TTag, Donnerstag, 23. September. Unter Stacheln. Und über die Meinungsfreiheit.

Mikado: Ein wild auf den Tisch geworfener Haufen Stäbe, manche mit hohen, andere mit niedrigen Punktwerten. Nun meditiert man nicht einfach über deren Vielfalt, sondern versucht, möglichst viele der hochrangigen Stäbe aus dem Geflecht herauszuziehen, um die eigene Stellung im Spiel zu verbessern. Alle sammeln Punkte. Bis jemand die Stabilität des Haufens falsch einschätzt und irgendwo ein Stäbchen rauszieht, das tragend für’s gesamte Gebilde war; dann fällt das Ganze in sich zusammen. Derjenige, der das fatale Stäbchen gezogen hat, verliert alles. Man wertet aus und geht in die nächste Runde. Hoffentlich.
Das Mikadospiel wäre, denke ich gerade, so etwas wie der öffentliche Dialog. Ein stachliges Ding aus vielen Einzelteilen. Wenn man nicht daran rührt, geht zwar nichts kaputt, es kommt aber auch nichts in Gang. Außerdem ist da diese Neugier: was wäre, wenn ich hier mal dran rühre. Da könnte ich bestimmt punkten. Ui. Hat geklappt. Gleich noch mal. Und den hier noch: man wird gierig. Und glaubt, man könnte immer weiter punkten. Dass die Gesamtkonstruktion irgendwann einstürzen wird, erhöht nur den Reiz.
Wer allzuviel riskiert, fliegt raus. Dann wird weiter gespielt. Wenn noch Zeit ist. Und wenn einer sagt, okay, nächste Runde. Das ist aber nicht immer der Fall, oft begnügt man sich damit, seine Stäbchen zu zählen. Oder diejenigen zu verachten, die gar nicht erst mitgespielt haben, um die Ordnung nicht zu gefährden. Dann gibt es natürlich noch jene, die das Spiel gar nicht als solches erkennen: sie öffnen die Mikadoschachtel und denken, hm, hübsche Stäbchen, da piek’ ich meine Käsestückchen drauf und meine Trauben.
Die Frage ist nicht, wer mitspielt, oder wer die dickste Lippe riskiert. Sondern wer auf den Tisch achtet. Das gilt in allen Maßstäben, auch wenn die Modeartoren (ich lass’ das mal so stehen) der kleinen Maßstäbe leichter auszumachen sind.
Sie können übrigens gerne raten, wer das im Falle von Tainted Talents ist.

20:52
TRÄGHEIT, ICH KOMME!

00:45
Eben erreichte mich die Mail einer neuen Leserin:

“Ich habe gerade über eine Stunde in Ihrem Weblog geblättert, fand es witzig und geistreich – Ihre längeren “Essays” interessant aber die meisten Kommentare höchst oberflächlich – das kann doch kaum anregend für Sie sein?”

Was, werte Leser:innen, werde ich Ihr antworten?

15 Gedanken zu „TTag, Donnerstag, 23. September. Unter Stacheln. Und über die Meinungsfreiheit.

  1. ja die meinungsfrechheit, die derer anderer.
    es ist schon ein kreuz, kommt jemand z.b. daher und ist der meinung, ich tränke keinen kaffee sondern kakao ( durch welchen man mich möglicherweise noch ziehen könnte ) während ich mir gerade eine fundamentale meinung darüber bilde, ob das nun kaffe ist oder nicht.
    ( in diesem falle handelt es sich um ganze bohnen, 6 € pro 500 g )

    ich denke ich ziehe es gerade vor, käse zu pieksen und das kommunikationsspiel nicht zu erfassen.
    auch auf die gefahr hin, von selbsternannten meinungshütern oder deutungshoheiten dafür gegeisselt zu sein und mir selbst – zusätzlich gestärkt vom käse – meine bescheidenen flüge der erkenntnis eigenverantwortlich und fern von meinungsdickichten ( in ihrem fall m-häufungen ) in den freien lüftchen und wölkchen freilich gern zu konzedieren.

    das mag morgen schon ganz anders aussehen.

