Flapflap

Ich verrate Ihnen etwas: Das „Vorher“ – Foto von gestern war gestellt, und auch die Trainerin ist wohlauf.
Sie hat drei Codewörter eingeführt: „Grumpy“ für mürrisch, „Flapflap“ für kindisch das innere Küken und „Pffffft“ für „die Luft ist raus“… : )

Schönen Tag, allerseits!
Herzlich,
THE OWL

34 Gedanken zu „Flapflap

    • Viele der größten Highlights in der Geschichte der Fotografie waren gestellt. Das spricht doch nicht gegen die Fotos, Herr Schlinkert! Die Wirklichkeit braucht oft ein wenig „Nachhilfe“.

    • Das Gestelltsein zeugt aber dann von einer anderen Wirklichkeit, nämlich der nachgestellten, theatralen – da wäre ein Ölgemälde oft die bessere, weil authentischere Wahl gewesen (neuerliche Verwirklichung durch den Künstler), nur daß sich Frau Phyllis natürlich weigern wird, ein solches Gemälde herzustellen. Tja.

    • Ich glaube, Sie überschätzen den Wirklichkeitsgehalt von Fotos. Ein Bild ist immer ein Bild, gleich wie es hergestellt wurde. Das Foto entsteht im Bruchteil der Sekunde und wünscht sich in’s Zeitlose hinüber, das Gemälde entsteht über Stunden, Tage, Wochen, und zielt auf genau den einen Moment, den es festhalten will. Will sagen: der Mensch kämpft auf vielerlei Ebenen mit der Welt um ihn herum. Die Verbildlichung, sei es im Gehirn, auf Fotopapier, auf Leinwand oder sonstewo, ist da nur eine Annäherung an die Widrigkeiten „da draußen“.

    • Dann sind wir uns ja einig, denn ich überschätze den Wirklichkeitsgehalt von Fotos keineswegs, ganz im Gegenteil! Ein Foto jedoch gewinnt seinen Bedeutungshof durchaus (auch) durch Informationen, die seine Entstehung aufzeigen, das Gezeigte in den Kontext setzen und so weiter. Ein Gemälde (ein Text, ein Theaterstück, ein Film, eine Skulptur …) ist aber immer auch Zeugnis seines Entstehungsprozesses, des Ringens um Form und Inhalt, so daß solchen Kunstwerken auch diese Wirklichkeit, die des Herstellens, quasi naturgemäß innewohnt. Einem Foto kann so etwas natürlich auch inhärent sein, wenn es sich um ein Kunstwerk handelt. Bei Schnappschüssen und Funktions- und Zweckfotos sehe ich dagegen zwar eine Wirklichkeit, aber eben nur eine ausgesucht minimale.

    • Bleibt die alles entscheidende Frage: Ist das Foto oben ein Kunstwerk oder ein Schnappschuss?? Es zeigt zweifellos eine ausgesuchte Wirklichkeit, aber eine minimale??? Ich finde es sieht ganz schön maximal aus!!

    • Ihnen ist doch sicher die sorgfältige Komposition, das Dreieck Globus – Kopf – Schreibtafel, die den Betrachter sogartig in das Bild hineinziehende leichte Schieflage, und die ungeheure Spannung aus Namensschild (Arbeit!!) und entspannt erleuchtetem Lächeln (Erfüllung!!) nicht entgangen?

    • Selbstredend nicht, mir entgeht sowas selten. Es ist eben ein nettes, zweckentsprechendes Zweckfoto zu Werbezwecken, wogegen nichts zu sagen ist. Insbesondere das mit der „Erfüllung“ ist gut dargestellt.
      (Imgrunde stand mir aber das andere Zweckfoto zunächst vor Augen, das mit den müden Schüler:innen.)

    • Zwecke Reichlich ernsthafte Diskussion hier. Doch ich sitze im Kurs, deswegen nur schnell dieses: Das Bild ist einfach der Schnapp eines Schülers, der wohl dachte, auch die Trainerin sollte mal fotografiert werden. Da wir eine Zeitschrift machen, brauchen wir jede Menge Bilder! Die Schüler:innen sehen genauso entspannt aus, ich schwörs! ; )

    • Mulmig wird da wohl vielen, vor allem, wenn Fälle erwähnt werden, wo ein unbescholtener Mensch, wie das in Diktaturen üblich ist, wegen eines „dummen“ Witzes oder wegen ironischer oder sarkastischer Äußerungen tatsächlich in den Knast kommt und angeklagt wird. Doch aller Mulm darf uns nicht davon abhalten, für die Freiheit (nicht nur des Wortes) einzutreten, ganz egal, was irgendwelche Bundesgauckler in Sonntagsreden sagen oder nicht sagen.

