TTag, Dienstag, 23. November 2010. Freundschaften & andere Katastrophen.

– Gib mir mehr, sagt Sanssourir, du musst wissen, was ich dir wert bin.
– Nichts, sage ich, doch das ist gelogen.
Sie sinkt, aber langsam, damit ich zusehen kann.
– Erpress’ mich nicht, sage ich.
– Aber, schreit sie, ich falle!
– Du hältst mich von jenen fern, die ich liebe, sage ich, unverzeihlich ist das.
– Was kann ich dafür, ich brauch’ dich mehr als die, jammert sie.
– Du weißt genau, wie schwer ich widerstehen kann, sage ich, ich gebe dir alles. Während meine Vertrauten verdursten, weil ich nichts mehr für sie übrig habe, ich bin ganz trocken, vor lauter…
– Lauter was? ruft sie. (Ich hasse diesen Eifer in ihrer Stimme)
– Vor lauter Rücksicht auf dich. Du erntest alles ab. Du wirst immer schöner und dicker, und das Schlimmste, du behauptest inzwischen, Du seist die Wichtigere von uns beiden.
– Und? Ist es nicht so?
– Nein. Du bist mein Alter Ego, das ist was anderes; ich habe dich gemacht. Die Anderen, meine Freunde, sind wirklich. Sie verdienen was Besseres als das dünne Rinnsal, das von mir übrig ist, nachdem ich dich gestopft habe. Du bist eine ignorante Kuh, um ehrlich zu sein, ich glaub’, ich muss dich einschmelzen.
– Du wirst schon sehen, was du davon hast!
– Ja, werde ich, sage ich. Du bist einfach zu breit geworden. Du pflanzt dich vor das Lächeln meiner Freunde, und ihre Nöte verdeckst du auch.
– Ich werde abnehmen! Versprochen! Außerdem haben die dich eh längst aufgegeben.
– Dann hole ich sie zurück. Halt’s Maul jetzt.

18:53
(Oje, ich hab’ doch nicht gesagt, das S i e den Mund halten sollen! ; )
Ganz schön still heute auf TT, keine Endloskommentare. Das hat mich schon gewurmt: zu denken, ich müsste mich zukünftig zur Löschfahrzeug-Kommandeuse aufschwingen – da fällt mir immer einer meiner früheren Geliebten ein, der ins Schwärmen kam, wenn ich streng wurde. (“I like it when you’re bossy!”)
Hat sich nicht lange gehalten, der Mann: nicht alles, was ich kann, will ich auch praktizieren, schon gar nicht im Privatleben.
Die Einzige, die heute richtig gearbeitet hat hier, ist die Dame, die bei mir putzt: ich selbst regeneriere. Denke aus intimen und daher unaussprechlichen Gründen über Freundschaft nach. Es ist wahnsinnig ruhig da, wo ich wohne, eben gerade. Passt mir gut. Keine Stimmen.

22 Gedanken zu „TTag, Dienstag, 23. November 2010. Freundschaften & andere Katastrophen.

  1. Freundschaft – Philia – unconditional affection
    ich brauch’ immer oft viele einige Taschentücher, wenn ich ihr unverhofft begegne. Eine Katastrophe, ja!

    • Ja. Aber glauben Sie bitte nicht, dass ich bei den (gar nicht soo vielen) Begegnungen immer unmittelbar beteiligt war. Mir langt allein die Wahrnehmung, dass es anderen gelingt, um meinen Verbrauch an Taschentüchern zu…
      Manchmal reicht mir sogar schon ein warmer Atemhauch aus der Ferne. Oder auch nur ein Schatten.
      Da bin ich furchtbar empfindlich, wissen Sie.
      Eine Katastrophe eben.

    • @Hans1962 Ohne ablenken zu wollen: ich beneide Sie ein wenig um die Fähigkeit zu weinen, zu der Sie sich auch immer wieder so offen bekennen. Ich habe das seit Jahren nicht getan. Rein statistisch ist es höchst unwahrscheinlich, dass ich all die Jahre keinen Grund dazu hatte – also liegt’s an etwas anderem, dass ich’s nicht tu’. Keinem, der mir sehr gefallen wird, wenn ich ihn mal in den Blick nehme.

      Nein, Sie scheinen mir höchst un-katastrophal, lieber Hans. Nur nah dran.

