Zähneknirschend

Manche loben es als Resilienz, andere berümpfen es als Leugnung der Tatsachen, wenn jemand sich vom scheinbar Offenkundigen nicht die eigene Wahrnehmung und Wirklichkeit vorschreiben lassen will.
Denn es gibt keine Realität. Immer nur eine Deutung als Realität,
als Gerechtigkeit
als Wahrheit
oder Erfolg
Unter unseren subjektiven Deutungen befindet sich keine feste Ist-Ebene, nur Wahrnehmung, Instinkt und Gefühl.
Es braucht Schöpfer:innenkraft, daraus Substanz zu spinnen, vielleicht sogar ein Gewebe, das andere eine Weile mit tragen kann, so sie es denn wollen.
Ein schönes Wort, Kraft. Vollkommen kontraproduktiv übrigens, bei Kraft und Freude sofort an Nazis zu denken. Tun wir aber. Diese Arschlöcher haben uns viele Wörter und deren jubilierenden Pathos vergiftet.
Sie nicht mehr zu verwenden fühlt sich aber an, als zöge man der Sprache ihr Rückgrad heraus, um es den Neo-Arschlöchern zu überlassen.
Nicht weniger Vokabular brauchen wir, sondern mehr, verdammt. Mehr Wörter und mehr Menschen, die sie sich zutrauen. Und ein Geschichtsbewusstsein, das nicht dort anfängt und endet, wo wir unsere bisher grausamste Seite gezeigt haben.

Bin aggressiv.
Was bleibt als mein freier, originärer Wille übrig, wenn ich die Routinen des Autopiloten abziehe, den Energiesparimpuls meines Gehirns, das laut Neurologenmeinung den Weg des geringsten Widerstands bevorzugt, wenn ich die Vereinbarungen mit meinen Lieben und die Nächstenliebe ganz allgemein, dazu Abhängigkeiten und Co-Abhängigkeiten abziehe, politisch korrekte Kommunikation, mental eintrainierte Stützkorsetts, gesundheitliche Erwägungen und berufliche Kompromisse, von den Prägungen des Elternhauses MAL GANZ ZU SCHWEIGEN? Wie viele meiner Entscheidungen der vergangenen Jahre sind welche gewesen, die tatsächlich ich treffen wollte?

(—– Hier stand mal ein ganzer Absatz, der nicht überlebt hat. Macht nichts, weiter —–)

Was ist mein Grundgefühl, was treibt mich an, wie schaffe ich Bewegung. Wie teile, vermische und formuliere ich, wie grenze ich mich ab,
vor allem aber: Wie bringe ich mein rotzfaules Gehirn dazu, mich nicht immer wieder mit Banalitäten einzulullen.
(Erst einmal durchatmen.)
Im Grunde bin ich nur wütend, weil ausgerechnet LeBlanc heute Morgen im Gespräch wieder das E-Wort fallen ließ:

Egal

Manche empfinden Egal als befreiend, doch ich hasse das Ding. Es ist eine verbale Geste des Wegwerfens und bietet keine einzige Assoziation, die ins Licht führt. Nur in die Wertlosigkeit, in die Resignation oder in ein schieres Verbrauchtsein. Das Schlimmste aber ist, das Wort ist ansteckend wie ein verdammter Virus.
Wer also denkt, sein Leben sei egal, soll sich doch einfach mal ein paar Minuten lang eine Plastiktüte über den Kopf ziehen.
Ohne Klebeband, nicht die harte Tour. Einfach nur die Tüte.

