TTag, 7. Mai 2010. Musterbürger und grollende Katzen.

Was weiß ich, woher die Stadt Frankfurt das Geld hat, unter dem Fenster meiner Arbeitswohnung eine neue Straße zu bauen. Die alte wurde mit schwerem Gerät komplett entfernt, nun kommt eine neue, die so blitzblank aussehen wird, mit Parkbuchten und Grünstreifen, dass mein ohnehin viel zu schick werdendes Viertel bald einer baulichen Versuchsanordnung für Modellbürger gleichen wird, mit alle zwanzig Meter in den Asphalt gepflanzten Kacktütenspendern für Hundebesitzer.
Im Ernst. Bald werden hier nur noch Leute mit spiegelnd geputzten Geländewagen wohnen, die doppelt so viel Platz und Benzin brauchen wie mein Smart. Den kann ich eigentlich auch gleich abschaffen. Ich ahne, dass in die vier bis sieben schicken Parkbuchten, die im Zuge der Straßensanierung übrig bleiben werden, reservierungstechnisch die Nummernschilder der Geländewagenfahrer von Hand eingelegt werden, rosa auf grauem Grund. Und für die beknackten Kinderwagen, die sie aus den Hinterteilen ihrer Gefährte ziehen, wird’s wahrscheinlich auch farblich markierte Rollwege geben.
Inzwischen schreit hier wirklich jeder Quadratmeter nach gepflegtem Mittelstand; wie lange die Alkis auf dem kleinen Plätzchen sich da noch halten können, ist fraglich. Kürzlich wurde auch noch der Glascontainer abgeschafft: Ich hatte meine Pfandflaschen immer daneben auf den Boden gestellt, damit sie sie im nahen Kiosk einlösen können. Kiosk? Der muss auch noch weg. Seitdem der Luxusreve bis Mitternacht geöffnet hat, braucht den doch kein Mensch mehr.
Ich erwäge, zur Einweihung der neuen Musterbürgerstraße ein Bettlaken aus dem Fenster zu hängen: „Dieses Haus ist besetzt“.

»Schluss mit auf die Straße pissen, hörst Du?«

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11 Gedanken zu „TTag, 7. Mai 2010. Musterbürger und grollende Katzen.

  1. Versuche der Sache noch etwas Positives abzugewinnen. So viel ich weiß, werden noch ne Menge Bäume gepflanzt, die vorher nicht da waren.

    • @otto Soso. Dann kriegen wir also eine Allee. Ich dachte es mir schon, wegen des massiv herbeigekarrten Erdreichs, hab aber zu diesem Detail kein Faltblatt im Briefkasten gehabt.
      Linden wären schön.
      Die würden mich mit einigem versöhnen.

    • Einen genauen Plan habe ich auch nicht – habe das nur vom Hörensagen.
      Eine Allee wird es bestimmt nicht. Ob es Linden werden … keine Ahnung.
      Auf jeden Fall ist der Spuk Mitte Juni vorbei und ich werde nie einen der raren Parkplätze beanspruchen ☺

    • Das sind ja tolle Neuigkeiten, lieber Nachbar, Mitte Juni ist also Schluss mit Ausnahmezustand?
      Was die raren Parkplätze anbelangt – Menschen, die ihren Hund „Fauna“ nennen, dürfen, wenn’s nach mir geht, überall parken : )
      Ich bin mir ziemlich sicher, dass es deutschland-, wenn nicht gar weltweit keinen anderen Hund gibt, der so heißt. (Und der auch noch an wet dress – Wettbewerben teilnimmt.)

    • Aber wo nähmen wir dann all die Geschichten her, ohne den tollen Mittelstand:

      huhu
      magst du sexparties
      warst mal auf einer
      > nein
      reizt es dich
      > nein
      > ich feier nicht gern
      wie traurig
      hast du wenigstens gern sex
      > ja
      > aber nur mit toten gegenständen
      > armbanduhren
      > ich kann den sekundenzeiger merken
      ??? bist du pervers
      [Fri May 07 14:08:02 CEST 2010] sexparty beendet private Unterhaltung.

  2. Komische Koinzidenz (ups, ich finde d a s Wort sieht schön aus…) Gerade lese ich Ihren Text, da erreicht mich die e-mail einer Freundin: „Ach Schwester, Schwester, was soll ich sagen: Immer wenn ich die Welt nicht ändern kann, schneide ich mir die Haare.“

    (Anmerkung: Sie hat wunderschöne schwarze Locken.)

    • Das scheint, liebe MelusineB, eine Reaktion zu sein, die fast alle Frauen auf diesem Planeten nachvollziehen können. Ich selbst, seit ich Mädchen war, hatte sehr lange Haare, bis mein Vater starb vor drei Jahren. Da mussten sie fallen.

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