Energieschub

Bald haben wir ihn wieder hinter uns, den Fußball im großen Maßstab. Mir wird er nicht fehlen, anderen schon, die Aufregung, das kollektive Fiebern, der Ausnahmezustand. Funktioniert für mich nicht, ich hab‘ in meiner Kindheit nie gekickt; es gibt keine Bezüge zu einem jüngeren, ausgelassenen Selbst, die mich sehnsüchtig oder ausgelassen machen könnten. (Oder fachmännisch ; )
Was mich hätte fesseln können, wäre ein komplexer Blick auf das Gastgeberland gewesen, doch der fand ja kaum statt: niemand will mit Ambivalenz und Ausgrenzung konfrontiert werden, während der Ball rollt. (Oder vielleicht doch, und man lässt uns nur nicht?) Stattdessen scheint eine tiefe Dankbarkeit durch die Gemüter zu gehen angesichts der Vereinfachung, die mit diesem Ereignis einhergeht. Klare Grenzen, unterscheidbare Farben, kontextbefreite Ziele. Ich kann dazu nichts sagen, was nicht bereits tausendfach fachmännisch konstatiert (und auch klug widerlegt) worden wäre. Nur dies: Ich bin ebenfalls dankbar. Dass es bald vorbei ist. Und ich hoffe, die Courage zum Aufschrei, die Eindringlichkeit, die Wut und Hoffnung, die kindliche Freude, das Mit-Gefühl und alle die anderen großen Gefühle werden nicht nach Beendigung der „Spiele“ wieder eingepackt, weil sie in der Alltagswelt der Einzelnen nicht mehr angemessen sind. Wie schön wäre es, wenn Intensität auch außerhalb markierter Felder stattfinden dürfte. Wenn man sich traute, auch in komplexeren Zusammenhängen näher am eigenen Empfinden zu sein, klarer zu zeigen, wo man gerade steht. Die Bereitschaft, sich reinzuhängen, obwohl man vielleicht keine dolle Expertise hat, dafür aber ein starkes Motiv. Das klappt ziemlich gut in den Stadien und vor den Bildschirmen. Wenn’s doch nur im realen Leben auch häufiger so wäre.

7 Gedanken zu „Energieschub

    • *lacht* Und ich rolle jetzt erst einmal mit meinen jungen Leuten zu einer Lesung aus ihren selbst verfassten Texten ins Historische Museum: definitiv ein Finale.

  1. Ich wünsch mir, dass die deutsche Mannschaft die Weltmeisterschaft gewinnt.
    Solcher Sieg wäre ein eminenter Anknüpfungspunkt, um den
    Begriff „Wettbewerbsfähigkeit“ in anderem Kontext in Verhandlung
    zu nehmen. Und die Spaltungen, die sich nicht nur durch Gesellschaften
    ziehen, sondern mittlerweile durch Köpfe.
    Toi, toi, toi!

    • @Spürhund Ich zucke beim Wort „Welt-Meister“ unwillkürlich zusammen, egal welche Nation es sich letztendlich errennt, erturnt oder erwirtschaftet. Für Wettbewerbe bin ich ebenfalls latent ungeeignet – ich neige eher zu Vermischungen. *lacht*

  2. Vielleicht fehlt Ihnen … …, um sich für Fußball zu interessieren, nur der dazu passende Mann. 😉

    Schauen Sie sich einfach mal unsere Freundin Elke an. Als sie mit Udo verheiratet war, da liebte sie Grillabende im Garten über alles. Wegen Siegfried ist sie dann von einem Tag auf den anderen Vegetarierin geworden und hat sich Kammerkonzerte angehört. Und mit Herbert läuft sie jetzt am Wochenende zu Schalke, raucht Zigarillo und trinkt Union-Bier aus der Flasche. Ach, fast hätte ich Henning vergessen. Mit dem hat sie gezeltet und Vogelbeobachtungen betrieben

    Also erzählen Sie mir nicht, dass Ihnen Fußball unwichtig sei. Das würde ich erst dann glauben, wenn die Frage, was Frauen eigentlich wollen, endgültig beantwortet ist.

    Und jetzt ins Endspiel!

    • @PHG Da diese Frage (Himmel sei Dank) nie beantwortet werden wird, werde ich mit Ihrem Unglauben leider leben müssen.
      (Auf Ihre Provokation kann ich leider nicht eingehen – mir fehlt’s einfach an Eindimensionalität, um darauf adäquat reagieren zu können ; )

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