Jahrestage, Kratztage

Ich seh‘ aus wie eine Nachteule, die in der Tagschicht arbeiten muss.
Leider hab ich keine hübschen Federn um die Augen, die meinen Zustand kaschieren könnten. Die gute alte Neurodermitis. Leute wie ich bekommen Schübe, während derer die Haut durchdreht.
Ich denke schon seit Jahren, dass ich diese Schübe gerne in völliger Bewusstlosigkeit verbringen würde. Gut wäre auch, sich kurzfristig an einen Ast zu hängen und zu verpuppen. Hat aber noch nie geklappt.
Anyway, liebe Leser, das ist der Grund, weswegen ich hier so zögerlich poste: Ich kämpfe. Und bin noch nicht so recht entschieden, ob – und in welcher Form – meine alte Wegbegleiterin in diesen Blog gehört. Sollten Berichte zur eigenen Befindlichkeit nicht immer von einem Augenzwinkern begleitet werden, so nach dem Motto „halb so wild“, um dem anderen nicht die eigene Schwere mit aufzubürden? Was aber, wenn sich partout kein Augenzwinkern einstellen will?
Vielleicht hat der Handwerker von der gegenüberliegenden Baustelle eines für mich: Er guckt mir seit zehn Minuten direkt auf den Schreibtisch. Die Farbrolle, mit der er einen Balkon des Neubaus streicht, hat er abgestellt. Steht da, der Mann, Hände gemütlich in der Weißbinder-Latzhose, und kann den Blick nicht von mir wenden. Da, jetzt winkt mir ein zweiter von einem anderen Balkon. Einer mit dunkler Haut. Ich winke zurück. Warum nicht? Die weiße Latzhose steht ihm besser als dem anderen.
Zwei Jahre nun schon, seitdem die Bauphase begann, lebe ich mit Handwerkern aller Kategorien, die von ihren Gerüsten oft direkt in meine Wohnung, auf meinen Schreibtisch sehen können.
Manchmal, wenn ich das Haus verlasse, grüßt mich jemand auf der Straße. Ich brauch dann immer noch ein paar Sekunden, bis mir klar wird, dass das wahrscheinlich einer von denen ist, die ihre Pausen damit verbringen, mir durchs Fenster zu schauen. Was soll man auch sonst machen in einem Neubau, in dem sonst nichts ist zum beobachten?
Mir macht das nichts, im Gegenteil. Die machen ihren Job, ich den meinen. Es wäre lustig, ein Fest dort oben auf dem Dach zu machen, wenn das Gebäude erstmal fertig ist. Für alle, die sich im Laufe der Jahre hier gegenseitig beobachtet haben.

2 Gedanken zu „Jahrestage, Kratztage

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