Gewebeprobe: Was wir können.

An einem Salzstein vorbei gehen, ohne zu lecken. In allen Tonlagen lachen. Uns (nicht im mindesten) anmerken lassen, wenn eine Hand, die wir ergreifen, kalt oder weichlich ist. Männer in Holzfällerhemden ignorieren. (Äxte sowieso). Geheimgurren erfinden. Tagelang an einer einzigen Bemerkung herumkauen, die uns missgestimmt hat. Löcher mit Gaffatape ausbessern, Stimmungen mit Klarsichtfolie. Zweifeln. Reichlich. Gott eine gute Frau sein lassen. Überhaupt Frauen Frau sein lassen.
Angelegentlich sein, gelegentlich.
Sandwürmer reiten. (Pah)
Den Bären zu Seite schieben, der den Kühlschrank bewacht, besonders Nachts. Überraschend sein, kleinlaut, fulminant: in schnellem Wechsel. Routiniert die Finger hinter dem Rücken kreuzen und leere Versprechen abfüllen, bis sie platzen.
Ohne Lili an der Laterne stehen. Herumgeistern und Steinböcke adoptieren, wenn nötig. Lieben. (Ja, musste mal gesagt werden).
Ganoven mögen. Aber nur gut gekleidete.
Katzen auffangen, die von Blechdächern springen. Abends im Nieselregen nicht tanzen und nicht gut aussehen. Blei gießen und wegwerfen, ohne zu deuten. Undurchsichtig sein. Plötzlich wahnwitzig grinsen, wenn der Duft gebratenen Fleisches durchs Haus zieht. Wenn die Tage stabil sind, wenn sich das Schwellen nicht entzündet. Wenn Wasser da ist.
Wenn Anmut da ist.

Eben zum ersten Mal Gustav Mahlers Symphonie No.3 gehört. Nach dem sechsten Satz rinnen die Augen, die Mundwinkel hängen offen, und aus den Ohren kommen kleine Feuerwölkchen, als säß’ rechts und links ein hechelnder Drache drin.
Soviel zum Thema Unbedingtheit.

Für Semioticghosts.

23:28
Huch! Tag schon vergangen?

33 Gedanken zu „Gewebeprobe: Was wir können.

  1. Sehr schön!
    (Und, ich kaue gerade mal wieder an solch einer Bemerkung herum, genaugenommen sogar an zwei Bemerkungen, was ich dabei wirklich nicht begreife, dass ich mit solcher Vehemenz angegangen werde, als müsse ich jetzt sofort abschwören, alle Bilder verbrennen, mein Hemd ausziehen und nackt schreiend durch de Wüste rennen. Die Zeit der Wanderprediger ist noch nicht vorbei, die Bibel dazu wurde mir auch schon verkauft. Meine Bekehrungswilligkeit bleibt allerdings weiterhin tagesform- und wetterabhängig.)

    • Hm, als große Verdrängerin, die es wagt auch mal über Familie zu sprechen, diese kleinbürgerliche Machtausübungsfilialleitersprösslingszentrale, von der Thomas Struth mal eine sehr schöne weltweite Portraitserie gemacht hat und gesagt hat, an Familie interessiere ihn eben, dass jeder eine habe, und mir das sehr gefiel, dass einem auch mal gefällt, worum keiner drumrum kommt, aber wenn jemand eben darauf besteht, er sei eben ganz aus sich selbst gemacht und nichts davon wissen mag, ist das natürlich irgendwie alles kleinbürgerlicher Scheiß, bitte, danke, gerne, ich rufe trotzdem noch meinen Mama an, wenns recht ist, denn warum soll sie schlechter sein, als all die anderen Frauen dieser Welt, ist sie nicht. Nun ja, wegen mir, kleinbürgerliche Verdrängerin, auch das, Dogmatismus muss halt so, da kann ich eben auch nicht helfen. Mich haben halt immer eher die Individuen dazu interessiert, als jede Theorie, die sie irgendwie alle am liebsten scheren möchte über den einen Kamm. Aber Diversitätsempfinden ist die Sache von Dogmatikern eben nicht. Da müssen alle eben unter bestimmten Mechanismen gleich ticken, was dann eben auch nach dem Klackern archaischer Holzpantinen klingt, can t help, manchmal ist der Zwang, bei anderen Widerspruch wecken zu müssen, auch nichts anderes als ein Spleen zur Erhaltung der Aufmerksamkeit. Aber die hat er doch sowieso…

    • Da fällt mir ein, ich werd’ gleich mal meine anrufen, Mutter, und, ja, ich nenne meine auch weiterhin Mama und spreche ausgesprochen gerne mit ihr.
      Ganz aus sich selbst gemacht klingt anstrengend, da will wohl jemand Kuchen ohne Backofen sein.

  2. Demut, oder so Ich geh mal eine Runde raus,
    sag ich mir und reiße mir die neue Lesebrille
    vom alten Kopf.
    Kalt zwar, aber sonnig, will eine Fahrkarte
    am Automaten kaufen, damit ich heute Abend
    nicht in Eile, weil die Bahn gleich kommt,
    eine kaufen muss.
    Ich hasse das, die Scheiß-Bahn,
    und dann dieser S+U-Bahn-Spruch
    “Zurückbleiben bitte!”,
    da könnte ich wahnsinnig werden,
    was bilden die Arschlöcher sich ein,
    mir vor der Nase wegzufahren,
    was glauben die, wer sie sind.
    Ich weiß es.