    • kein Grund für Mulm Was technisch möglich ist, wird gemacht. Das war schon immer so. Die Tatsache, dass ich zunächst ungezielt überwacht werde, hebt meinen Adrenalinspiegel kein bisschen.

      Skandalös hingegen ist die Tatsache, dass gegen staatliche Eingriffe systematisch kein ausreichender Rechtsschutz gewährt wird. Das konnte jüngst wieder einmal beobachtet werden, als ein Gericht die beantragte und von der Strafverfolgungsbehörde unterstützte Verfahrenswiederaufnahme ablehnte mit der gewiss wohlerwogenen Begründung, dass im ursprünglichen Verfahren keine Rechtsnorm verletzt wurde. Der Verurteilte bleibt also weiterhin freiheitsbeschränkt unter psychiatrischer Aufsicht.

      Als Hinweis auf die Lächerlichkeit der allgemeinen Empörung (wie viele waren es? 10.000 Demo-Teilnehmer bundesweit?) setze ich noch einen Link auf eine würzige >>>Geschichte, die sich eben erst in Wien zugetragen hat. Solche „Zwischenfälle“ ereignen sich fast täglich. Sie kommen gänzlich ohne jede Überwachung aus – und, was tatsächlich schmerzhaft sein sollte, ohne jede öffentliche Aufmerksamkeit. Man muss freilich noch wissen, dass es in Österreich seit der letzten großen Reform der Strafprozessordnung keinen Untersuchungsrichter mehr gibt, um das akute Gefährdungspotenzial für ahnungslose Bürger zu ermessen.

      Wenn man in die Überlegung mit hinein nimmt, dass der pauschalierte Schadenersatz = Haftentschädigung für ungerechtfertigt verhängten Freiheitsentzug, die U-Haft zählt selbstverständlich dazu, gerade einmal € 25 je begonnenen Tag beträgt und davon derzeit € 6 pro Tag für „Betreuung“ und Verpflegung einbehalten wird, kann einem die phantasierte Bedrohung der persönlichen Freiheit durch staatliche Überwachung herzlich egal sein. Wie es auch egal zu sein scheint, dass wohlhabenden Mitbürgern rechtmäßig gestattet wird, sich dem Freiheitsentzug mittels U-Haft durch Hinterlegung einer erklecklichen Summe Geldes als Kaution zu entziehen.

      Man muss sich nun wirklich nicht vor der Flut fürchten, während man sich bereits vollständig unter Wasser befindet.

      (meinen Kommentar würde ich gerne als Beitrag zur Relativierung verstanden wissen wollen)

    • @Norbert Habe eben schnell ein paar Synonyme für „unbescholten“ nachgeschlagen:
      anständig, ehrenhaft, ehrlich, einwandfrei, integer, loyal, ordentlich, rechtschaffen, redlich, sauber, sittlich, unbestechlich, untadelig, wacker, zuverlässig.

      Scheinen mir fast alles Eigenschaften, die sich unter Dauerbeschuss befinden.

    • @KOMBINA: Nun ja, irgendwann war es technisch auch möglich, Menschen industriell und ganze Städte mit nahezu allen Einwohnern mit einer einzigen Bombe zu vernichten, es ist auch möglich, mit biologischen Kampfstoffen unzählige Menschen umzubringen und so weiter – die technische Machbarkeit ist für mich kein Argument, denn damit könnte man ja, wenn man am längeren Hebel sitzt (und wer sitzt da?), alles rechtfertigen. Ich jedenfalls bestehe auf meinen Rechten und will weder verdachtsunabhängig überwacht werden noch in einer wie auch immer undemokratischen Gesellschaft leben, und natürlich auch nicht in einer, in der die Justiz nicht rechtsstaatlich funktioniert. Was die Anzahl der Teilnehmer an den Demos angeht, so ist zwar die allgemeine Lethargie erschreckend (ich frage mich, ob das Merkel-Regime es schon geschafft hat, aus Bürgern Untertanen zu machen), doch zu anderen Zeiten hat es in Umbruchssituationen auch nicht sofort Riesendemos gegeben – wenn aber das Bedrohungspotential erstmal in den Köpfen angekommen ist, wird hoffentlich auch eine Gegenwehr einsetzen gegen die Aushöhlung der Grundrechte! (Ich wünschte, man wüßte, wen man wählen könnte!) Und damit wir uns nicht falsch verstehen, ich bin selbstverständlich dafür, gegen Terror und Schwerstkriminalität vorzugehen, aber mit angemessenen Mitteln und eben nicht so, daß das zu Schützende immensen Schaden nimmt und nach und nach zu einem Polizeistaat und zur Diktatur verkommt – das wäre sozusagen relativ das Beste und dürfte auch eine der wesentlichen, eigentlichen Aufgaben des Staates sein!

