Zu wissen

Glauben, ohne sich dabei schuldig zu fühlen: weil Wissen doch überzeugender wäre, akzeptierter. Das nagende Unvermögen, im Glauben zu verbleiben, ihn als Zufluchtsort anzusehen. Ist er mir nicht. Ist nur das Foyer vor der Halle des Wissens; manchmal verweile ich dort, weil es geheizt ist. Dann, durch die beiden riesigen Flügeltüren, empfängt mich die Halle mit einem solchen Ansturm, dass ich augenblicklich zurück will ins lauschige Foyer.

6 Gedanken zu „Zu wissen

  1. Ach Gottchen… …das “lauschige Foyer” – sehr schön. Ich finde es durchaus legitim, dass man sich mal irgendwo aufwärmt. Ich finde es auch ok, wenn zart Besaitete oder Zeitgenossen mit weniger dickem Fell – oder ich selbst, wenn ich meinen Schutzumhang irgendwo liegen gelassen habe – dort ein Weilchen abhängen. Und mal ehrlich – die meisten würden bei stürmischer Witterung doch den trockenen Sparkassenvorbau der Ghettotonne vorziehen, wenn sie jemals in die Lage kämen, sich entscheiden zu müssen.
    Gibt Schlimmeres. Man muss nur Glauben von (blindem) Gehorsam unterscheiden, denke ich. Dann passt das schon. (Wo kämen wir denn hin, wenn keiner ginge um zu sehen wohin wir kämen, wenn wir gingen…oder so ähnlich!)
    Dazu sagte Albert Schweizer folgendes: Gebete ändern die Welt nicht. Aber Gebete ändern die Menschen. Und die Menschen verändern die Welt.
    (Das Wörtchen “Gebet” ist dabei durchaus offen interpretierbar…)

    Genug gerechtfertigt,

    Julie

    • @Julie Maltrey Gebete, Beschwörungen, Anrufungszauber: interessante Rituale. Ich hab’ zum letzten Mal gebetet, als ich ungefähr zehn war, glaube ich. Seitdem ist es mehr die Idee des Rituals, die mich beschäftigt. Und die Idee der Trance. Also die Vorstellung, aus einem logikbestimmten État in einen anti-logischen zu wechseln. Nicht zufällig, sondern aufgrund einer bestimmten Rituals, einer besonderen Verrichtung.
      Trigger.
      Immer wieder denke ich darüber nach, welche Möglichkeiten es gibt, aus diesem Alltags-Autopilot-Modus auszubrechen und zu bestimmten – möglichst selbst gewählten – Zeitpunkten wirklich bewusst zu sein. Und zwar nicht “bewusst” im Sinne von “konzentriert”, sondern im Sinne von “durchlässig”. Schaffen das nur Krisen, wenn also der Instinkt übernimmt, oder lässt sich diese Durchlässigkeit auch ohne akute Krise herbeiführen?

      Muss das noch einmal besser in Worte fassen.

      “Rechtfertigen”…
      Kein Wort, das ich verwende. Das Recht ist nie fertig.

      ***Phyllis

    • Ein bemerkenswerter Spannungsbogen, der sich da ergibt: vom Glauben zur Durchlässigkeit. Die Funktion des Glaubens stark, fest, von undurchlässigen Mauern umgeben beschützt zu sein, Kraft daraus zu ziehen aber auch Trost, indem das Schreckliche da draußen, das Wissen nicht durchkommt zu mir – und durchlässig als Seinsmodus der alles aufnehmen, aber auch abgeben zu vermag, ein Schwebezustund vielleicht, im Potential höchster Gefährdung aber auch spiritueller (blödes Wort) Erfahrung?

  2. Hm, ich meine, dass man das auch anders herum betrachten kann … Glaube, das ist etwas sehr Persönliches, ob der eigene Glaube nun das Foyer zur Halle des Wissens bildet, oder ob es die Annahme ist, durch die man eintritt?

    Die Annahme, Idee, hirnwärts so überschaubar und von eigenem Netzwerk umströmt und versorgt. Dieses Stückchen Vorstellung,
    das man selbst sich gibt, sich selbst hingegeben – und das ist wahrlich kuschelig warm, 37°C, und nun auf Tournee, das Gastspiel –

    Wissen die Halle, zugig, kühl, die eigene Annahme darin verloren, hm, zumindest wirkt sie so, denn Wissen ist Legion, denn die Halle sagt, dass besagtes Wissen mehr umspannt als das eigene – und das der anderen ist, was das Potentialgefälle ausmacht, dem entlang die Wärme unserer Annahme, unserer kleinen offenbarten Welt ausströmt.

    Jene Halle Wissen kann sehr warm sein, überhitzt, ist sie doch eigentlich nicht viel mehr als der Konsens vieler.
    Und hat die Legion sich auf einen Standard geeinigt, überhitzt die Halle, ist so warm, dass sie lange Wissen wert macht und hält, das uns sagt, die Erde sei eine Scheibe.

    Da ist das kleine bisschen Annahme, dass sie eine Kugel sei und das kleine, auf einen oder wenige beschränkte Wissen über das, was diese Annahme stützt, in Nullkommanichts geflutet und …

    Wie steht es eigentlich um das Wissen, die Halle, geht es um die Heisenbergsche Unschärfe? Wissen ist gerne unumstößlich, fest, und doch ist es das eigentlich nicht. Im bislang bekannten (bzw. eigentlich lediglich angenommenen) Kleinsten ist es das nicht, ist, siehe, Annahme und stützt sich auf Logik und experimentelle Näherung zur Bestätigung der Annahme.

    Die “Halle” besteht also im Kleinsten aus Annahmen, deren Dichte (Menge? … !) vorgibt, was an Raum durch Wissen eingenommen werden kann.

    Glaube (bzw. Annahme [von was oder wem auch immer]) ist folglich wesentlich mehr als ein Foyer, ist ebenso, wie es Teilmenge der Halle Wissen ist, auch das Turmzimmer, in das man sich zurückzieht, um die Sterne zu betrachten, ist der Blick aus dem Fenster, dem das Licht des Novembers, das Gelb des Birkenlaubs und eine Meise mit Sonnenblumenkern zu einem neuen kleinen Ganzen fügt, das frau dann in die Halle entlässt.

    Wissen ist begrenzt, Wahrheit nicht, Wirklichkeit ist begrenzt, jedoch erfüllend.
    Sokrates richtete sich, meine ich, im nagenden Unvermögen begrenzten Wissens ein und betrachtete hieraus/maß daran das Wissen etabliert Wissender

    • Ein schöner, @:Ludwig, Gedankengang. Das Wort “Gedankengang” hab’ ich schon lang’ nicht mehr geschrieben gerade, obwohl es so schön ist wie das, was es bezeichnet. Macht irgendwie einen weg auf, auf dem man voraus, nebeneinander oder hintereinander gehen kann, ohne dass damit gleich eine Wertung verbunden wäre.

      Schade, muss angewandt texten heute, sonst ginge ich noch mehr auf die “Annahmedichte” ein, die vorgibt, was an Raum durch Wissen eingenommen werden kann. Ich stell’ mir das als Vogelschwarm vor, gerade…

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