    • Zurückbleiben Ich glaube, ich kann mich nicht erinnern, an kein einziges Mal, bei dem das so einfach gewesen wäre wie von dieser kleinen Spalte zwischen Fuß und Bahn, die derart Ihren Unmut auslöst.
      Ich weiß es.

    • Zurückgeblieben-Sein Zurückbleiben ist ja zur selben Sekunde bereits ein Zurückgebliebensein, ein Zustand, der nicht mehr weicht, selbst nicht, wenn die nächste Bahn hereinzischt. Dazwischen geklaute Lebenszeit, für Nichtraucher wenigstens, auch wenn den Rauchern die Zeit dann am Ende abgezogen wird. Gerecht ist das alles nicht!

    • Dadaistisches Puzzle Sie meinen, sich ein paar Frauen herausschlinkern, von der einen die schönen Beine, der anderen die schönen Augen, von einer den knackigen Po und von wieder einer anderen die Mähne nehmen, um sich für fünf Minuten eine Schöne zusammenzudadaieren, bis die nächste Bahn kommt? Keine schlechte Idee! Allerdings leide ich bereits jetzt an einer gewissen Unbeweglichkeit des Nackens – dennoch aber natürlich kein Grund, mit dem Rauchen zu beginnen.

    • Tja, meine feine Unterscheidung ist wohl verloren gegangen, ich sagte Frauen und schöne T i e r e, denn schöne Frauen zusammenklabüstern bauen kann ja jeder, mit oder ohne Nacken ; )

    • Schöne Tiere? Das Zusammenklabüstern von Frauen ist hochwertige Handwerkskunst, mindestens! Kann eben nicht jeder! Und schöne Tiere? Auf’m Bahnsteig? In Berlin? Müssen die an den Frauen dranhängen, mit Leine? Oder kommen die auch in freier Wildbahn vor? Einmal vor Jahren hab ich auf dem Helmholtzplatz öfter mal eine Punkerin mit angeleintem Wildschwein gesehen – meinen Sie so etwas? Naja, ich seh schon, Sie meinen etwas GANZ ANDERES 😉

    • Wildschweine lassen sich nicht zähmen, rauben Sie mir doch meine letzte Illusion nicht. Nee, das muss ein Mini-Hängebauchschwein gewesen sein: die kleinen Fresserchen sind ja dafür bekannt, für Kost und Logis so ziemlich alles zu tun. Man will da gar nicht weiterdenken. Also echt nicht. Sondern lieber gemütlich was anderes meinen.

    • Maggi Was heißt hier gezähmt! Nur wegen der Leine? Weiß man es? Immerhin roch das angeleinte Wildschwein, und es war eins, nach Maggi, also deutlich besser als die gemeine Punkerin. Doch schöne, unzähmbare Tiere sind ja ohnehin was anderes, findet man aber in den Prenzlauer Bergen selten, Illusionen hin oder her. (Illusionen erinnert mich immer sofort an das Lied von Alexandra, und dann wird mir immer ganz meláncholisch.)

    • Der letztgültige Beweis, das TT ein bürgerliches Blog mit gediegenen Leserinnen ist: dass sich jetzt nicht alle Punkerinnen hier zusammenrotten, um Ihnen die Meinung zu blasen, in Sachen Körperduft.
      Ach, die schönen, ungezähmten Illusionen.
      Wohl jener, die eine ist.

  3. I´m easy “Was wir können” – Das ist ein schöner Text!

    Und so: Schrei-krampfig Morde planen, karierte Hemden aufknöpfen, gänseklein sein, Beistelltische ausziehen, Biker küssen, Schwelen entzünden und mit Bier löschen. All sowas und noch mehr (-gleisig fahren).

    Schönen Sonntag noch!

    • Gute Nacht zusammen! ! Die hiesige literarische Diskussion lässt ja tief blicken, das möchte ich nach längerer Blochabstinenz mal anmerken (und soooviel Talmilobster vom Aldi – lecka)! Das ist ja… ja was gegenüber so einem überraschenden Link zu Audrii? (Danke, hans1962!).

      Also, nichts für Vonnegut zusamm, dies Schmierblatt* wandert morgen eh zerknüllt innen Papierkorb…

      * Um Missverstaendnissen vorzubeugen: meinte hier das gestern noch vollere Schmierblatt des Tages, wo viele Kuenstler so ihre Anmerkungen & Stricheleien hinterlassen hatten, um am Grossen & Ganzen mitzuwirken, was ja voll okay ist meiner Meinung nach im Kuenstleratelier. Bezog meine Bemerkung natuerlich nicht auf GesamtTT & ebenso auf meinen Kommentar, weswegen ich mich nun wundere, dass er die Loeschaktion ueberlebte. Doch nicht, um mich in die Pfanne zu hauen? Ich bin doch kein Weichei, das weisz auch die guetige Phyllis. Wenn schon, dann ein Hardapple, fuer den Mus… Womit ik auch mal – ausnahmsweise – ein paar Rezeptvorschlaege fuers heutige Ateliermenue gemacht haette, Norbert, gell, wir sind doch keine aNo_nymen? <_^

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