10 Gedanken zu „TTag, Sonntag, 28. November 2010. Vom Ende des Selbstmitleids.

  1. In der Schule das Läbens den Unterschied zwischen Mitleid und Mitgefühl gelernt. Den Begriff “Selbstmitleid” habe ich lange nicht verstanden. Selbst leide ich doch, wenn ich leide, sowieso schon … Auch der Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleid war mir nicht klar.
    Bis mich mein Lieblingsmensch zu einem Experiment herausforderte: ich sollte mich wortreich bedauern und mir vorsagen, wie schlimm Alles ist und wie arg die Schmerzen sind und wie absolut unerträglich, ungerecht und niederschmetternd das ist. Ich wäre nicht ich gewesen, wenn ich mich nicht darauf eingelassen hätte. In dem Glauben, dass so ein bißchen heiteres Affentheater ja nicht schaden könne , legte ich los mit allem was ich zu bieten hatte. Es dauerte keine zwei Minuten und ich war am Heulen und Schluchzen und völlig außerstande es aufzuhalten. Es ging mir mindestens doppelt so mies wie zuvor.
    Seither gehe ich achtsamer und mitfühlender mit mir und Anderen um, bemitleide mich aber nicht mehr – und auch niemanden sonst.

    • Gute Entscheidung. Mitgefühl, Emphatie, ist in jedem Fall das umgänglichere Gefühl. Aber auch das pragmatischere – es wird nie solche heftigen Reaktionen bewirken, wie Sie sie von Ihrem Selbstversuch beschreiben. Und obwohl ich es fürchte: emotional außer Rand und Band zu geraten (um diesen alten Ausdruck mal wieder zu gebrauchen) kann durchaus etwas befreiendes haben. Klar, man fühlt sich erstmal doppelt so mies. Und schrecklich erschöpft. Aber irgendwas.. irgendwas daran fasziniert mich auch. Weil sich, vermute ich, nur auf diese Weise das Bezugssystem der Ratio wirklich mal verlassen lässt, aus dem man – ich zumindest – fast nie heraustritt.
      (?)

    • Dein Beitrag zu Phillis Mein Dad war Alkoholiker und von daher, auch dem Selbstmitleid verfallen. – Ich finde “Mitleid”, beinhaltet so das Gefühl, “von oben runter zu schauen” wogegen Emphathie ‘”wahres Mitgefühl” ist. –
      Schwierig zu erklären aber wenn ich daran denke, wieviele Lebensmittel hier in den Müll geworfen werden (z.B. weil sie abgelaufen sind) und ich mir zeitgleich vorstelle wieviele Kids (aber auch deren Eltern) täglich hungern, dann habe ich Emphatie und schäme mich für den “Luxus”, den man hier selbst als Hartz IV-Empfänger hat. Natürlich kämpfe auch ich, um mit den verfügbaren Lebensmitteln über den Monat zu kommen – aber es gibt so viele tausend/millionen Menschen auf dieser Welt, die nicht wissen, ob sie genug Nahrung, für die nächsten Tage haben! Von daher werde ich mich nie beschweren. Wir in Europa haben wenigstens sauberes Grundwasser – und dies ist schon ein Luxus (wenn Du mich fragst) LG Biggi

    • @ Frau Phyllis: Sie sprechen wahren Worte gelassen aus. Das mit dem ganz hineintauchen in die weggesperrte Emotionalität hat selbstverständlich etwas von einer Katharsis. Dort werden wir vielleicht zu Phönixen und Paradiesvögeln. Aber wir könnten uns auch auflösen darin, verpuffen, als dünner Faden Rauch zum Himmel steigen, vom leisesten Hauch zerfleddert und über die Welt zerstreut werden wie die todesfiligranen Seiten ausgebrannter Bücher. So etwas traue ich mich nur schwer. Lieblingsmenschen in unmittelbarer Nähe sind unerlässlich, und viel feste viel Gründung in mir selbst für diesen Moment. Den Rest vom Fest hält eher Vernunft und Pragmatismus zusammen – auch wenn ich das manchmal genauso schade finde wie Sie.

    • @Frau Wie Und Sie ein anderes Wort (wie gelassen, kann ich nicht wirklich beurteilen ; ): Die Angst nämlich, bei ungebremster Emotionalität zu “verpuffen”, wie Sie schreiben. Ich praktizier’s ja auch nicht. Aus ähnlichen Gründen wie Sie. Vor allem, weil ja nicht nur der Ausbruch zu durchleben ist, sondern die abgrundtiefe Erschöpfung hinterher. Wer will das schon? Und doch: ich hatte vor einigen Jahren mal einen Geliebten, der mir das emotionale Korsett Stück für Stück wegriss, denn er mochte es, mich nackt zu sehen – ich meine, wirklich nackt. Das war ziemlich beeindruckend. Und schrecklich. Und ich will’s nie wieder so. Aber missen möchte ich’s auch nicht, dieses Wissen: wie es sich anfühlt, mit sich selbst deckungsgleich zu sein.

    • @Biggi Graf Es ist sicher angebracht, den Maßstab wechseln, das Subjektive relativieren zu können – im Prozess, mit dem eigenen Wahrnehmen und Empfinden auf interessante Weise umzugehen, hilft es aber nicht: Ihr Gewicht wird nicht kleiner, nur weil ein Anderer auch eines trägt.
      Meiner Erfahrung nach ist Mitgefühl etwas, das nur in meinem unmittelbaren Umfeld real stattfindet, alles andere ist Projektion. Inwieweit die jemandem hilft, sei dahingestellt.
      Ein Freund von mir kam gerade aus Indien zurück und berichtete von einer religiösen Richtung, deren Anhänger einen Atemschutz tragen ihr Leben lang, um nicht versehentlich Insekten einzuatmen, und die immer einen Besen mit sich führen, um vor ihren Schritten zu kehren, damit sie keinen Käfer zertreten, oder einen Wurm.
      Für die ist das ganz normal.

  2. ach frau phyllis, ein bisschen selbstmitleid ab und zu, macht ja gar nicht so viel. es kommt nur (wie bei fast allem) aufs ausmaß an. und vielleicht auch, auf welchem leidens- (oder aushaltens)niveau man eigentlich ist.

    • @la mamma Ich glaub’ wirklich, meines hält sich in Grenzen. Aber dort, wo man nie hingeht bei sich, oder selten, im Inneren des Vulkans – wenn Sie mir das kitschige Bild verzeihen, bitte – dort blubbert das bestimmt fröhlich vor sich hin mit allen anderen Gefühlen, von denen ich einen gewissen Sicherheitsabstand halte ; )

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