Eigenleben

Fast täglich finde ich neue Formen auf dem Monitor vor. Pixelfäden, die in Gruppen von oben nach unten laufen, dazu Flecken in Schwarz und Purpur. Wie Blüten. Heute – ganz neu – eine Art Pixelpfütze, die an meine Menüleiste heranschwappt. In den ersten Monaten irritierte mich dieses Phänomen, inzwischen finde ich etwas seltsam Inspirierendes daran. Mein Airbook hat eine morphende Macke.

Ich erinnere mich verdammt genau an den Tag, an dem ich es fallen ließ. Kreuzunglücklich war ich. Zittrig. Seitdem hab’ ich viel gefühlt und analysiert und sortiert und irgendwie meine Fäden wieder in der Hand. Meistens. Jedenfalls sieht man mir den schlimmen Tag nicht mehr an.

Die Maschine indes hat einfach weitergemacht. Hat aus der ursprünglichen Macke sehr langsam und kontinuierlich weitere entwickelt. Wird auch nicht aufhören damit: Schon morgen wird die Formation auf meinem Monitor wieder anders aussehen als heute und mehr Fläche einnehmen. Sie hat ein Eigenleben. Sie reagiert immer noch auf die Beschädigung, deren Anlass ich ansonsten längst vergessen gerne verdrängt hätte.

Was für ein merkwürdiges Wort: Eigenleben.

Es gibt immer eine Ebene dazwischen. In der subjektiven Wahrnehmung. Und dazwischen wieder eine. Einer von mehreren Gründen, weshalb mir in letzter Zeit die Worte fehlen: Ich spüre ihre Gleichzeitigkeit dieser Tage so sehr. Und es kostet mich so viel Kraft zu behaupten, eine wichtigste Ebene zu haben. Die, auf der ich denke und handle und im Einklang mit mir bin. Mir ist, als schöben sich diese schwarzpurpurnen Beschädigungen andauernd in mein Sichtfeld, selbst, wenn das Airbook zugeklappt in der Ecke liegt. Ich kann nicht mehr klar denken. Kann nicht sagen, der große Maßstab, in dem ich meinen kleinen aufgestellt habe, gehe mich nichts an. Kann nicht einfach weiterarbeiten, nur weil ich weiß, dass meine Arbeit sinnvoll und gut ist.
Eigenleben.
Je häufiger ich es ansehe, desto unheimlicher wird das Wort. (Gibt es ein Gegenteil dazu?) Politische Prozesse haben ein Eigenleben. Bürger haben ein Eigenleben. Maschinen haben eines. In meinem Eigenleben stimmen die Proportionen. Ich handle auf Basis meiner Lebenserfahrung. Ich kann mir Liebe leisten und Großmut, auch Aggression und Irrtum. Wenn mir mal irgendetwas aus den Fugen gerät, vergehen vielleicht ein paar Tage oder Wochen, manchmal auch Monate, aber dann pack’ ich’s wieder. Ich kann mein Leben auf den Kopf stellen, davon geht die Welt nicht unter. (Schöner Satz, übrigens, hab’ ich seit meiner Kindheit nicht mehr gehört, glaub’ ich.)

Vielleicht geht die Welt aber von zu viel Eigenleben unter? Ich mag es nicht, meinen Maßstab zu skalieren. Es geht mir gegen den Strich, von dem, was bei mir im Kleinen funktioniert, auf das Große zu schließen. Ich kann nicht sagen, ob unsere Regierung die richtigen Entscheidungen trifft. Innenpolitisch – ja. Da kann ich meine eigenen Erfahrungen anwenden, um mir einen Reim zu machen. Stellung zu beziehen. Aber außenpolitisch? Die Lage überfordert mich. Nein, nicht mich, aber meine analytischen Fähigkeiten. Da muss ich zufüttern. Anderen zuhören. Lesen. Doch mit jeder weiteren Information, die wiederum aus einem Eigenleben stammt, wird es unübersichtlicher.

Was vor meiner Haustür passiert …
Aber wie weit weg ist die Haustür? Ein paar Meter? Oder zigtausend Kilometer?
Was ist das überhaupt, eine Krise? Ganze Kontinente fühlen sich aus meiner Sicht wie Krisen an. Die schon so lange währen, dass ich mich – von außen – an sie gewöhnt habe. An Kindersterben und Smog, an die Beschneidung junger Mädchen mit Glasscherben, die Vernichtung von Tieren, Regenwäldern, Lebensräumen, an grausame Regimes und junge Menschen, die für die Zwecke von älteren Menschen wie Brennholz verheizt werden.

Ist alles schon die ganze Zeit da. Und wenn nicht unablässig irgendwelche Menschen, die ich nicht kenne, mit Methoden, die mir nicht ersichtlich sind, daran arbeiten würden, dass diese Krisen nicht vollends auf mich überschwappen, wäre mein Leben nicht das, was es ist.

Es gibt Stellvertreter, die große Krisen managen, damit ich mich weiter mit meinen kleinen beschäftigen kann. Es gibt auch Stellvertreter für die Analyse dieser Krisen und welche, um die Gefühle zu beschreiben, die sie hervorrufen. Ich hab’ zunehmend den Eindruck, ich bin verdammt privat. Fühlt sich komisch an.

33 Gedanken zu „Eigenleben

  1. das für mich private gefühl ist ein permanentes – allerdings eher subliminal verlaufendes – gefühl der machtlosigkeit / entmachtetheit / ohnmächtigkeit hinsichtlich kriegerischem „weltwahnsinn“.

    krisenmanagement, krisenintervention, gar noch die balance der sozialen schere erhalten : vorbild sein wollen im stets relativen ( rivalen „et“ ? )

    unverständlich im unverstehbaren „noch“ :

    es lebe besseres – utopistisches !

    * schön dass sie wieder da sind !!

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