TTag, 23. Juni 2010. Balance und Zuspitzung.

Immer diese auseinanderstrebenden Energien! Obwohl ich unentwegt versuche, mich ersterer zu nähern, glaub’ ich, es ist die Zuspitzung, mit der sich’s künstlerisch produktiver arbeiten lässt. In irgendeiner spezifischen Weise muss man sich aus dem Fenster lehnen: sie verlieren, die Balance. Auch in Kauf nehmen, die gesellschaftliche, meinetwegen auch moralische Komfortzone zu verlassen. Je mehr man dort riskiert, desto wichtiger scheint mir allerdings, dass an anderer Stelle Stetigkeit ist. Dass Mitverschworene da sind, die belastbar sind, Risiken mit tragen, den Kern mitsichern. Die nicht abhauen, wenn man patzt. Oder schlimmeres. Mit zwei, dreien solcher Vertrauten sollte es möglich sein, auf künstlerischer Ebene die Überforderung nicht zu scheuen – denn die, zumindest für mich, ist die Schwester der Zuspitzung. Es gibt ja Künstler:innen, die blühen geradezu auf, wenn sie sich in diesen Regionen bewegen. Wie Jagdhunde, deren Spürnase es völlig wurscht ist, wo das zur Jagd freigegebene Revier endet: das Pfeifen gesellschaftlicher Konvention überhören sie mühelos.
Ich nie. Bin nicht gerne allein dort draußen.
Das ist aber genau der Punkt: ein gewisses Maß an Alleinsein muss man schon aushalten können. Ich habe diesen Reflex, mich selbst auszubremsen, bevor ein anderer es tun könnte. Oder meine künstlerische Arbeit gering zu schätzen, damit sie mich nicht dazu zwingen kann, auch gegen Widerstände für sie zu kämpfen. Dieser Reflex sitzt mir aus verschiedenen Gründen so tief im Fleisch, dass ich ihn oft sogar als Freund ansehe. Was er nicht ist.
Deswegen ist diese Sache, dem eigenen Talent gerecht werden zu m ü s s e n, so wichtig: solange das optional ist, geht man nicht an seine Grenzen, geschweige denn darüber hinaus.
Ich hab’ übrigens schon wieder den Impuls, diesen Text gering zu schätzen. („viel zu geschraubt, nicht geistreich genug“, flüstert jemand) Aber egal. Ich bin sicher, sie kennen solche Überlegungen, geschätzte Leser:innen, und sehen mir nach, dass man manchmal schrauben muss, oder?

Nu werd’ ich erstmal diesen Körper hier in Gang bringen. Später wird sich sicher L. melden: mit diesem speziellen Geräusch, das nur jemand erzeugen kann, der von innen klopft : )

15:52
So, L.’s Brief ist gekommen, zumindest der erste Teil. Nun schläft sie ein Stündchen, das ist gut, da kann ich ein bißchen raus…

21:18
Der Ball ist ein Dichter!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
*winkt allen, die gerade kein Fußball kucken*

20 Gedanken zu „TTag, 23. Juni 2010. Balance und Zuspitzung.

  1. Man muß i m m e r schrauben, Frau Kiehl. Es sei denn, man wird geschoben. Aber vielleicht schraubt man gerade dann zu wenig. Vielleicht ist ein Widerstand nötig, so, wie Kinder ihn brauchen, um ihre Grenzen zu erfahren, an denen sich nicht nur der Körper formt.

    • Ich stelle fest, dass ich immer dann am besten arbeite, wenn ich mich nicht von außen begrenzt oder bedroht fühle. In dem Jahr zum Beispiel, als ich das Stipendium hatte, mal nicht über Lohnarbeit nachdenken musste, doch vor allem mein Status als Kunstschaffende sozusagen offiziell beglaubigt war, hab’ ich wie eine Irre gearbeitet.
      Mein Eindruck ist gar nicht der, dass mir von außen Grenzen gesetzt würden, im Gegenteil. Es sind meine inneren, die die Herausforderung darstellen: gegen die inneren Abwinker ist alles, was an Gegenwind von außen kommen könnte, reinstes Pillepalle.

