Gereizt

In Frankfurt, der Stadt, in der ich lebe, hat die AfD über 10 Prozent Stimmen gefangen. Schlimmer noch ist allerdings, dass nur 37,3 Prozent der Frankfurter:innen überhaupt wählen gegangen sind. Das ist eine erbärmliche Zahl. Ich könnte kotzen.

Bin auf dem Weg in die Schule, um eine Leseprobe mit einer Gruppe junger Leute zu machen. Übermorgen lesen sie die Texte, die sie bei mir geschrieben haben, im Historischen Museum. Es ist eine öffentliche Veranstaltung:

Die jugendlichen Teilnehmer/innen der Biographiewerkstatt „Frankfurt Live!“ präsentieren die Ergebnisse ihrer Projektwoche.
„Frankfurt Live!“ ist ein Projekt des kindermuseums frankfurt, die Ergebnisse gehen in die Bibliothek der Alten ein.
Die Teilnehmer/innen der Biographiewerkstatt sind meistens jugendliche Geflüchtete. In den zur Biographiewerkstatt gehörenden Schreibworkshops erfahren sie, sich in einer noch fremden Sprache auszudrücken, mit ihr zu experimentieren und ihren Gefühlen einen künstlerisch-kreativen Ausdruck zu verleihen.
Die Lesung findet am 9. März 2016, um 18.30 Uhr in der Bibliothek der Alten statt.

(Aus der Ankündigung des Historischen Museums)

– Wer weiß, vielleicht habe ich ja Leser:innen in Frankfurt, die Zeit und Lust haben, den jungen Leuten am Mittwoch Abend ihr Ohr zu schenken? Und ein paar applaudierende Hände?

Sorry, bin irgendwie gereizt heute Morgen. Kein Wunder, oder?

Hannah Arendt Pflichtlektüre für alle. Wäre gut.

9 Gedanken zu „Gereizt

  1. Versuch einer Besänftigung In Frankfurt waren rd. 500.000 Bürger wahlberechtigt.
    Davon gaben rd. 200.000 (aktualisiert: 38.9%) ihre Stimme ab.
    Davon wiederum votierten rd. 20.000 für AfD.
    Das sind 4% aller Wahlberechtigten.

    In der Tat ist die geringe Wahlbeteiligung ein Skandal sondergleichen. Meines Erachtens müsste unmittelbar und sehr heftig die Diskussion um eine Mindestwahlbeteiligung losgehen. Eine Wahlbeteiligung von 50% hielte ich schon nicht mehr für vertretbar. Eine Wahlordnung, die Wiederholungen im Wochentakt vorsieht, bis die Mindestwahlbeteiligung erreicht wird, könnte disziplinierend wirken. Die Kosten ab der zweiten Wahlwiederholung sollten unmittelbar bei allen Wahlberechtigten über entsprechende Gebührenvorschreibungen hereingebracht werden. Als kollektive Strafe für Ignoranz, sozusagen.

    (einen grandiosen Abend übermorgen Ihren Teilnehmer:innen und auch Ihnen, Madame!)

  2. Liebe Mrs TT, es ging hier um Kommunalwahlen, nicht um die Wahl des Landtages oder gar des Bundestages. Insofern ist dem Ausgang der Wahlen in den Hessen durchaus etwas Positives abzuringen, weil die AfD ab jetzt in den jeweiligen Stadtparlamenten die „Gelegenheit“ hat, sich in der parlamentarischen Arbeit und den öffentlichen Diskussionen zu demaskieren. Damit könnte, ich betone „könnte“, dem Spuk ein (hoffentlich) frühes Ende bevorstehen. Unabhängig davon muss natürlich davon ausgegangen werden, dass sich in den kommenden Landtagswahlen der Erfolg der AfD mit vergleichbaren Ergebnissen wiederholt – mehr oder weniger unabhängig von der Wahlbeteiligung, wie ich befürchte.

    • So dachte ich wohl auch lange Zeit: „Lasst sie mal machen, sie werden sich schon selbst demontieren“. Davon bin ich abgekommen und zwar deshalb, weil Dummheit sich unvermeidlich politisch auswirkt in Form von Zugeständnissen und faulen Deals. Ernsthaft betriebene Politik steht auf diese Weise immer unter Druck, „Schlimmeres“ verhindern zu wollen.