    • @Phyllis Das gegenseitige Vertrauen beruht ja auf der Annahme, daß Jede/r mehr oder weniger so ist, nämlich anständig, ehrenhaft, ehrlich, einwandfrei, integer … Natürlich weiß aber auch jeder, daß es Regeln des Miteinanders geben muß, weil diese Annahme nicht immer richtig sein kann, so daß also fast alle diese Regeln imgrunde akzeptieren. Was wird aber sein, wenn der Staat alle für potentielle Regelbrecher hält, also der Einzelne seine Unschuld dauernd beweisen muß bzw. sie ihm bewiesen wird, indem der Staat nicht gegen ihn vorgeht – wie gehen dann die Menschen miteinander um, was denken sie voneinander, wie steht es mit der Unschuldsvermutung vor Gericht, welchen Status bekommt ein Datenverweigerer zugewiesen und und und? Ich finde die Lage durchaus ernst, und wenn die meisten Menschen das nicht begreifen, dann muß man es ihnen begreiflich machen, weil durch diesen Dauerbeschuß die Grundlagen unserer Gesellschaft beschädigt werden.

    • @Kombina Ja, stimmt: Was technisch möglich ist, wird gemacht. Mit Demonstrationen oder Wahlen (…!) lassen sich gewinnträchtige Prozesse solchen Ausmaßes nicht stoppen. Mit welcher großen Idee träte man der Maximierung und der Optimierung denn entgegen? Die großen manipulativen Strukturen sind Spiegel der kleinen und umgekehrt. Scheint mir. Zugegeben, ich hatte einen langen Tag.

    • @Phyllis Ich hingegen bin ganz und gar sicher, was die eigentlichen Grundlagen unserer Gesellschaft sind, und eben diese sind ja in Gefahr! Ich glaube, daß das Nichternstnehmen dieser Gefahr in weiten Teilen der Bevölkerung daher kommt, daß die einen unter struktureller Unterdrückung zu leiden haben (keine Arbeit, zu viel Arbeit, zu wenig Geld usw.), während die anderen unter den Folgen ihrer Wohlstandsverwahrlosung leiden, ohne – und das ist das Perfide und macht das eigentliche Wesen derselben aus – dieses Leiden als solches zu erkennen.

      Schlafen Sie gut!

    • Nur mit Sprache @Phyllis kann den manipulativen Strukturen entgegengetreten werden: klar, unverstellt, schonungslos und mit unerschöpflicher Beharrlichkeit. Und mit noch mehr Bildung (damit meine ich jene im Humboldt’schen Sinne)

      @Norbert W. Schlinkert
      Bitte legen Sie noch dar, was Sie als die eigentlichen Grundlagen der (deutschen?) Gesellschaft ansehen. Ich möchte mich sehr gerne und sehr ernsthaft damit auseinandersetzen, ehe ich meine Ausführungen an Ihren bereits offenbarten Gedanken weiterentwickle.

      Doch nun entschwinde ich ebenfalls in meine Gemächer…

    • @KOMBINA Kurz gesagt sind es die Grundrechte, in enger Verknüpfung mit den Menschenrechten (und den Grundlagen der demokratischen Grundordnung), die jeder Bürger subjektiv hat (besitzt!) und auch, das ist ihm durch diese zum Wohle der Gemeinschaft auferlegt, offensiv einfordern muß, stehen sie infrage. Ich denke, da kann sich jeder selbst ein Bild machen und einfach mal sozusagen Grundlagenforschung betreiben, auch als Selbstvergewisserung gewissermaßen – ich tue das jedenfalls, wenn sich große Fragen ergeben, indem ich nachlese und mir dann meine eigenen Gedanken dazu mache.

      Was mir aber zudem noch ganz wichtig erscheint ist das gedeihliche Miteinander, die Frage, wie wir miteinander umgehen, auch im Alltag, im Beruf, in der Familie (zu den Grundlagen dieses Gedankens siehe hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Decorum#Decorum_in_Gesellschaft_und_Politik) – eben dieses zivile Miteinanderumgehen scheint mir gefährdet, wenn sich das *Gefühl* einschleicht, ohnehin nicht mehr darauf vertrauen zu können, grundsätzlich als unschuldig, unbescholten zu gelten – bis mir denn eine wirkliche Schuld (von den Behörden) nachgewiesen wird – wenn ich denn eine auf mich geladen habe. Nicht ich muß meine Unschuld (ständig) beweisen, der mich beschuldigende Mensch muß dies tun. So muß auch ein Staatsanwalt immer auch die Unschuld eines Angeklagten im Auge haben und darf Beweise dafür nicht unterdrücken, jedenfalls im europäischen Rechtssystem – im us-amerikanischen sieht das anders aus!