    • Brauch-tum: Immer Widerstehen Ist es wirklich die Frage, ob man ihn b r a u c h t? Immer ist da Widerstand. Es ist menschlich, dass wir in jedem IST ein SOLL oder ein KANN sehen: also in dem, was ist, das, was möglich wäre. Schon ist der Widerstand da. Das IST ist der Widerstand, gegen den wir notwendig aufbegehren oder anders gesagt: Wir sind´s. Deshalb glaube ich, dass die Unterscheidung zwischen inneren und äußeren Widerständen gar nicht viel weiter hilft. Sie lenkt nur ab. Denn auch der äußere Widerstand wird ja nur zu einem solchen, weil das Innere sich sträubt. Religionen (u.a.) suchen dazu anzuleiten, diese Widerstände aufzulösen : d.i. aus Menschen Heilige (oder Pflanzen) machen.

      Kunst (und auch manch andere menschliche Tätigkeit) entsteht aus der Hybris stattdessen selber Göttin, d.h. Schaffende zu werden: das SOLL oder KANN in ein eigenes IST verwandeln. Aus der Hybris geht nichts Reines hervor, versteht sich, sondern: Hybride. Die selbst wieder Widerstand erzeugen. Und so fort.

      Das war jetzt die philosophische Antwort. Eine praktische habe ich auch: Wer etwas herstellen will (Künstlerisches oder auch anderes), der geht mit “Material” um – und stößt unwillkürlich auf dessen Widerstand. Und jetzt kommt es auf eine Balance (da sind wir wieder!) an: zwischen Anschmiegen ans Material und dem eigenständigen Formen. Jedenfalls ist es – meine ich – nie ein “autonomer Akt”. Wie jede Befreiung geht auch dieser Prozess aus einer (Selbst-)Bindung hervor. (Ich erlebe es gerade mit den verdammten Zwergwerfern. Längst wollte ich meine Metaphysiker mit Baader in Abenteuer stürzen, aber die quasseln und quasseln…Mit L. haben Sie ja auch schon Überraschung erlebt, nicht wahr?)

    • Na ja, e c h t e äußere Widerstände gibt es ja durchaus, gibt haufenweise Menschen, die künstlerisch gegen unleugbare äußere, gesellschaftliche, meist politische Widerstände anarbeiten. Die halte ich mir manchmal vor Augen und denke: was für Luxusprobleme du hast, Phyllis. Aber das hilft tatsächlich überhaupt nicht weiter. Es ist sentimental.

      Sie haben natürlich recht, man braucht ihn nicht, da er sowieso immer da ist. Meine Frage zielte aber eher darauf ab, wie sich die Qualität der Arbeit mit oder ohne verändert. Wenn man Arbeit (und arbeiten k ö n n e n) überhaupt als “Wachsen” ansehen will : ) Und ich stelle fest, dass mir der Kampf mit dem Material völlig ausreicht, ich brauche da keine weiteren Gegner. Die hab’ ich aber. Mit denen muss ich mich rumschlagen. Und ich hab’ nicht den Eindruck, dass meine Arbeit durch sie gestärkt, geschärft oder irgendwie fokussierter würde, im Gegenteil. Sie legen mich oft einfach lahm. Und ich kann niemanden dafür beschimpfen, außer mich selbst.

      Ja, L. ist ziemlich unberechenbar. Ich wollte sie eigentlich heute was erleben lassen, stattdessen hackt sie auf ihrem Doktor rum. Tja.

    • Zurück zur Wunde? “Künstlerisch gegen unleugbare äußere, gesellschaftliche, meist politische Widerstände anarbeiten” – im Grunde (wirklich ganz vom Grund her) denke ich, dass es keine Kunst geben kann, die nicht gegen das Bestehende rebelliert, die also von einer – vielleicht nicht einmal dem Schaffenden selbst deutlichen – Utopie eines möglichen Anderen herkommt. Das hieße aber auch: Es kann im Ernst keine politische oder gesellschaftliche Konstellation geben, in der sich dieser Widerstand aufgelöst hätte.

