiten virtueller Kommunikation reflektiert oder gar ausschöpft.
      Ich zeige mich als reale Person, nicht als Kunstfigur, und TT ist ein Tagebuch, kein streng konzeptuelles Konstrukt. Deswegen herrscht hier weitestgehend ein freundlicher Ton – denn was für Gründe gäbe es, einen anderen einzuschlagen?
      Aber was wäre, wenn ich TT als solches als Kunstwerk ansähe? Wie stark müsste ich eingreifen, um das Verhalten aller Mit-Schreibenden formal und inhaltlich so zu “trimmen”, dass es meinem Kunstwerk zuträglich wäre? Und würden dann noch die gleichen Regeln von Höflichkeit und Respekt gelten, oder würden diese dem Werk eher schaden?

      Bin in Eile, leider.

    • @phyllis: Das würde ich von mir genauso vermuten, dass ich im Digitalen nicht aus meiner Haut kann. Der teuflische Nick hilft da nix – aus dem Geist der stets verneint, wird eher ein Geist, der sich stets selbst verneint, bevor ich noch was fieses sag’. Wozu auch sich angiften? – Das sehe ich genauso.
      (Nur manchmal spitzen Diskussionen sich doch zu, warum auch immer..)

      Viel Spaß beim Lektorat!

    • Na, da hatte er ja noch alle Zähne und Augen. (Er fühlte sich in einem “Raum” mit all den griechischen Sagengestalten doch nicht so wohl – warum der Goethe die da auch alle reinkloppte.. würde ich ja auf den Konsum psychoaktiver Substanzen zurückführen.. fast wie diese durchdringend, verkleinerten Pupillen, aber dafür gibt es ja heute Kontaktlinsen)

  2. Irgendwie musste ich wieder an die digitalen Räume und ihre Anmutung denken. Könnte man nicht von der deutschen “Blogosphäre” eine Karte erstellen? Da gäbe es z.B. einen Dschungel, der eher einem lunaren Marsfeld gleicht, in dem jeder angelasert wird, der eine Schwäche zeigt. – Hmm, da müsst man wahrscheinlich erstmal recherchieren, die Landschaft in grobe Blöcke schneiden (was bei WordPress, Twoday, faz oder sonstwo ist..) – Oh, ne, das wär doch wohl zuviel und wo und wie sollte man dann TT oder ein feines Zeitnetz unterbringen?

    (Musste ich im Zusammenhang mit dieser Karte dran denken:
    http://xkcd.com/256/ )

    • Die Formulierung war falsch. – Ich glaube, Sie selbst sprachen einst vom Marsfeld und neben dem Kriegsgott schickte mich das auch in die anorganischen Kraterlandschaften, für die mir das kürzliche Anlasern von Frau Kiehl ein Beispiel schien. – Aber die Zuschreibungen sind so einfach nicht. Dschungel impliziert nur organisch wucherndes Gestrüpp und darin auch allerlei gefährliches Getier – Die Marslandschaft wäre eben etwas ganz anderes.

      Dass ich den Dschungel entgegen seiner “Natur” in die Anorganik tat, war durchaus mutwillig und falsch – dahinter steckt aber auch eine gehörige Irritation, die Ihre Bamberger Elegien immer noch hinterlassen haben: Das Organische (Thier) wird scharf gegen das Anorganische (Modern-Positivistisch-Naturalistisch-Naturwissenschaftliche) konturiert und trotzdem lassen Sie es schillernd in dessen Vokabular erscheinen. – Für mich liegt da schon eine innere Spannung, die vermutlich beabsichtigt ist, aber es erscheint mir nach wie vor als Widerspruch, wie Sie sich als Apologet des Organischen “Kybernetik” auf die Fahnen schreiben können. (Mag sein, dass auch diese Zuschreibungen zu simpel sind, ich muss mir das noch einige Zeit durch den Kopf gehen lassen.)

      PS. Es war vielleicht nicht so gut, Frau Kiehls Kommentarspalte für eine mentale Notiz zu missbrauchen, die ich mir machen wollte: Das Problem des Organischen, – das wurde in der Dschungel ja, glaube ich, auch lang und breit erörtert, vielleicht sollte ich noch einmal zu dieser Diskussion zurückkehren.

      PPS. Bisher ist ja selbst dem Teufel im Rehpelz im Dschungel nichts passiert.

    • @Phokyas. wie Sie sich als Apologet des Organischen “Kybernetik” auf die Fahnen schreiben können
      Es geht mir um Vermittlung und auch um, in Hegels Sinn, Aufhebung, also um Synthese, modern gesprochen. Aber das gehört wirklich in Der Dschungel diskutiert, nicht hier. Dort würde ich auf Ihre Bedenken detailliert reagieren.

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