      Es stellen sich also Fragen, wie oben bereits angedeutet, ich wiederhole das hier noch mal: Was wird aber sein, wenn der Staat alle für potentielle Regelbrecher hält, also der Einzelne seine Unschuld dauernd beweisen muß bzw. sie ihm bewiesen wird, indem der Staat [noch] nicht gegen ihn vorgeht – wie gehen dann die Menschen miteinander um, was denken sie voneinander, wie steht es mit der Unschuldsvermutung vor Gericht, welchen Status bekommt ein Datenverweigerer zugewiesen …

      So, nun brauche ich aber meinen Morgenkaffee!

    • @Norbert W. Schlinkert Die Aushöhlung der Grundrechte ist bereits in vollem Gange, und zwar seit der Zeit, als sich die nunmehr als „Mainstream-Ökonomie“ (= Neo-Klassik) geläufige Wirtschaftsordnung durchzusetzen begann: seit den ausgehenden 70-er Jahren also. Das sind, wir wollen großzügig sein, mittlerweile 35 Jahre.

      Bevor ich meine Ausführungen fortsetze, will ich Ihr Engagement, Herr Schlinkert, gegen die allgegenwärtige Überwachungsbestrebungen ausdrücklich würdigen. Gleichzeitig will ich die schelmische „Eule“ um Nachsicht bitten, dass ich mir ausgerechnet unter ihrem so strahlenden Lächeln derart viel Raum herausnehme.

      Die Überwachung der Welt durch die NSA ist ein Skandal, keine Frage. Jedoch: ohnegleichen? Man beachte, dass die Grundrechte, wie sie im Grundgesetz normiert sind, unter tosendem Beifall einer saturierten Mehrheit seit vielen Jahren konsequent missachtet werden. Um nicht vollends auszuufern, beschränke ich mich auf wenige ausgewählte Grundrechte, die Sie, mit vollem Recht, als Grundlage der Gesellschaft ansehen.

      Artikel 1, Absatz 1 des Grundgesetzes
      Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

      Sanktionen gegen Menschen, welche von der Grundsicherung existenziell abhängig sind, verstoßen in himmelschreiender Weise gegen das erste und wichtigste gesatzte Grundrecht. Die Höhe der Grundsicherung selbst ist bereits eine Missachtung der Menschenwürde. Als Beispiel führe ich plakativ an: Sex. Sex kostet Geld, so oder so. Für alleinstehende Grundsicherungsempfänger:innen ist dieses elementare Lebensbedürfnis de facto außer Reichweite gerückt. Schon mit ihrer Einführung ist die Konformität mit dem Grundgesetz der „Agenda 2010“ in Frage gestellt. Dieser anerkannt strittige Punkt wurde bis heute nicht abschließend höchstgerichtlich geklärt. Stattdessen wird rechtskonform (= gerichtlich bestätigt) eine Mitarbeiterin eines „Jobcenters“ vom Dienst suspendiert, weil sie sich beharrlich weigert, Sanktionen gegen existentiell Bedrohte auszusprechen. Wie konnte es zu solchem Paradoxon kommen und weshalb sollte dies von weniger Belang sein, als die bekannt gewordenen Überwachungsaktivitäten?

      Artikel 14, Absatz 2 des Grundgesetzes
      Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.

      Wie kann es hingenommen werden, dass der volkswirtschaftliche Sektor der privaten Haushalte sein Vermögen um, der Größenordnung nach, 150.000 Millionen Euro jährlich, nochmal: Jahr für Jahr! mehrt, während mittlerweile etwa 10 Millionen Erwerbstätige im sogenannten Niedriglohnsektor (das sind maximal 2/3 des Medianeinkommens und damit im Bereich der manifesten Armut angesiedelt) um ihr tägliches Überleben kämpfen? Eigentum verpflichtet, ja: Aber wen? Das „Eigentum“ wird schamlos dazu missbraucht, um notleidenden Volkswirtschaften, denen aus reiner Gewinnsucht Kredit geben wurde, ein vernünftig unargumentierbares und deshalb unhaltbares Oktroy umzuhängen. „Die sollen gefälligst sparen, wie wir das getan haben“, heißt es allenthalben. Eine saturierte Mehrheit applaudiert dazu. Die sechs Millionen „Aufstocker“ zu Hause dürfen sich ihren Teil denken, wenn sie denn die Muße dazu hätten. Dass solches Gebaren gegen einen weiteren eigenen Grundsatz verstößt, soll explizit erwähnt sein:

      Artikel 1, Absatz 2 des Grundgesetzes
      Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

      Wenn das Deutsche Volk durch die systematische Missachtung der eigenen Grundrechte existenzbedrohende Ungleichgewichte im Kontext der Europäischen Währungsunion evoziert, ist Empörung über durchaus gerechtfertigte amerikanische Ängste und deren Auswirkungen, i.e. allumfassende Überwachung, nicht viel mehr, als ein Sturm im Wasserglas. Eine schmerzliche Verkennung der europäischen Lage.

      Sie werden mir bestimmt glauben, dass ich anhand des Grundgesetzes noch einige ätzende Argumente in die Diskussion einbringen könnte. Davon möchte ich aber absehen, da ich auf einen anderen Hinweis Ihrerseits eingehen möchte. Sie führten das „Decorum“ an.

      So sehr es mich drängt, Ihnen emotional zuzustimmen, darf nicht übersehen werden, dass ein „Decorum“ unterschiedlich ausgestaltet ist. Nicht nur zeitlich und räumlich, sondern auch soziologisch muss es differenziert betrachtet werden. Der Status Quo in D lässt sich in diesem Zusammenhang indes anschaulich dadurch charakterisieren, dass an den Rändern der Gesellschaft, oben wie unten, Dissozialität zunehmend raumgreifend in Erscheinung tritt. In beiden Randgruppen existiert dennoch ein wenigstens rudimentäres „Decorum“. Es hilft bloß nichts.

      Das „abgehängte Prekariat“ hat in der handfest gewordenen Zwangslage wahrlich keine Veranlassung mehr, sich einer umfassenden Wertegemeinschaft zugehörig zu fühlen, weil sich’s die Menschen schlicht n i c h t leisten können. Die „oberen Zehntausend“ haben ebenfalls keinen Grund dazu; aber gerade deshalb, w e i l sie es sich leisten können. Diese gesellschaftliche Grätsche wird nicht nur die Mittelschicht, sondern auch Teile der Ober- und Unterschicht über kurz oder lang zerreißen. Der große Knall ist maximal fünf Jahre entfernt, wenn die unselige „Schuldenbremse“ auf Länderebene generell wirksam wird. Da kann Frau Merkel sich auf den Kopf stellen, es wird nicht helfen.

      Der innere Zusammenhalt in Deutschland wird schlagartig verloren gehen, sobald für die unbeirrbar angestrebte Exportweltmeisterschaft der Schlusspfiff ertönt. Eine unsteuerbar berstende Währungsunion wird die Arbeitsplätze in der aberwitzig aufgeblähten Exportwirtschaft sprichwörtlich „über Nacht“ abschmelzen wie einen Eisberg im Zentrum der Sahara. Explodierende Arbeitslosenzahlen und Massenverelendung, wie sie derzeit am Südrand Europas studiert werden kann, werden schließlich die von Ihnen angeführte Umbruchsituation bahnen. Vor dem möglichen Ergebnis, verzeihen Sie bitte, graut mir wirklich.

      Um meinen Sermon auf den Punkt zu bringen: Wer kurzfristig tot sein wird, hat keine Veranlassung, über langfristige Lebensbedingungen nachzudenken. Insofern erachte ich die Diskussion um die Auswirkungen der NSA-Aktivitäten als völlig disproportional – nicht ungerechtfertigt, wohlgemerkt, sondern eben disproportional.

      (@Phyllis: darf fortgesetzt werden?)

    • @Kombina Selbstverständlich können Sie Ihre Überlegungen und Folgerungen hier fortsetzen – auf TT gibt es keine Vereinbarung, nur kurze Beiträge zu schreiben. Ich selbst werde allerdings nicht in angemessener Ausführlichkeit auf Ihren Beitrag reagieren können, da meine Ausdrucksformen andere sind.

      Was mir an Ihren Überlegungen einleuchtet, ist, dass man sich in der Regel von Phänomenen bedroht fühlt, die aktuell skandalisiert werden – während man längst in einem Ausnahmezustand lebt, der in vieler Hinsicht ebenso skandlös wäre, hätte man sich nicht irgendwie arrangiert.