    • Dieses rötliche Schimmern in sich mühsam über Wasser kämpfenden Augen ist mir schönster und innigster Ausdruck tief empfundener Dankbarkeit für das Erleben-Dürfen. Überschwappen kommt vor und darf auch weggetupft werden. Wahre Freundschaften (nach Montaigne) nähren sich auch daraus. Wobei: seine Haltung gegenüber dem weiblichen Empfindungsspektrum, naja. Ich versteh’ ja Melusine, wenn sie meint: “It’s never too late…” ; )

      Über die Komplexität des Weinens als Ausdrucksmittel muss ich mal geordnet nachdenken – und es dem Lachen gegenüberstellen. Mein spontanes Gefühl vermittelt mir, dass es über das Weinen viel mehr zu sagen gäbe, als über das Lachen.

  2. Ich denke auch gerade über Freundschaft nach, und dass es irgendwie etwas enttäuschend ist, wenn man sich eine Woche lang ein Bein ausgerissen hat und sich hinterher statt super einfach nur blöd und dumm fühlt, ich dachte immer, Freundschaften müssten doch genau das Gegenteil davon bewirken.

  3. Manchmal fürchte ich, nichts anderes zu tun, als mein Alter Ego auf andere Alter Egos loszulassen. Was ist echt? Bei mir ist es vermutlich am ehesten die Voyeurin, die ich hinter meinem Alter Ego herhetze, auf dass sie mir Botschaft bringe aus der Welt. Ist die Welt voller Alter Egos, und die wirklichen Menschen warten daheim in ihren Kammern auf die Rückkehr der Voyeure? Zu den Menschen zu gelangen ist wirklich schwer.

    • Liebe Frau Wie, wer gelernt hat, wie sehr das Unvermittelte reibt, das Vorschicken von Teilpersönlichkeiten indes alles einfacher macht, kommt fast notgedrungen zu pragmatischen Schlüssen. Weniger echt sind diese Personae nicht, glaube ich, nur halt fragmentiert.
      Die Frage ist ja, will man wirklich zu den Menschen gelangen? Da wäre plötzlich diese Verbindlichkeit –

    • Verbindlichkeiten hielt ich als Kind immer für jene kunstvollen Verbände, die von Ärzten, Schwestern und Sanitätern angelegt wurden ;o>
      Später dann, endlich eines Schlechteren belehrt, lernte ich Verbindlichkeiten zu fürchten und zu schätzen zugleich. Heute hasse ich es, keine einfache Verabredung in einer beiden Parteien bekannten Stadt, in einem dito Café, zu einer festen Uhrzeit treffen zu können, ohne das so ärgerliche wie anscheinend unvermeidliche: “Lass uns halt kurz vorher nochmal telefonieren”. Anlässlich dieses Umstandes musste mein Mobiltelefon kürzlich den offiziellen Heldentod sterben. Andererseits ertappe freilich auch ich mich dabei, entstehenden Verbindlichkeiten nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen. Wenigstens wenn es sich um den weiten Kreis der “Bekanntschaft” handelt. Engen Freunden freilich fühle ich mich gerne auch eng verbunden. Die Zwitterbeziehungen im Netz habe ich für mich noch nicht richtig verortet. Ich erlebe Mischungen. Freunde die ich habe und die nun auch mit mir im Netz sind. Menschen, mit denen ich mich im Netz bekannt mache, denen ich begegne und die dann oft leider doch, oder zum guten Glück, unter das strikte Freundschaftsdosierungsgebot fallen.
      Wäre eine interessante Studie: Wie viele aufrichtige, gut gepflegte, emotional tragfähige Freundschaftsbeziehungen kann ein einzelner Mensch haben, ohne die Qualität der einzelnen Beziehung zu gefährden oder hintanzustellen?

