Vierzehnter Brief. In dem erstmalig Mme de Lassy auftritt, wenn auch nur kurz.

K****, Montag, 15. November 2010

Mein guter Doktor,

so fassbar Ihr Wissensdurst und so versteckt der meine, wir sind schon ein seltsames Gespann, nicht wahr?
Sehen Sie, Verehrtester, Ihre L. ist ansässig geworden. Neulich ertappte ich mich dabei, wie ich Mme de Lassy gegenüber von der „alten Heimat“ sprach. Ein wenig fühlte ich mich dabei wie eine Verräterin, am Mutterland, der Familie, an Ihnen. Madame, der nichts entgeht, hob die fein geschwungene Augenbraue: „So weit sind wir bereits?“
Ihre Augen sind zwei Brunnen, aus deren Tiefe ein Glimmen aufscheint, ich muss immer an diese leuchtenden Fische denken, die in der Tiefsee leben und niemals nach oben steigen. (Sie wüssten binnen Sekunden nicht mehr wohin mit sich, Doktor, gerieten Sie in den Bannstrahl dieser Dame!)
„Nun scheuen Sie doch nicht, ma cocotte“ sagte sie leise, „es gibt Zeiten und es gibt Gelegenheiten, und nur in den seltensten Phasen unseres Lebens treffen beide mit Gewinn aufeinander. Sie wissen doch – wir haben gerade erst begonnen…“
Wir standen der Gesellschaft abgewandt an einem der Fenster des großen Saales und blickten hinunter auf den Fluss. Fast unmerklich war der Abend hereingebrochen über unseren Gesprächen, bald würde der Herr des Hauses zum ersten contact auffordern.
Ich legte den Kopf an ihre Schulter. Was für eine Haut. Sie trägt Serge Lutens, einen schweren, mit Zimt und Erde geschwängerten Duft. Kürzlich verriet sie mir, der Meister selbst habe ihn für sie geschaffen; die Mixtur muss Unsummen gekostet haben.
Wir sind längst übereingekommen, uns über Boten abzustimmen, bevor wir zur exercice gefahren werden. Es bleibt doch immer ein wenig Spielraum, auch wenn die Anweisungen, die Tags zuvor ins Haus kommen, an Genauigkeit nicht viel zu wünschen übrig lassen. Die beigelegten Utensilien indes – oft verschlägt mir ihr Anblick den Atem. (Allein die Vorstellung, dass Ror…! Ich winde mich vor Verlegenheit, selbst jetzt!)
Man hieß mich gestern, das Quôr bis zur nächsten exercice nicht abzulegen.
„Es ist groß!“ beschwerte ich mich bei Madame, „wie soll ich damit sitzen?“
„Sitzen Sie nicht“ beschied sie mich ungerührt.
„Ihres ist zumindest nicht aus Stahl!“ rief ich.
„Geduld, meine Teure. Das nächste wird bereits für Sie angefertigt.“
„Ich verstehe nicht…“
„Tut es Ihnen gut?“ lächelte sie.
„Ja..“
„Dann lernen Sie, angemessen zu gehen, bevor Sie leichtfertig nach dem nächsten Modell verlangen“ sagte sie. Ihr zärtlicher Blick nahm die Härte aus ihren Worten.
Natürlich gefällt es mir. Ich dachte nur, nachdem ich mich des anderen, Seines, Zeichens entledigt hatte, ich würde nie wieder –
Doch, selbstverständlich, hier ist es anders. Wie mir die Zeit lang wird zwischen den exercices! Wäre da nicht Ror, ich würde den Verstand verlieren.
Verstehen Sie denn nun, verehrter Doktor, warum mich Ihr letzter Brief so verstörte? Ich bin doch … wenn ich Mme besuche … schon nach unserer ersten Begegnung im Institut begann auch sie, mich Julie zu rufen. Doch das können Sie nicht wissen, nicht wahr? Und mit jener Person, an die Ihr absonderliches Schreiben sich wandte, hat dieser, mein „nom d’etranger“, nun wirklich nichts gemein.
Wie sehr mich die Freundschaft mit Madame de Lassy beglückt. Nicht zuletzt ihrem Einfluss ist es zu verdanken, dass ich meinen Aufenthalt hier in K**** unbedenklich verlängern konnte. Sie ist eine Dame von außerordentlichem Feingefühl, sie
Aber

– Doktor, unversehens streift mich die Müdigkeit, lassen Sie mich für heute schließen?
Aber ja, höre ich Sie sagen…

L.

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