    • @KOMBINA Ich habe mit voller Absicht „naiv“ mit dem Decorum und den Werten des Grundgesetzes argumentiert, weil mir das, was Sie ganz richtig an Fakten und Argumenten anführen, auch seit längerem vage (also nicht selbst erarbeitet) aus der Zeitungslektüre bekannt ist, bzw. mir selbst auffällt. Da schadet es nicht, sich mal ganz naiv das Fundament unseres Hauses anzusehen!

      Ansonsten gilt: ich wundere mich über gar nichts mehr, weder darüber, daß wir in Deutschland nicht in einem souveränen Nationalstaat leben und also die Bevölkerung seit Jahrzehnten von gewählten Volksvertretern betrogen und belogen wird, noch über alltägliche Verteilungsungerechtigkeit, die zwar offen ersichtlich und auch offen angesprochen wird, dennoch aber sich zu verstärken scheint.

      Die Grundlage allen Unglücks, Sie weisen zu Beginn Ihrer Ausführungen darauf hin, ist ohne Zweifel die Anpassung aller Lebenswirklichkeiten an Marktmechanismen – was sich nicht rechnet, wird wenn möglich repariert (Psychoanalyse und -pharmaka), wenn nicht, wird es verhökert, verschoben und vernichtet – mal geht das im Geheimen vor sich, während es ansonsten unter Berücksichtigung des „guten Rufs“ zu geschehen hat, der zwecks Gewinnmaximierung keinen Schaden nehmen darf. Drang in früheren Zeiten das Religiöse in den letzten Winkel des Privaten und Intimen, so arbeiten die Unternehmen wie moderne Kirchen daran, eben dies ebenso und besser zu bewerkstelligen – sie sind aus ihrer Sicht auf einem guten Weg. Daß Grund-/Menschenrechte da entweder stimmig ins Portfolie eingefügt oder quasi unter den Hochglanzteppich gekehrt werden, versteht sich da von selbst. Auch Kanzler Schröders Satz „Es gibt kein Recht auf Faulheit“ ist insofern auch als ein „Wollt ihr den totalen Krieg aller gegen alle“ zu interpretieren – perfide nur, daß der heutige Hofnarr Putins ein Recht auf Bereicherung mit allen Mitteln für sich selbst ganz selbstverständlich in Anspruch nimmt, während in Deutschland Millionen Menschen von ihrer Arbeit nicht angemessen leben können als Folge seiner Politik!

      Die Diskussion um die Auswirkungen der NSA-Aktivitäten sehe ich allerdings nicht als disproportional an, sie ist eher noch zu klein, allerdings dürften dadurch die anderen Diskussionen (Umgang mit Asylbewerbern, Meeresverschmutzung, Massentierquälerei, wirkliche Gleichberechtigung, auch natürlich Extremismus, Terrorismus und Ausländerfeindlichkeit etcpp.) nicht unter die Aufmerksamkeitsschwelle fallen. Um die Sachlage aber noch einmal kurz und vereinfacht festzuhalten: die USA versuchen, die gesamte Menschheit (also auch das eigene Volk) mit technischen Mitteln und mithilfe der darauf aufbauenden Wirtschaftsmacht zu überwachen (Software allein aus us-amerikanischer Hand, Zugriff auf die /Besitz der globalen Kabelverbindungen …) und, ortsabhängig und mit anderen Mitteln, zu unterdrücken – da kann eine Diskussion und der Widerstand gegen solche Bestrebungen nicht groß genug sein! In Orwells 1984 werden nur Parteimitarbeiter streng überwacht, die restlichen Proleten nicht, die werden mit Fußball und anderen Ergötzlichkeiten ruhiggestellt und abhängig gemacht, insofern steigert der Friedensnobelpreisträger Obama die Intensität und macht so am Ende das, was er schützen will, kaputt – was für ein Triumph für Terroristen, denen so etwas sicher wunderbar in den Kram paßt, denn ist deren erstes Ziel nicht die Verunsicherung und Destabilisierung des ungeliebten Westens?

      Sex halte ich übrigens für Privatsache, selbst wenn er Geld kostet – Fußballgucken und Motorradfahren kosten auch Geld (und machen meist auch mehr Spaß), sollten aber ebenso privat sein. Hätten alle in Deutschland ausreichend Geld für ein würdiges Leben, so stellte sich diese Frage auch gar nicht!!!!