5 Gedanken zu „Zähneknirschend

  1. Bin wirklich schwer beeindruckt von deinem Text, und dem hugh als einzigem Kommentar. Das war ja wohl ein Farah Day Text, zumindest ihrer würdig, nur noch direkter von DIR, wenn ich das so empfinden kann. Glaubwürdig und überzeugend von dir, ohne Ablenkung in deine gespaltene Persönlichkeit.
    Ich lese den Text jetzt nochmal und versuche, Deiner Wut nachzuspüren. Zum ersten Mal seit der Grippe kann ich heute wieder klar denken.
    Was mich hindert, mich so in Wut zu steigern ist eindeutig mein Alter. Ich bilde mir schon eine ganze Weile ein, mit mir im Reinen zu sein – vielleicht nur eine Einbildung? Es kommt aus dem Bewußtsein, daß ich die Dinge nur aus der Kraft meiner jetzigen Energiequellen betrachten und beeinflussen kann, und das ist in Kontakt mit der nächsten Dimension. Dort spüre ich Kräfte, die mir, und übrigens uns allen, immer zur Verfügung stehen und nur drauf warten, angerufen/ angezapft zu werden.

    Das Wort Egal finde ich auch in jeder Beziehung abstoßend, von der Wahl der Kaffee-Tasse bis zu praktischer und geistiger Aktivität, NICHTS ist egal, das empfinde ich auch so und gebrauche das Wort auch nicht.

    Umarmung,
    Ladybird

    • @ Ladybird & Madame TT: „Egal“ hat mehrere Aspekte, nicht nur die von Ihnen genannten, sondern auch „wahre“. Der schärfste Aspekt dieser Wahrheit führt auf den Begriff „Wirkungslosigkeit“ in Bezug auf ein Ziel, eine Überzeugung, eine „Sendung“, der jemand einen Großteil ihres und/oder seines Lebens gewidmet hat. Sogar in Bezug auf ein faktisches Können.
      Die Erkenntnis, daß genau dies ein Irrweg war, indiziert der verwendete Egal-Begriff. Er gesteht das fehlgelebte Leben mit der Genauigkeit des Schmerzes ein – sehr viel mehr, als würde des langen und breiten analysiert. Die Analyse hier wäre abermals >>>> „Mara“, lediglich in Form einer >>>> Rationalisierung, also eben einer Abwehr der Erkenntnis. Schon, indem sich jemand – wie ich jetzt – auf eine weitere Diskussion enläßt, verfängt er/sie sich erneut in der Täuschung: weil darüber zu sprechen abermals Hoffnungen impliziert, die doch gerade, und mit Recht, verworfen wurden.
      Der Fehler liegt freilich am Subjekt selbst – dem also, der das Egal später ausspricht. Es hat sich auf die vermeintliche wirkliche Welt eingelassen, indem es an sie Ansprüche stellte (buddhistisch: Gier), die dann – wahrheitsgemäß – ent/täuscht wurden. Ihr Wesen ist ja die Täuschung. Es wäre, dieses Subjekt, besser oder überhaupt gut gefahren, hätte es auf „Gier“ von vorneherein verzichtet, also auf Wille, Erwartung, Hoffnung.
      Man kann sagen, das Egal drückt aus, was Mara eigentlich ist: „Alles ist eitel“, sagte der alte Brahms mit Blick auf das Kohelet-Buch (Vanitas vanitatum, et omnia vanitas). Das Versagen lag schon im Willen, etwas zu wollen.

    • @Albanikolaiherbst ich frage mich nur, nach welchen Kriterien Sie „Irrweg“ definieren. Ist der Begriff nicht selbst bereits eine Rationalisierung? Wert und Wirkung sind außerhalb wissenschaftlicher Versuchsanordnungen keine festen Größen und selbst dort nur so lange, bis jemand widerlegt –

    • Habe ich deutlich geschrieben: … in Bezug auf ein Ziel, eine Überzeugung, eine „Sendung“, der jemand einen Großteil ihres und/oder seines Lebens gewidmet hat. Sogar in Bezug auf ein faktisches Können.
      Letzteres mag dabei, zugestanden, in Zweifel gezogen werden können. Hat der Zweifel recht, wird der Irrweg um so schlimmer, ja, er ist dann sogar — kläglich. Man kann ja, immerhin, auch grandios scheitern. (Was freilich ein fast ebenso kläglicher Irrweg gewesen wäre, weil es seine Rechtfertigung illusionär mit einkonstruierte).

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