Das Tainted Talents Wort zum Sonntag, 34

Leistungsbereitschaft.

Ja nu, ist doch einfach! Überlebt haben. Gegessen, geschlafen, Körper erhalten haben. Hätten wir das bisher nicht ganz ordentlich hinbekommen, säßen wir hier nicht vor unseren Monitoren. Doch das böse Wort verlangt mehr von uns in diesen Breitengraden: Unsere Leben seien nicht täglich bedroht, heißt es, wir hätten Ressourcen übrig, die sollten wir nutzen zum Wohle der Gemeinschaft. Unter Ausnutzung unserer verdammten Resilienz. (Pech, wer keine hat bisher, die erwirbt man sich nämlich schon im Kindesalter. Es wird bezweifelt, dass man sie sich nachträglich draufschaffen kann als Erwachsener)
Doch zurück zum bösen Wort. Leistungsbereitschaft. Ich hasse es, und zwar nicht, weil unser (leider aus dem Blumentopf ausgepflanzter) Außenminister damit um sich wirft – ich würde es auch ablehnen, wenn ein Maulwurf es zu mir sagte. Darf ich an dieser Stelle bitte kurz mal weltweit verkünden, ich bin durchaus lei………….t, doch ich fände es hochnotpeinlich, zu jenen zu gehören, die das fordern vom Volk. Ein Volk ohne Leistungsbezweifler? Ohne Leute, die mit der Hälfte Arbeit auch noch ganz gut leben könnten, wenn man sie denn ließe? Oder ganz ohne? Ohne Tagträumer, Rumtreiber, Drückeberger, vermeintliche auf-der-Tasche-Lieger und so genannte System-Ausbeuter: wollen wir das? Und was ist mit den Künstlern? Müssen die auch Leistung bringen? Falls ja, wer verlangt sie von ihnen, da das, was sie tun, doch in den meisten Fällen eh nicht auf dem Markt (ver)handelbar ist?
Leistung oder nicht Leistung – eine Rechenschaft, die ich mir selbst gegenüber ablege. Ebenso wie die Definition dessen, was denn genau »Leistung« in meinem Fall bedeutet. Ein privater Vorgang, kein Beweis, den ich jemandem schuldig wäre. Nu isses raus, und da fliegen mir dann auch gleich die nächsten allergenen Begriffe um die Nase: Optimierung. Nachhaltigkeit. Relevanz. Nutzung. Frequenz. Ressource. Dynamik. Effizienz. Aktivierung. Dieses ganze Flipchart-Getue, Schluss damit! Mit solchem Vokabular versucht man die Denker schön im Gehege zu halten und die Nicht-Denker im Konsumentenparadies, wo sie ja auch hingehören, nicht wahr? Doch ein einziges eigenes Wort ist kostbarer als dieser ganze Enhancement-Quark, also lassen Sie sich nicht lumpen: Schnappen Sie sich mal eins und schnallen Sie eine Behauptung dran, so als tägliche kleine Übung. (Es können auch zwei sein, Hauptsache, sie haben noch nie auf einem Flipchart gestanden.)

4 Gedanken zu „Das Tainted Talents Wort zum Sonntag, 34

  1. Morast-Spa für den Weltfrieden. Morast-Spa als rituelle Rückversicherung der menschlichen Verwurzelung. Gebt jeder Sippe ihre eigene Suhle.
    Die Evolution des Menschen hält mit der seiner Maschinen und Gerätschaften schon längst nicht mehr Schritt. Wir brauchen einen Ritus, der uns erlaubt auf friedliche Weise unsere animalischen Anteile auszuleben.

    Keine Ahnung ob meine Antwort zu Ihrer Frage passt. Ich ergriff jedenfalls die günstige Gelegenheit meine Überzeugung zu bekunden, dass das Grundrecht auf einen Platz in einer schönen warmen Schlammsuhle viele Bedürfnisse abdecken würde, die innerhalb unserer Gesellschaft nicht nur nicht abgedeckt, sondern auch nicht erkannt oder schamvoll verschwiegen werden.

    • @schreibenwieatmen Allein, dass Sie das Wort »Suhle« hier einführen… hab’s lange nicht mehr gehört. Zuletzt, glaub ich, als meine Großmutter mit mir kleinem Mädchen im Wald war.
      Wildsauen. Ich denke schon, dass wir einige Grundbedürfnisse mit ihnen gemein haben. Insofern passt Ihre Antwort ganz vortrefflich.

  2. Leistungsbereitschaft zu fordern im politischen Kontext blendet zweierlei aus : erstens, daß viele leisten wollen, aber nicht dürfen, zweitens daß Leistung Ergebnisse befördern muß, z.B., das Überleben und die Teilhabe an der Gesellschaft und deren Errungenschaften wie Technik, Kultur und Kommunikation. Das aber ist mit manchen der angebotenen Leistungserbringungsmodellen schlicht nicht mehr gewährleistet. Dieht man nur diese Punkte – und blendet das hier im Beitrag zu recht geforderte Recht auf reines Sein aus – wird die Argumentation zudem noch bitter zynisch. Egal woher sie kommt – von der FDP oder den Stammtischen…

    • @tinius »leisten wollen, aber nicht dürfen« – da ist Initiative gefragt. Was mich an die »Ich-AG«’s erinnert, die eine Zeitlang in aller Munde waren. Eigentlich eine schöne Idee zur Selbstermächtigung, wenn auch als Begriff wirklich himmelschreiend. (Fast so schlimm wie »Kopfpauschale«)
      Mein Umgang mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen ist mehr intuitiv als informiert. Ich denke aber, wenn es gelänge, »Leistung« als Begriff praller zu stopfen, genauer hinzusehen, wo und wie aus Handlungen Leistungen werden können, wäre schon viel gewonnen.
      Nur – um daraus eine Dynamik zu entwickeln, braucht es gutes, saftiges Vokabular. Keine Ahnung, aus welchen sterilen Büroetagen unsere Regierungen ihre Texter ziehen: Sie scheinen allesamt unfähig, laufende Prozesse so darzustellen, dass sie neue Energie erzeugen.

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