    • @schreiben wie atmen Gratuliere zur Strangulation des Mobiltelefons; von einem solchen Schritt bin ich (noch) weit entfernt.
      Freundschaften pflegen, hm, man überschätzt sich da gelegentlich. Nicht die Liebesfähigkeit, sondern die Verfügbarkeit betreffend. Ich denke, mit mehr als fünf engen Freunden wäre ich überfordert, zufällig sind’s auch gerade fünf… und das ist schon viel. Selbst die werden oft genug asynchron, weil wir alle in unseren Tunneln stecken.
      Da ist das Netz eine neue und seltsame Ergänzung übrigens. Sich Menschen verbunden fühlen, die man nur aus Ihren schriftlichen oder bildlichen Äußerungen “kennt”? Merkwürdige Sache, das. Ich habe bisher nur einen einzigen Menschen, den ich vorher nur über’s Netz kannte, auch unmittelbar kennen gelernt, das war eine gute Entscheidung. Hätte auch anders ausgehen können, gewiss, aber dann geht man eben wieder seiner Wege.

    • Verbindlich – verbunden Für mich ist das nicht identisch. Ich bin meistens verbindlich. Verbindlich heißt für mich: Was ich zusage, halte ich ein. Ich bin für die, die mit mir zu tun haben, verlässlich. Verbunden fühle ich mich Menschen, denen gegenüber ich so “verbindlich” nicht sein muss; denen also die Sprunghaftigkeit, das Unausgewogene, die Hilflosigkeit, die Verrücktheit unter all der “Seriosität” zumutbar ist. Dabei gibt es verschiedene Grade. Das Netz macht manches zumutbar, was körperliche Anwesenheit ausschlösse. Andererseits gibt es eine Art von Vertrauen und Zutrauen, die unmittelbar an körperliche Wahrnehmung gekoppelt sind.

    • Verbindlichkeit, liebe Melusine, rangiert ja in anderem Kontext nahe der Höflichkeit: eine verbindliche Art haben, so sagt man doch –
      und gerade die, da stimme ich Ihnen zu, will ich meinen Vertrauten gegenüber nicht immer an den Tag legen müssen: die sollen m i c h sehen, nicht meine Persona. Leichter gesagt übrigens, als getan, man ist so drin in diesen Routinen sozialer “Korrektheit”; die machen auch keine Mühe mehr, das andere manchmal durchaus.
      “Zumutbar”, schreiben Sie. Ein seltsames Wort, wenn man ihm nachhört.

    • Zumutbar Dieses Wort finde ich auch beunruhigend. Schon lange. Der Satz von Ingeborg Bachmann: “Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar…” hat mich immer wieder verfolgt und auch zum Widerspruch gereizt. Was bereits eine Zumutung ist (heute: Ihr Anrufbeantworter :-)), empfindet offenbar jede/r anders. Nähe ist immer eine Zumutung und – finde ich – nur selten “zumutbar”. “Komm mir bloß nicht zu nah.” – ist einer der Sätze, die ich immer wieder denke. Andererseits: Lasse ich Nähe erst mal zu (mute sie mir zu), bin ich darin auch so grenzenlos, dass ich mich (fast) vergesse. Was zumutbar ist, hängt vom Vertrauen ab. Und Vertrauen wiederum hängt – ich traue mich kaum, das zu schreiben – vom Instinkt ab. Ich wüsste aber keinen anderen Weg. Wer kontrollieren muss, wird nie vertrauen. (Das ist im Übrigen, glaube ich, meistens die Ursache für das Scheitern von Freundschaft und Liebe: dass man zu wenig traut, nicht zu viel. Man wird hintergangen, w e i l man es erwartet.)

    • Vertrauen und Vertrauensfähigkeit hängt von Erfahrung, daraus gebildeter Überzeugung und dem Spürsinn ab, mit dem ich die Verbindlichkeit im Anderen wahrnehmen kann. Dessen Verbindlichkeit ist nämlich auch – andere Seite des Begriffs – als “Rückgebundenheit” der Persona zum Ich auffassbar.
      Der Mangel an solcher Rückgebundenheit ist nach meiner Einsicht ein weiterer Grund, der Liebesbeziehungen (dazu zähle ich auch innige Freundschaften) im Entstehen scheitern lässt. Denn die empfundene Banalität der alltäglichen Routine wird als untauglicher Gradmesser für die Beziehungsqualität missbraucht. Die eigene Banalität aushalten: schwierige Übung.

    • Vertrauen ff. Es stimmt wohl, dass die Fähigkeit zu vertrauen von Erfahrungen abhängt; im Grunde, denke ich, von frühkindlichen. Manchmal erschüttert es mich fast, wie sehr ich mich darauf verlasse (bis zum äußersten Risiko sogar), dass ich mich hierbei nicht täusche. Mein Vertrauen wurde auch noch nie enttäuscht. Ich erziehe auch meine Kinder so: Sie sind vertrauenswürdig, bilde ich mir ein, w e i l ich ihnen vertraue. Bisher geht das gut.