      Etwas anderes ist die konkrete Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Mächten. Das glaube ich, ist aber wieder kein originär künstlerisches Problem. Hier leiste ich Widerstand, wo es unbedingt geboten ist und wo und wie es in der gegebenen historischen Situation zweckmäßig ist. Solche Überlegungen zur Zweckmäßigkeit können für Kunstproduktion nicht gelten.

      Es stimmt mich traurig zu lesen, liebe Phyllis, dass Sie Gegner haben. Und ich glaube auch kaum, dass durch solche irgendeine Arbeit jemals gestärkt wird. Ohne Verletzungen bleibt man nie. Da braucht man ganz bestimmt keine absichtsvoll herbeigeführten. Aber vielleicht: Erinnern Sie sich, dass wir einmal über Wunden sprachen? Und jetzt hat L. ihre Wunde. Der Umgang mit Wunden ist produktiv. Trotz allem. Ihrer vor allem.

      Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht. Habe mich sehr gefreut, wieder von L. zu lesen. Ihr geht es nicht gut, nicht wahr? Doch sie wächst auch…

      Melusine

    • Gleich vorab, denn das soll nicht über Nacht diffus bleiben: ich hatte mich vielleicht nicht klar ausgedrückt, liebe Melusine. Die Gegner, von denen ich schrieb, sind allein und alle in mir selbst zu finden.
      Mich hat noch nie jemand von außen bekämpft – jedenfalls nicht so, dass es mir bewusst geworden wäre. Deswegen ist mir der Gegenwind ja so unheimlich: weil ich ihn selbst erzeuge. Das merkt man als Leser wahrscheinlich in diesem Weblog nicht, weil hier immer etwas neues passiert.
      Ich denke darüber nach, wie ich weiter über sehr subjektive Prozesse künstlerischen Schaffens (und kämpfens) sprechen will. Eine Form finden: solche Kommentarfolgen wie heute – die ja auch immer Zeit und Nachdenken der Beteiligten abbilden – bräuchten eigentlich eine formale Klammer und sollten über den Tag hinaus irgendwo unter sowas wie “Gespräche über Kunst” zusammengefasst sein.

      Ihnen auch eine gute Nacht! Wahrscheinlich wächst man eh im Traum am besten ; )

      Phyllis

    • Tag-Traum: Heute bin ich reich Gut zu wissen, dass Sie sich nicht mit Missgünstlingen (ha, das Wort gefällt mir!) rumschlagen müssen. – Wir sind uns doch offenbar hierin ganz nah: Man kämpft immer mit sich selbst. (Was den Haupt-Nachteil hat, dass man bei Gegenwehr auch immer sich selbst trifft, stimmt´s?)

      Leider kann ich mich selten an meine Träume erinnern (außer natürlich an die Tagträume – die erinnere ich aber im Grunde nicht, die begleiten mich ja dauernd). Die Nacht-Träume, deren Bilder bleiben, sind alle fürchterlich. Aber vielleicht wächst man ja gerade daran…Und braucht den Schmerz eben drum doch. Aber eigentlich will ich das nicht denken.

      Heute, habe ich entschieden, werde ich mich reich fühlen. Was ich auch bin. Es kommt immer nur auf die Perspektive an. Man kann es auch einmal von da aus probieren: von der Lust und dem Genuss her.

    • Mir auch. Das Wort, meine ich. Ich fand aber auch “Abwedler” ziemlich gut : )

      Ihr Impuls kommt mir auch zupass! Aus dem Defizitären heraus zu denken, so sinnvoll das sein kann, macht auf die Dauer grau.

      Also für heute: SCHILLERN!

