TTag, Donnerstag, 11. November 2010. Pumping iron.

Erstmal an die Hanteln… bis späteln.

12:38
NEU: TT bei litblogs : )

ALT: TT an den Hanteln…

(Courtesy of Gabi Schirrmacher, Fotoarbeit, Serie “Bitches & Badges” 1995)

19:14
Eigentlich gehört zu diesem alten Bild noch der Text unten… vor fünfzehn Jahren… trainierte ich in einer runtergeranzten Muckibude, kaum Frauen, kaum Geräte, dafür haufenweise unterkomplexe Kerls mit Frottee- T-Shirts und bunten Hosen. Ich mochte es. Meine Selbstwahrnehmung hat sich grundlegend geändert seitdem, aber manchmal – eben, als ich diesen Text ausgrub – springt mich die Erinnerung an.

“Im Traum schlafe ich mit dem Hawaianer, der bei mir im Studio trainiert, er ist groß und finished, und der kleine Pino, der seit dreißig Jahren Eisen stemmt, erzählt mir an der Theke vertraulich, wie er den Typen beim Duschen beobachtet hat, und daß der ein Mann sei, der einer Frau gefallen könnte…
Im Traum verpasst er mir Aids. An den Sex kann ich mich heute morgen nicht erinnern, aber an die Panik.
Ich trainiere also wieder. Die einzige Frau, die sich da im Territorium der Athleten breitmacht, aber sie kennen mich, viele kennen mich und kommen nach und nach, mich nach der monatelangen Pause willkommen zu heißen. Ich reiße schwere Gewichte hoch, vor dem Spiegel, narzistisch wie alle anderen.
“Was hast Du denn jetzt für eine Arbeit?”, fragt einer, “bist Du Türsteher?”
Ein anderer tritt an die Maschine, an der ich gerade fertig geworden bin. Ein überraschter Gesichtsausdruck breitet sich auf seinem Gesicht aus, als er nach der ersten Bewegung die Hände wieder von den Griffen nimmt.
“Du bist gut!”, sagt er zu mir, und an seinen Freund gewandt, “Sie ist gut!!”
“Das weißt Du doch”, sage ich, ich kenne ihn nur flüchtig, ein Pole.
Meine alte Kraft ist noch nicht wieder zurück, doch die Überraschung in den Augen der Jungs ist Erinnerung an das, was wieder sein wird. Ich brauche die wortkarge Atmosphäre, die Sprüche. Alles ist einfach hier. Alle quälen sich. Manche haben bessere Chancen, weil geeigneteren Körperbau, unter anderem ich. Mein Körper verspricht immensen Kräftezuwachs, rapides Muskelwachstum. Endlich sind die kräftigen Beine mal kein Makel – wenn ich Kniebeugen mache, merke ich, wie die Halle still wird.
Sie betrachten mich als seltsames Extrawesen, keine Frau, die man anmachen würde, sondern eine, der sie sich ohne die gewohnten Machismen nähern. Sie sind interessiert. Sie fragen mich nach meinem Training und nach meinem Beruf, diese Türken und Jugoslawen, die sofort auf straff umschalten, sobald eines der geschnürten Aerobic-Mädels um die Ecke tänzelt.
Ich schüttle allen die Hand und rede mit ihnen. Die Neuen sind unsicher und wissen nicht, was sie mit dieser untypischen Frau anfangen sollen, die so trainiert, als sei sie ein Mann, sie ist ihnen unheimlich, doch sie kommen trotzdem, um ein paar Worte zu wechseln, Neugier auf die Abartige siegt immer. Ich mag diesen Platz, an dem ich keine Künstlerin, sondern ein geformtes Stück Muskel bin. Ich mag die Konzentration in den Gesichtern, die bei den ernstzunehmenden Athleten Grimassen der Häßlichkeit auslöst und bei den Halbherzigen nur Verzerrungen, so wie kurz vor einem halbguten Orgasmus. Ich tauche in diesen kunstfreien Raum mit seinen Lauten und Gerüchen und verschwitzten Trikots. Ich bin hier hervorragend aufgehoben. Hier macht sich jeder selbst zum Kunstwerk, eine reduzierte und nachvollziehbare Ambition.
Ich trinke mein Eiweiß an der Theke, schultere meine Tasche und gehe.”
(Aus den Tagebüchern. Phyllis 1995)

22 Gedanken zu „TTag, Donnerstag, 11. November 2010. Pumping iron.

    • Boxen tut nicht weh …es ist die Hölle. Denn: der innere Schweinehund will ständig nicht mehr und spuckt Gift und Galle. Gerade für Raucher eine Herausforderung. Aber, wie mein Trainer sagt: Dein Schweinehund kann mich mal. 🙂
      Solange Du kein Sparring machst, sondern “nur” das Training, tut ansonsten auch nix weh und es gibt nichtmal blaue Flecken. Vergleichbar mit einer Art einstündiger Non-Stop-Extremgymnastik mit Schattenboxen und Sandsack. Die Tiefenmuskulatur jubelt. Die Lunge pfeift. Aber die angenehme Selbstzufriedenheit danach ist nicht zu überbieten.