    • Vertrauen, zumutbar Ich kann mich dem, Melusine, nur anschließen: mein Grundvertrauen rührt aus meiner Kindheit und auch meines wurde nie wirklich erschüttert. Was gewiss nicht daran liegt, dass es nie Gründe dafür gegeben hätte – es ist wohl eher so, dass ich auf Situationen, auf die ein Anderer, eine Andere vielleicht mit Ent-täuscht sein reagiert hätte, mit Emphatie antworte.
      Ich gehe, mag das nun naiv sein oder nicht, davon aus, Andere seien mir wohlgesonnen und vertrauenswürdig. Das bestätigt sich auch immer wieder. Erwartete ich allerdings das Gegenteil, ich bin sicher, meine Erfahrungen würden sich dementsprechend darstellen. Vielleicht hab ich einfach Glück in dieser Hinsicht.
      So einfach ist’s, glaub’ ich, aber nicht: ich denke ja, Menschen spüren das ganz gut, was Sie, Hans, als “Rückgebundenheit der Persona zum Ich” bezeichnen. In selbstreflektiven Sozialzonen wie unseren, die Unstimmigkeiten nicht mehr physisch austragen, (denen eher das Wort im Hirn aufklappt als das Messer in der Hose), scheint sich mir doch ein Gespür dafür zu entwickeln, dass Enttäuschtsein mal mindestens zur Hälfte mit der eigenen Erwartungshaltung zu tun hat. Und die darauf folgende Zurücknahme von Vertrauen womöglich einen zu hinterfragenden Akt narzistischer Kränkung abbildet.
      Sorry, das ist jetzt einfach mal so ungebügelt hingeschrieben.

    • Vertrauen – Enttäuschung – Zumutung Wenn ich richtig verstanden habe, geht es nicht um verletztes Vertrauen im Sinne von gebrochenen Zusagen, sondern um unerfüllte Wünsche, deren Existenz nicht mitgeteilt wurde (“Wenn du mich liebtest, würdest du…”). In diesem Fall wäre die Anteilsschätzung mit “mindestens zur Hälfte” sehr zurückhaltend ausgefallen. Zur darauf folgenden Zurücknahme von Vertrauen fällt mir nichts Annehmbares ein. Da formulieren Sie, liebe Phyllis, sehr höflich mit dem Stichwort “narzistische Kränkung”.

      Im Gesamtkontext dieses Denkfadens, ausgehend von Frau SWAs “Was ist echt?” (09:02), schält sich zunehmend die Frage heraus, wieviel Klärung/Verhandlung der individuellen Wirklichkeitskonzepte unter Vertrauten schlicht notwendig ist. Was unabdingbar notwendig ist, kann keiner Zumutbarkeitserwägung mehr offen stehen. Vertrauen hin, Enttäuschung her. Verhandelt werden muss auf jeden Fall ein unangemessener “Verfügbarkeitsanspruch”. Ein unbefriedigendes Verhandlungsergebnis hat dann schmerzvolle regulatorische Konsequenzen im Schlepptau, um es mal bürokratisch auszudrücken (momentan meine “Lieblingsbaustelle”).
      ich denke, ich hab’s gebacken bekommen auf der handtellergroßen Fläche meines Spielzeugbügeleisens ; )

    • @Hans1962 Ich neige zu höflichen Formulierungen: ein Schwachpunkt, den ich im Laufe der Jahre noch auszubügeln gedenke.
      Sie hingegen, lieber Hans, scheinen kurzfristig in die Territorien der Jurisprudenz abgewandert – ich verdutze ein wenig an Ihrem zweiten Absatz ; )

    • @Phyllis – erwischt : ) Nach Abwanderung dorthin steht mir aber gewiss nicht der Sinn. Vielmehr beabsichtige ich, in diese Territorien stoßtruppend einzumarschieren. Mit Landsknechtstrommeln und allem Drum und Dran – und Jozef wird mich verschmitzt lächelnd begleiten. Sie wissen schon: Švejk! Jozef!
      srdeÄný
      Vaše Honza

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