Der Magnet

Letzter Ateliertag an der Cité des Arts, morgen steigt Madame in den Zug: so schwer bepackt, dass ihr trotz der zweifellos vorhanden physischen Kräfte vor den physikalischen jetzt schon bange ist. Warum nur musste sie so viel Zeichenpapier kaufen, als gäb’s das zuhause nicht, warum so viele Bücher, Behältnisse, Tintenreibesteine? Die innere Concierge hat immer nur den Kopf geschüttelt, doch da war nichts zu machen.
Papier, wie sich nicht zum ersten Mal herausstellt, ist sackschwer, doch Madame braucht es. Könnte ja sein, dass genau jenes, welches sie unbedingt braucht, um im heimischen Atelier nahtlos an die Arbeit anzuknüpfen, dass also genau dieses Papier nicht erhältlich, oder nur schwer erhältlich ist, bei Boesner, in Frankfurt, der, das muss gesagt werden, eine unglaublich große Auswahl hat. Und alles andere bestellen kann.

Doch darum geht’s nicht. Ein längerer künstlerischer Arbeitsprozess ist wie ein Stück Metall, das sich nach und nach auflädt, bis es sich in einen Magneten verwandelt hat, und alles, was im Zuge dessen heranrückt, Ideen, Gegenstände, Arbeitsmaterialien, hängt am Ende an ihm fest. Ich muss alles mitnehmen, sogar einen Teppich hat sich der Magnet geschnappt, ohne den Madame nun nicht mehr leben kann.
Tja.

Viel erzählt währenddessen habe ich Ihnen ja nicht, geschätzte Leser:innen. Es war einfach keine Schreibphase; Schreiben und Zeichnen gleichzeitig funktioniert für mich nicht. Einige Texte sind dennoch entstanden, mal sehen, wie sie hier einfließen. Bei einigen fehlt mir die Courage, sie öffentlich einzustellen, sie sind in ihrer originalen Form zu intim, da muss ich nochmal ran. Womit wir dann wieder beim Unterschied zwischen ehrlich und authentisch wären.

Und nun nehme ich die Zeichnungen von den Wänden und beginne mit Putzen und Packen, auch wenn ich’s eigentlich nicht einsehe, doch am Montag starte ich in eine Seminarwoche im Weltkulturen Museum, da brauche ich das Wochenende als Dekompressionsphase. Viel Seminararbeit in den kommenden Monaten, viel Sprechen, viel Energietransfer. Aber den Magneten nehme ich mit!

Herzlich, melancholisch, zuversichlich, Ihre
Madame TT

8 Gedanken zu „Der Magnet

    • Ich kam auch nur drauf, weil ich mal in einer WG mit einer Frau (die dann später Lehrerin geworden ist – von wegen Pragmatismus) zusammengewohnt habe, die hat auf ihren Reisen am Ende immer ihre Schmutzwäsche zu ihrer Mutter geschickt. An so was muß man wirklich erst einmal zu denken wagen, aber hallo!

  1. Mögen die Eulchen weich landen! (co. Co.)

    Ich genieße jedesmal den ins Bild hineingefalteten Humor.
    Macht mich den ganzen Tag lächeln : )

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