  1. Die “Aufspaltung” Mensch/Künstler ist wohl eine ungemein schwierige Angelegenheit.
    Künstler:in darf alles, ja muss alles, um dem selbst formulierten Auftrag gerecht zu werden. Wie aber bleibt Künstler:in Mensch, bleibt geradezu banal wirkend beziehungsvoll verbunden?
    meistens bin ich sehr froh, dass es für mich ist, wie es ist…

    • Menschbürgerkünstler Die Romantiker hatten dereinst, also Ende des 18. Jahrhunderts, die feinsinnige Frage parat, ob einer (oder eine) Mensch oder Bürger sei, denn da müsse man sich schon entscheiden. Mensch ist natürlich besser, weil ganz, und zum ganzen Menschen gehört auch sein Künstlertum, wenn auch natürlich nicht jeder Mensch Künstler sein kann. Wo kämen wir denn da hin! (Keine Ahnung!)

    • Auch das Mund halten zur rechten Zeit ist eine Kunst.
      Deshalb musste ich leider meinen vorhin noch
      hier befindlichen Kommentar ersetzen.
      Aber ich werde besser.
      Ich spür’s genau ; )

    • ranziger Boiß Kollege Fettecke: Der mit den Bäumen und dem VW-Bulli und den Schlitten und dem Filz und der Honigpumpe, die eigentlich eine Leinölpumpe ist, der als Bomberpilot ganz glücklich war, trotzdem aber abgeschossen wurde, worauf er nicht mehr anders konnte als Künstler zu werden, denn der Krieg war ja vorbei!? Der? Der riecht ein wenig ranzig, nach BRD, der alten. Hat der nicht auch mal “gesungen”? (Das Video bitte nicht suchen und nicht reinstellen ;-))

    • Von Gesang weiß ich nichts, Videos können andere besser (gell, Eugene?)
      doch ich hab’ mir immer den Klang der in der Hitze zerspringenden Perlen und Edelsteine vorgestellt: die von der Goldkrone, die er eingeschmolzen und in einen Hasen gegossen hat : )

    • Sie zerspringen durchaus, außer, man weigert sich, zuzuhören: dann tun sie’s nicht. Unter Laborbedingungen allerdings zerspringen sie grundsätzlich n i c h t, weder Perlen noch Edelsteine. Dieses Phänomen hat noch nie jemand zufriedenstellend erklären können.

    • Zugehört! Zerborstene Edelsteine und Perlen in Fettpaste auf Filz, garniert mit einem Tröpfchen Honig – dieses Kunstwerk hat Beuys nicht mehr schaffen können. Schade, hätte sicher eine gelungene negative Anmutungsqualität gehabt.

  2. TT an den Hanteln… – Graziös Jetzt weiß ich endlich, an was mich das Bild erinnert: nämlich an Botticellis Gemälde “Primavera”; da sind nämlich diese beiden Mädels (Grazien) links, die sich (naja: fast) ansehen, und das hat auch so etwas Gespiegeltes.

    • Bei Botticelli sehen ohnehin alle Musen und Grazien irgendwie gleich (gut) aus, da kommt es auf die Anzahl nicht an. Außerdem ist das Foto ja nur ein Ausschnitt, wer weiß, was da sonst noch alles passiert und wer da noch herumsteht, hantelbewährt. Und ja, Gottchen, die Trainingsbekleidung! Da spielt ja auch der Zeitgeist mit rein, und der weht, wo und wie er will.

  3. komm ich normalerweise ( ich-normal ) nicht mal an die ränder einer peripherie ran – an solche frauen – ohne allerdings auch nur einen leichten hauch eines übenden pose gedanklich zu verrühren üder bislang gespürt zu haben.
    trotzdem kenn ich das bild irgendwie.
    müssen mir die mädels damals noch irgendwie hinterhergespeit ( gespielt wolle ich geschrieben haben ) haben.
    ne echt heausforderung.
    mann bin ich grad doof.
    not just like a punk.
    ich ich & ich

    ( jazz ( steps ) across the borders, hey ich mach ja fast schon werbung, autschie, für törns )

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