  2. An Mikado (um zwischen den Zeilen und im Bilde zu bleiben) gefällt mir ja, dass es ein ruhiges und sozusagen gesittetes Spiel ist. Was nichts mit Langeweile oder Spießigkeit zu haben muss, wenn auch mit Spießchen, wenn auch ohne Käse oder Schlachtplatte oder dergl. *herumassoziier* 🙂

  3. “Mikado reverse”
    Das fiel mir beim Lesen des Beitrags als spontane Erweiterung ein. Da gibt’s ein Grundgerüst, aufgestellt mit einigen gekonnten Federstrichen. Dann geht’s los mit dem “Einfädeln” der Stäbchen. Ringsum legt jeder ein Stäbchen dazu, ohne die anderen zu bewegen. Daraus entstehen mitunter überraschende Gebilde. Für jeden Mitspieler eine Spur anders. Das Spielmaterial könnte durchaus vielfältig sein: schlanke BuchStäbchen, knüppeldicke Wortstränge, filigrane Gedankenstrahlen, goldschwere Denkbolzen – alles mit Bedacht hingelegt.

    • @ 00.45

      die wahrheit und nichts als die wahrheit 🙂

      kann man auf eine so höchst oberflächliche frage überhaupt antworten, würde ich mich wohl fragen.

      naja nur so mein senf dazu, obwohl ich als doch recht häufig kommentierender ja nicht gefragt ward ( bin grad bloss noch auf )

    • ja genau eine ( unpräzise ) sperrigkeit –
      was meint die dame z.b. mit diesem “anregen” ?
      anregen – zu was ?

      wenn man eine stunde blättert, so ist dies des weiteren höchst oberflächlich, finde ich.

      naja , bin oftmals ja ebenfalls etwas unpräzise, bestes beispiel gerade mein erster kommentar hier in diesem thread.
      der präzision halber hätte ich zumindest nicht nur bohnen schreiben sollen sondern so etwas wie kaffeebohnen, da es ja auch kakaobohnen gibt – mal abgesehen davon, ob kakaobohnen für 6 € p. 500 g zu erstehen sind – da wäre ich grad überfragt.
      so ein etwas flapsiger umgang setzt ja schon voraus, dass identische fantasien am laufen sind, sonst versteht frau/man ja nix.

      der zweite kommentar ist des weiteren unhomogen formuliert bei der aufzählung – sowas kann jemand anderen gefühlsmässig negativ tangieren.

      beides fiel mir allerdings erst im nachhinein auf – sollte wohl doch mal die konsequenzen ziehen und korrektur lesen, bevor ich abdrücke.

    • @00:45 Da kann ich (darf ich?) dem Lobster zustimmen: eine Stunde blättern gibt keinen angemessenen Aufschluss darüber, was dieses Weblog darstellt.

      Dieses Blog als Fenster zu verstehen, das Einsichten – in beide Richtungen, wohlgemerkt – gewährt, sogar als Spiegel Einblick in die Eigenheit ermöglicht, hielte ich für angemessener, als es als Schaukasten zu verkennen.

      Es ist wohl zuerst eine Frage des e i g e n e n Blicks, wie andere Blicke (Kommentare) wirken. Und dann stellt sich schließlich die entscheidende Frage: Welcher Blick wird der Blog-Betreiberin unterstellt bzw. welche Erwartungshaltung trägt die Betrachterin an die Künstlerin heran?
      just a thought.
      Ist nicht als Kritik an der neuen Leserin gedacht, sondern
      eher als Ergebnis einer ganz schnellen “Selbstüberprüfung”.

    • @lobster & hans1962, Nachtrag ich hatte den richtigen Instinkt, die an mich gestellte Frage der neuen Leserin weiterzugeben: Sie beide haben nun Antwort gegeben. Prima. Ich selbst hab’ immer noch keine Lust.
      Ich reagiere patzig auf Menschen, die sich mit drei Sätzen als Verbündete aufschwingen wollen, und schon gar nicht, indem sie andere nach flüchtiger Kenntnisnahme herabsetzen. So läuft das nicht. Bei mir.

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