Farah Days Tagebuch, 44

Donnerstag, 29. September 2016

Angsfrei

Der Karneval der Ängste ist vor ein paar Tagen weitergezogen. Nach gut vierundvierzig Jahren wurde es auch Zeit, ich brauche den Platz. Tagsüber kann man sich ja arrangieren, doch ab Mitternacht beginnt die Schicht der Hardliner…
Die arbeiten durch bis zum Morgengrauen.

Als mein Karneval damals anrückte, war ich noch ein Kind, zu unbedarft, die Tarnung zu durchschauen. Ängste kommen ja mit Glitter im Haar und in feine Wörter gekleidet. Die sind gewieft! Immer schon gewesen.
Hätte ich ahnen können, dass sie alle Schaubuden waren? Firlefanz? Die gehören zu mir, dachte ich. Schützen mich vor Schlimmerem.
Meine Wagenburg.
Jahr um Jahr, während ich älter wurde, hab’ ich mich von ihnen breitschlagen lassen, bis genug Gelände für alle da war.
Sie ließen mich in dem Glauben, die Managerin zu sein.
(((Ha!)))

Als die erste Bude damals auf den Platz rollte, war ich wie geblendet: Auf ihren beiden Längsseiten prangte in güldenen, gesperrten Lettern das Wort
V o r s i c h t
Im Laufe der Jahre ist das Gold natürlich ein bisschen abgeblättert. Ebenso das von der R ü c k s i c h t: Die rollte direkt hintendran mit der zweiten Bude ein. Und die dritte, klar, stellte die N a c h s i c h t zur Schau.

Während diese drei ewig auf meinem Gelände zusammenstanden, haben die übrigen immer mal wieder ihre Stellplätze gewechselt. An sie hab’ ich mich deshalb nie so gewöhnt wie an die ersten: Die waren das Siegertrio. Jede mit eigenem Treppchen zum Einsteigen.
Ich hab’ das erst so spät kapiert! Dass die Wagenburg scheiße war, die Versammlung meiner Tugenden nichts als ein Arrangement hübsch beschrifteter Angstbuden.

Woher ich neulich die Kraft nahm, ihnen die Pacht zu kündigen?
Keine Ahnung
Wahrscheinlich hab’ ich schlichtweg die Schnauze voll davon, gelobt werden zu wollen.
Wird spannend, jetzt herauszufinden, wer mich auch ohne mein Siegertrio noch toll findet.
Die weite, geräumte Fläche fühlt sich jedenfalls komisch an, so angsfrei. Muss mich erstmal dran gewöhnen; plötzlich ist es ziemlich leer in mir.

Sogar das t ist weg.
Hat sich wohl in einer der Buden versteckt bei der Abfahrt.

3 Gedanken zu „Farah Days Tagebuch, 44

  1. „…wer mich auch ohne mein Siegertrio noch toll findet.“ Das ist die letzte Falle. der entgehen Sie nur, wenn Sie drauf schei… , ob Sie jemand toll findet.

    Wünsche Erfolg, von Herzen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.