Vom Sprechen und vom Schweigen

Heute Morgen nahm ich das rote, samtige Schmeichelkleid vom Bügel. Gegen den von der Nacht noch durchweichten Morgen und als Rebellion gegen die Melancholie. Ein Wort, das ich letzte Woche den beiden jungen Somaliern beigebracht habe, die in meiner neuen Schreibgruppe waren. Auch die Afghanen mochten es. Alle Jugendlichen, die erst seit ein, zwei Jahren im Land sind, lassen sich von meinen Synonym-Trainingseinheiten begeistern.
Wörter, sage ich immer, sind eine Art Schmuck für eure Persönlichkeit, der euch nichts kostet. Lernt jeden Tag ein paar besondere und die Leute, denen ihr begegnet, werden mehr Geduld mit euch haben. Man wird auch neugieriger auf euch werden. Ihr könnt noch nicht gut genug Deutsch, um eure Persönlichkeit richtig zeigen zu können. Umso wichtiger sind die Wörter, die ihr verwendet, die Auswahl, die ihr trefft: Überrascht die Menschen, mit denen ihr sprecht.
Es gab, neben der Melancholie, noch ein anderes Wort, das die Gruppe mochte:
Charmant.
Grell mochten sie auch.
Dafür hab’ ich nun endlich kapiert, wie man Vallah verwendet. Es heißt so viel wie: ich schwör’s.
Zumindest haben es mir die Jungs so erklärt. Sie veräppeln mich ja auch manchmal. Ich werd’ das bei meiner nächsten Gruppe noch einmal überprüfen mit dem Vallah…

Die einzige Frau, von der ich in diesem ersten Monat des Jahres etwas hatte lernen wollen, hat auf meinen Brief bereits am darauffolgenden Tag geantwortet. Ich lernte sie vor drei Jahren kennen. Sie war der Ankerpunkt einer Gruppe, die sich an meinem bevorzugten Meditationsort zusammengefunden hatte, um gemeinsam in ein großes Inneres hineinzuhorchen, meist schreibend. Gelegentlich lasen wir einander vor. Reaktionen auf diese Lesungen fanden im Schweigen statt. Blicke, minimale Handbewegungen, fast unmerkliche Veränderungen in der Körperspannung der Zuhörenden. Das war die Absprache: nicht zu sprechen.

“Ich hätte zu gerne weiter geschwiegen, hatte eine besondere Intimität während dieser Tage empfunden. Sie ging verloren, als der Kurs endete und alle anfingen, Erfahrungen und Eindrücke auszutauschen. Zu früh, zu drängend, wie um etwas nachzuholen.
Ich hatte nichts nachzuholen.
Sprechen ist immer Verblendung, selbst wenn man sich viel gute Mühe dabei gibt.
Ich schreibe lieber. Ist natürlich auch Verblendung, aber wenigstens grätscht mir niemand dazwischen.“

Das, unter anderem, hatte ich ihr geschrieben. Und sie um etwas gebeten, das ich in ihr, der älteren, sah und mir aneignen wollte.
Sie lehnte ab.
Ich respektiere das. Sie hat eine Form des Teilens entwickelt, die ihr entspricht, eine Form des Lehrens. Eine andere mag sie mir nicht anbieten.
Vielleicht hätte ich an ihrer Stelle genauso entschieden.

Ich bin gerne mit Menschen zusammen. Ich finde nur, es wird meistens zu viel gesprochen. Während dieser Verbalisierungen geht es fast andauernd um Macht. Um die unsichtbare Hackordung. Darum, die eigene Wahrnehmung im anderen unterzubringen, möglichst schnell, möglichst effektiv.
Das muss gar nicht so brutal sein, wie man es im dialogischen Schnellfeuer der Alphatiere oft beobachten kann. Das Ganze funktioniert subtil genauso – und genauso gut, wenn nicht sogar besser. Sprechen ist, aus meiner Erfahrung, ein andauerndes Kräftemessen.

Von dem ich mich keineswegs ausnehme. Doch es strengt mich – außerhalb meiner pädagogischen Arbeit – immer mehr an. Ich spüre den Wirkungen nach, die von bestimmten Sätzen und verbalen Gesten ausgehen und bin verstimmt wie eine nasse Geige.
Meine private Kommunikationsregel rettet mich vor dem Gröbsten: Nach spätestens drei Stunden ziehe ich mich aus jeglichem Gespräch zurück, sei es persönlich oder beruflich.
Ich klinke mich aus. Lasse erst einmal wirken, was im Austausch geschehen ist.

Das Wirken lassen und Nachspüren könnte auch bereits innerhalb von Gesprächen stattfinden. Tut es aber nicht. Weil die meisten Menschen meiner Erfahrung nach keine Pausen aushalten. Kein Schweigen. Empfinden sie Schweigen wie einen Sog, der ihnen alles unter den Füßen wegzieht, was sie zuvor mühsam mit ihren Worten etabliert haben?
Für mich ist es das Gegenteil. Ich liebe die pure Gegenwart, die Menschen ausströmen können, wenn sie endlich einmal den Mund halten und einfach nur d a sind.

(((Das rote Kleid wirkt bereits. Eben wird der Tag licht.)))

3 Gedanken zu „Vom Sprechen und vom Schweigen

  1. Einfach grandios, dieser Text (den ich lieber schweigend in mir hätte weiterklingen lassen, aber das musste jetzt einfach raus) (Und was Sie den jungen Menschen da via Sprache mit auf den Weg geben – – – )

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