      : )

  2. Eugene, p.s. Da Sie mir den folgenden Film bei sich sozusagen persönlich ans Herz gelegt haben, erlaube ich mir, ihn hier noch einmal einzustellen. Mache ich normalerweise nicht, Inhalte so rüberziehen, aber in diesem speziellen Fall – darf ich? Ich mag ihn so sehr!

    Urban Abstract from Musuta on Vimeo.

    (Der Lobster ist abgetaucht. Würde mich interessieren, ob ihm der Film gefällt)

    • bei schwarz-weiss ästhetik schau ich meistens ganz genau hin, irgendwie spricht die immer allzu deutlich meine analytische ader an.
      dann kann ich aber nicht mehr abfahren, es sei denn ich sehe das oder die voll geilen details.
      oje bislang sah ich bei dem film nur handwerkliches geschick und die poesie von auflösung – wasser verdunstet, bildet wolke dann leuchtende tropfen später regen über die stadt wie : haar. das haar hat mir gefallen.
      ich hätte es gerne gestreichelt.

      zu widerstand fiel mir natürlich noch folgendes ein :

      ich finde gelegentlich frauen anziehend, die mich unwiderstehlich finden, wenn ich einfach nur ruhig ein glas glas sekt vor mir habe und löcher in die gegend starre mit meinen schönen braunen augen.
      zudem bringe ich mit wachsen vor allem kalorienzufuhr ( nahrung ) in verbindung.

      aber melusine und syra und du brachten ja schon einiges ( wenn nicht alles ) auf die punkte.

      bin abgetaucht weil mir zur zeit nur sone derbstrengen sachen einfallen, wenn was.
      und subtilität suche ich zur zeit fern eines intellektuellen, hm weiss bloss nicht wo.

      sorry.

    • Ihre Reaktion auf die Frage des Widerstands ist unwiderstehlich. Und auch subtil. Insofern bin ich ganz froh, dass Sie uns das derbstrenge ersparen… nfu. (nix für ungut)

      Intellektuell sind hier übrigens eher die anderen heute, ich selbst wäre mit interllektuell bezzer bezeichnet. Was auch immer das ist. Muss ich nochmal drüber nachdenken.

  3. Der Mensch wächst am Schmerz, am Leid… und am Widerstand. Glück und Zufriedenheit, die nimmt man an und hin, aber es ist kein Handeln erforderlich, weil man ja glücklich und zufrieden ist. Allein eine Arbeit (egal ob man schreibt, oder malt) zu beginnen, kann schon Widerstand selbst erzeugen, ich bin dann immer glücklich über den Zufall, ergreife ihn. Wenn ich Farben selbst wesen lasse, warte ich auf das, was kommen wird, und das ist oft für mich wie ein Zufall, andererseits ist mir klar, daß das, was dann entsteht eben im und durch den Prozess an sich entsteht. Bis jetzt ist wirklich, wirklich keines meiner Bilder so geworden, wie ich es mir von Beginn an vorgestellt habe… da kann selbst eine Skizze vorhanden sein, am Ende sieht das Bild doch ganz anders aus. Bin dann immer sehr froh darüber, weil ich in solchen Momenten auch über mich selbst hinaus wachse… zulassen, daß etwas passiert, was man sich nicht vorgestellt und auch nicht einkalkuliert hat. Manchmal ist so ein Zufall auch eine absolut zündende Idee… nichts ist wichtiger als diese Augenblicke. Der Film paßt gut zum Thema…. den konnte ich gut ansehen, weil es d a s ist.

    • “Zulassen, dass etwas passiert”: einigen Ihrer Arbeiten sah man das deutlich an. Ich mochte sie. Hab’ sie auf Ihrer neu gestalteten Site nicht mehr gefunden, sonst hätte ich gerne direkt darauf verlinkt.

      “Langsam, sehr langsam erwache ich und spüre: es ist in Ordnung. Ich darf s e i n.”

    • Danke! Danke dafür, daß Sie d a s sehen, weil es genau d a s ist, was ich erreichen möchte. Die anderen Arbeiten sind noch da, wo sie vorher waren, ich werde sie nach und nach rüberholen.

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