    • Liebe(r) Gegenrede, ich neige da zu Karthagas Einschätzung. Klar, die Kommunalwahlen sind nicht das Ende der Fahnenstange. Aber das „Demaskieren“, wie Sie es nennen, hat doch längst stattgefunden. Vor ein paar Jahren hätte ich mir nicht vorstellen können, was sich manche Politiker:innen dieser Couleur inzwischen trauen, öffentlich zu propagieren. Das brauche ich mir nicht mehr in klein anzuhören, um zu wissen, mit wem ich es zu tun habe.
      Nein, das Unheimliche ist, dass die Notwendigkeit des sich mit Unterkomplexität arrangieren-müssens (gibt’s das Wort eigentlich?) ständig zunimmt. Im großen Maßstab ebenso wie im kleinen.

      Anyway, ich hoffe, Sie haben Recht!

    • klar gibt es das attribut unterkomplex aber das verb demaskieren trifft es nicht im politischen meinungsgequatsche ähem meinen ähem wähnen ähem spekulieren ähemähemäehem.

      ich sehe da keine maskerade.

      ( vielleicht maskiert echter faschismus oder demaskiert faschisten, wie maskulin oje : letzteres bitte nicht )

  3. Medaille In der Tat, vieles an dem, was die AfD so von sich gibt, erinnert an den Mief der 50er und einige Äusserungen vom rechten Rand sind schon wirklich sehr bedenklich und ekelerregend.

    Aber es gibt, wie immer, zwei Seiten einer Medaille. Z.B. wurde neulich auf einer Pressekonferenz die nahezu täglich vorkommenen Übergriffe von Migranten gegen junge Mädchen, gerne in Schwimmbädern, thematisiert.
    Das oft vorgetragene Argument, das seien „Einzelfälle“ rechtfertigt m.E. nicht das Totschweigen dieses Themas, sowie die fehlende Empathie mit den Opfern.
    Desweiteren wurde angeregt, sich geostrategisch wieder mehr an Russland anzunähern. Ein sehr wichtiger Punkt, wie ich finde. Es ist nicht im Sinne insbesonderes Europas, dass die Amerikaner und die Saudis, zumindest in erster Linie die zuvor genannten, fröhlich Teile des Nahen Osten mit Krieg und Terror überziehen. Ich würde es sehr begrüssen, wenn sich Europa etwas von den USA emanzipieren würde und eine Annäherung Russlands würde das m.E. begünstigen.
    Und dann wäre da noch der Punkt einer Demokratie mit bundeweiten Volksabstimmungen in Anlehnung an die Schweiz.
    Ich vermag nicht zu erkennen, dass vorgenannte Themen ernsthaft von einer anderen Partei verfolgt würden. Ob die AfD dies tut wird man sehen, ich bin, was diesen Punkt angeht, ganz guter Hoffnung, dass da wesentlich mehr kommt als von den anderen.

    Was das Thema Migration angeht, kann ich das Verhalten unserer Regierung in keinster Weise nachvollziehen. Warum unsere Solidarität, die Syrer mal aussen vor gelassen, nun unbedingt arabischen Jungmännern mit Wohffühldefizit gelten soll erschliesst sich mir nicht. Warum nicht einer Näherin aus Indien oder einer Familie aus Vietnam, die mit einer Handvoll Dollars im Monat auskommen muss?

    Ich war vor Jahren mal in Ägypten und ich muss sagen, ich habe voll das Gruseln unter den Muslimen gekriegt. Keine einzige Frau weit und breit, in Kairo mal ganz vereinzelt, selbstverständlich in voller Montur.
    Keine Ahnung woher die nahezu grenzenlose Toleranz von weiten Teilen der Künstlerszene und der Linken zu dieser absurden, frauenverachtenden Kultur kommt.

    Zuguterletzt möchte ich gerne noch ein Kompliment an Sie persönlich richten. Nein, nicht zur Güte, sondern aus aufrichtigem Respekt. Ihr Verhalten in der Anekdote über die Muskelspiele mit den Jungpaschas war nicht nur sehr amüsant, sondern hat mich auch ziemlich beeindruckt und mir Bewunderung abverlangt.

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