      So weit. Entschuldigen Sie die nicht so scharfsinnige Argumentation, aber ich leide im Moment an einer Unterversorgung mit Glückshormonen, also nichts, was die Marktwirtschaft zum Kauf bereithielte. Oder doch? Natürlich! Ich nehme jedoch keine synthetische Ware und treff mich auch nicht mit Psychoquatschköppen oder Pfaffenheinis, denn ich bin gesund (wenn auch übellaunig) und ringe einfach weiter mit mir und der Welt und meinen Texten!
      http://www.sueddeutsche.de/politik/internet-ueberwachung-durch-gchq-nsa-zahlte-millionen-pfund-an-britische-spione-1.1736937
      http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/xkeyscore-wie-die-nsa-ueberwachung-funktioniert-a-914187.html

    • @Norbert W. Schlinkert Ich habe nicht das geringste Interesse daran, Übellaunigkeit zu fördern, bitte glauben Sie mir das. Aus diesem Grunde habe ich einige Zeit darüber nachgedacht, ob ich den Dialog überhaupt fortsetzen soll. Am Ende hat sich aber mein Vertrauen in meine sprachliche Redlichkeit durchgesetzt.

      Ihrer zusammenfassenden Beschreibung der amerikanischen Hegemoniebestrebungen, vor allem aber der rhetorische Schlussfrage dazu, ist nichts Vernünftiges entgegenzusetzen. Lediglich die kleine Anmerkung darf angebracht werden, dass der NSA verfassungsrechtlich verboten ist, Amerikaner zu überwachen. Das macht die Angelegenheit erst so richtig pikant, wie ich meine.

      Den wachsenden Widerstand gibt es bereits und die Amerikaner nehmen ihn ernst. So sprach ich in meiner vorigen Einlassung von berechtigten Ängsten der Amerikaner, denn sie bedenken ganz offensichtlich: „Wenn ich jemandem die Zähne einschlage, muss ich damit rechnen, dass der nun Zahnlose sehr heftig zurück schlägt.“ Mit dieser Einschätzung liegen sie, empirisch belegbar, nicht daneben. Genau das halte ich für den wesentlichen Grund, dass sich ein weltumspannendes Spionagenetzwerk entwickeln m u s s t e. Am sichersten ist man schließlich immer noch unterwegs mit einem ordentlichen Informationsvorsprung. Das geht über Terrorismusabwehr oder die Verhinderung von Straftaten allgemein weit hinaus und greift tief hinein in den Wirtschaftsbereich.

      Das Disproportionale an der allgemeinen Empörung erkenne ich in der Individualität. Beim Informationschöpfen der in Rede stehenden Dimension liegt nicht das Individuum unter dem Mikroskop eines geheimdienstlichen Interesses, sondern gesellschaftliche Aggregate. In eine Analogie überführend würde ich’s erläuternd so beschreiben: Der Kontostand eines einzelnen Individuums hat keine Bedeutung für mich, dennoch brauche ich diese Information von jedem Individuum, um mir ein volkswirtschaftliches Gesamtzustandsbild, eben das Aggregat von Interesse, zu verschaffen.

      Die Menschen haben Angst vor dem nicht Vorstellbaren und flüchten sich, weit verfehlt, in vorstellbare Projektionen. „Was geht den Geheimdienst mein [überzogener] Kontostand an?“ fragt sich das Individuum empört und pocht energisch auf den Schutz der Privatsphäre. Unterdessen wurde das Individuum, so wollen wir beispielhaft konstruieren, arbeitslos und bezieht fürderhin ALG I. Dass der bis zum Anschlag ausgereizte Überziehungsrahmen auf seinem Konto unangekündigt auf Null gestellt wird und der aushaftende Betrag mit knapper Fristsetzung durch die einheimische(!) Bank eingefordert wird, erschreckt das Individuum zwar unmittelbar. Dennoch beugt sich das Individuum und schiebt das Loch im Konto schuldbewusst mit wasweißichmitwelchenmittlen zu. Dass die eingesetzte Bankensoftware die Zahlungseingänge auf Absender hin abklopfte und aufgrund der Ergebnisse automatisch das Empfängerkonto neu konfigurierte, dagegen wird aus Unwissenheit nicht protestiert. Dass es irgendwann doch hochkommt, ist meist einer Panne geschuldet, wie etwa >>>hier.

      Das „Smart Meter“, der elektronische Stromzähler mit viertelstündlicher Messwertspeicherung und Datenübertragungsfunktion zum EVU, führe ich, ohne es auszubreiten, als ein weiteres Beispiel an, das mit geheimdienstlichen Überwachungsbegehrlichkeiten nicht im geringsten zusammenhängt. Klar ist aber, dass Geheimdienste dieser gesammelten Informationen behufs „Gefahrenabwehr“ habhaft werden wollen – da können wir einiges darauf nehmen. Doch ursprünglich ist’s eine reine liberalisierte Marktfunktion. S o sieht bereits praktizierte Bürgerüberwachung 2.0 aus. Der Markt will es so.

