Farah Days Tagebuch, 11

Freitag, 5. April 2013

Wie Edie als Halbwüchsiger in einem Streit mit seinem Vater zur Pistole griff und einen Schuss abfeuerte. Seine Kugel traf einen Elefanten, der hinter dem Kopf des Vaters auf dem Regal stand, ließ das rechte Ohr der Figur zerschellen und blieb in der Wand stecken.
Viel später nahm Edie den Elefanten an sich und stellte ihn in sein eigenes Regal. Das Elfenbein ist dunkel jetzt, ein Ding mit einem kaputten Ohr.
Edie weigert sich, Geschichten aufzuschreiben, die mit dem Schuss ist die einzige, die er zu Papier bringt. Er datiert nie seine Notate, Zettel in Papiertüten, namenlos, zeitlos, zum Haare raufen.
Er hat nie wieder einen Schuss abgefeuert. Statt sich zu wehren, nimmt er die Kugeln in den Mund und beisst darauf, bis sie flach wie Plomben sind.
Seine Zähne sind schwer geworden.

2 Gedanken zu „Farah Days Tagebuch, 11

  1. spontane Fragen, die sich beim Nachempfinden des Textes formten, will ich notieren, nicht stellen:

    Mit welch’ Vernichtungsgewalt (und -willen) mag Edies Vater den Streit geführt haben?
    Wurden die Beiträge zur und Verantwortlichkeiten für die Eskalation im Nachgang verhandelt?
    Wurde der ursächliche Konflikt jemals gefunden?
    Hatte der Vater eine grandiose Schwachstelle identifiziert, an der er seinen Sohn fortan in Ketten legte?
    Ist der Vater an dem Schuss zerbrochen?
    Wann hat Edie, innerlich schuldgeständig, die Ketten sich selbst angelegt?
    Welche Haltungen sind ihm, Edie, dadurch verwehrt?
    Wie wird Edies “Unfähigkeit” zu bestimmten Haltungen im Umfeld wahrgenommen?
    Welche Auswirkung haben die Wahrnehmungen auf das Verhalten des Umfeldes gegenüber Edie?
    Welche Auswirkung hat das Verhalten des Umfeldes auf Edie?
    Wie erträgt Edie den Druck einer “falschen” Wirklichkeit?
    Wer hat Angst vor Edie?
    Möglicherweise er selbst am meisten?

    Ein Schuss löst sich und im eintretenden Beziehungstod erstarrt der Konflikt gleich unbefehligter Muskulatur, drängt sich mir bildhaft auf. Wie ein Krimi liest sich der Text. Offen bleibt am Ende, ob Edie die Möglichkeit finden wird, sich selbst die Notwendigkeit zur Notwehr zuzugestehen. Ich fürchte: nein. Der Elfenbeinelefant scheint mir ein Mahnmal zu sein, das Edie sich sehr bewusst bewahrt.

    • Wollte Farah ihr Tagebuch als “Steinbruch” für einen zu schreibenden Roman verwenden, wären diese ganz großartige Fragen, die sie sich zu ihrer Hauptfigur stellen würde. Danke für diesen Kommentar, Zaungast. Er gibt Farah und mir viele weitere Fragen auf.

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