      Wir müssten uns also, um endlich zu einer Synthese zu kommen, bewusst machen, wer denn der Markt und der Staat sei. Ich nehme an, dass niemand widersprechen wollte, dass Markt und Staat wir alle sind. Nach meiner Überzeugung ist genau daran der Hebel wirksamer Gegenmaßnahmen anzusetzen.

      Aus der Gruppendynamik entlehne ich dazu vereinfachend die Grundmechaniken der erfolgreichen Führung: Anreiz (extrinsisch), Überzeugung (intrinsisch) und Bedrohung. Die einzig taugliche Gegenmaßnahme k a n n nur [rechtliche und wirtschaftliche] Bedrohung sein, weil alles andere keinen Gegenwert im Falle des Missbrauchs enthält. Mit anderen Worten: Missbrauch von Überwachungsergebnissen, aber schon deren ins Leere laufende Gebrauch muss Kompensationsleistungen nach sich ziehen, die das betroffene Individuum für den Rest seines Lebens absolut sorgenfrei stellt – ich spreche hier von Millionenbeträgen.

      Unsere derzeit arbeitenden Rechtssysteme leisten das nicht, worauf ich in meiner ersten Einlassung auch mit der verlinkten Geschichte hinwies. Ausgebauter Rechtsschutz und üppige Kompensation nach amerikanischem Vorbild sind meiner Überzeugung nach leichter durchzusetzen, als das Eindämmen aller Überwachungsaktivitäten. Wenn die Gesellschaft auf Überwachung nicht verzichten kann, muss sie eben bluten, wenn’s daneben geht.

      Aktueller Zustand indes ist der, dass bereits eine verabredete Verleumdung ausreicht, um jemanden trotz unabweisbarem, jedoch unberücksichtigtem Entlastungsbeweis in U-Haft zu bringen und ihm den Prozess zu machen. Dass er dort von verwunderten Richtern auf Grundlage dieses Entlastungsbeweises freigesprochen wird, ist ein schwacher Trost. Der Freigesprochene erhält lächerliche Haftentschädigung, muss zudem die Prozesskosten zur Gänze tragen und sich einen neuen Job suchen. Der Anklagevertreter bekommt im schlimmsten aller Fälle eins auf die Mütze. So schaut’s aus mit dem Rechtsstaat.

      Hm, jetzt bin i c h übellaunig ; )

    • @KOMBINA Was den Punkt betrifft, daß sich die US-Amerikaner mittels NSA das „Recht“ nehmen, alle Welt anlaßlos zu überwachen und damit zu kontrollieren und unter Generalverdacht zu stellen, es aber nicht erlaubt ist, die eigene Bevölkerung ohne weiteres zu überwachen: das scheinen dann wohl einfach die britischen Freunde zu übernehmen, wie in dem oben verlinkten SZ-Artikel angedeutet wird. Gesetze scheinen für NSA & Consorten nur zu existieren, um sie umgehen zu können.

      Insgesamt gesehen scheint es mir leider notwendig zu sein, wie in einer Diktatur seinem Leben eine geheimdienstlesbare Oberfläche zu geben, die auf absolute Harmlosigkeit hindeutet, die uns aber nicht wegen ihrer Harmlosigkeit in Verdacht bringt, um so im Schutz dieses Fakes normal leben und arbeiten zu können. [Ein Männercomputer, so einmal ein Polizist in einem Zeitungs-Interview, auf dem keine Pornobilder oder -filme gespeichert sind, ist verdächtig, da muß was gelöscht worden sein. Denkt also daran, liebe Männer, ohne geht gar nicht! Was Frauen unbedingt auf dem Rechner haben müssen, weiß ich leider nicht.]

      Die Sanduhr der Geschichte jedenfalls hat wieder mal eine Drehung gemacht – hoffen wir, daß das Geriesel Sand im Getriebe der Überwachungsextremisten ist! [… und eben nicht die ohnehin viel zu kleine Empörungswelle begräbt!]

      Só, nun aber mit leicht besserer Laune auf zu neuen Taten!

    • @Norbert W. Schlinkert Ein Frauencomputer zeichnet sich durch das bekannte Handtaschen-
      Merkmal aus: es gibt nur einen einzigen Ordner für alles.
      Haben Sie einen angenehmen Tag!

    • So’n Ding, wo zum Beispiel die Ausnahmen von dieser Regel eingeordnet werden – der Ordner ist dann mit „Ausnahmen von der Regel, dass ein Frauencomputer sich durch das bekannte Handtaschen-
      Merkmal auszeichnet: es gibt nur einen einzigen Ordner für alles“ zu beschriften.

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