Farah Days Tagebuch, 9

Montag, 28. Januar 2013

Wovon ich schreiben könnte.

Als erstes natürlich: über Cremediebinnen.
Dann über Berg, der ständig nach Öl riecht, den Gebieter über die – nein, alle – verpassten Augenblicke. Das unschlüssige Gespräch mit der mächtigsten Frau der Stadt. Der schwarze Mann mit dem Totenkopfring fällt als Thema durch (zu vorhersehbar), nicht aber, warum Kunstausstellungen langweilig sind und warum sie das einzige sind, das langweilig ist. Die Frau, die langsam älter wird, die sich immer im Gesicht zwickt. (Warum?) Die schönsten Worte der letzten fünf Jahre. Armut und ihre Auswirkungen. Mutwilligkeit und ihre Auswirkungen. Der Atem, den der langjährige Geschäftsfreund ausstößt, als er zum ersten Mal ihre Hand auf seinem Schwanz spürt. Die unsägliche Energie, die der Tod eines Familienmitglieds freisetzt. Ein paar kleine, grandiose Tricks, um Komplexität auszuhalten. Grundlose Aggressionen gegenüber Leuten, die allzu versiert sind. Über Untermalungen, in jeder Hinsicht. Die private Aufzeichnung: was sie bedeutet, was sie verhindert. Die Sehnsucht danach, nicht zu sprechen, sondern gesprochen zu werden. Der Auftritt im Kultursender der Stadt und warum es unabdingbar ist, eingeführt zu werden. Über Einführungen. Von der Schwierigkeit, sich zu konzentrieren und der Angepisstheit gegenüber jenen, die das besser können. Vom Pop in der Literatur (als Klanginstallation), die Sehnsucht nach Unterwerfung, die Fetische der Saison und warum gerade sie. Alte Freunde bei alltäglichen Verrichtungen beobachten, ihre Bewegungen studieren, Kleider, Gesten, Accessoires. Warum Henry Jagloms ‘New years day’ ein erwähnenswerter Film ist. Exibitionismus: Warum es verboten ist, aus dem Tagebuch vorzulesen. Warum es bei allem und jedem und immer untendrunter um die Vereinnamung (nein, kein h) von Zeit geht und wie unterschiedlich sie bei den einzelnen ist. Die einfache Sprache könnte Rettung sein. Das Ei muß auf: dafür ist die kleine Säge am Schnabel da. Die Schwierigkeit, sich einem möglichen Erfolg zu stellen. Männerfreundschaften: wie zwei aufeinanderfallen. Wie ich mir immer gewünscht habe, jemand würde Arsch, Bauch und Hinterkopf mitfühlen, die unausgesprochenen Ideen, das Ticken der Muschi, das Gewicht der Brüste, die unglaublich unzähligen Formen weiblicher Nervosität: unmittelbar. Eine Situation beschreiben, in der Vertrauen entstand. Eine schöne Frau beschreiben, von der sich erst am Schluß herausstellt, daß man sich selbst damit meint.
Ein Wort beschreiben, als wäre es ein Bild. Die verwahrloste Wohnhöhle eines älteren, fernsehsüchtigen, menschenscheuen Mannes, der trotz ausufernden Pornokonsums ein Gentleman ist. Harten Sex sentimental beschreiben, den ersten Kuss wie einen Verkehrsunfall beschreiben. Ein Plädoyer schreiben für das Warten: Endlich Partei ergreifen für das Warten. Das Handeln hat weißgott schon genügend Staranwälte. Befangenheit: Wahrscheinlich die schlimmste Hemmschwelle von allen. Sätze, die einem gelegentlich unterkommen, die so abgefahren gut sind, daß man sofort mit der Person ins Bett gehen würde, die sie geschrieben hat, ganz gleich wessen Geschlechts. Was man macht, wenn man einer Situation nicht mehr entrinnen kann. Eine Liebeserklärung, an alle überdimensionierten Körper gerichtet. Jedem einen besonderen Namen geben, und jenen, die keinen verdienen, einen geben, der genau das ausdrückt. Die Höflichen mögen ihre eigene Höflichkeit mehr als die Menschen, denen sie sie angedeihen lassen.
Ein Haus erfinden: Ein einziges. Der Körper sollte auch mal über den Geist siegen dürfen, darf er aber nie; umgekehrt wird ein (Hemm)schuh draus.
‘Warum läßt du sie dann nicht endlich fallen’: Sich zu trennen von Menschen, die das Neue in dir nicht sehen. Der Duft des Geschlechtsteils nach einem langen, arbeitsreichen Tag, warum es nicht belanglos ist, wie man seinen eigenen Geruch empfindet. Was macht der Dichter? Er verbindet Wortwurzeln aus 1000 Plateaus, das ist das Zauberhafte, damit kriegt er uns. Das Bild einer Frau, die die Traurigkeit in ihrem innersten Wesen kompetent in Schach hält, wie viele Partien und Eröffnungen sie auswendig gelernt hat, was für einen Beruf sie ausübt. Die Vorstellung, daß Vater und Tochter gleichzeitig einen Roman über die gleiche Familie schreiben. Mosaikromane: mehrere Autoren schreiben innerhalb einer verabredeten Welt, jeder steuert eine oder mehrere Figuren bei, die auch von den anderen benutzt werden dürfen. Wie es sich anfühlen würde, in die Obhut eines reichen Mannes zu geraten: sind die Gelenke schmal genug? Frauen, die ausgehalten werden wollen, brauchen schmale Gelenke. Was den alten Freund zum Henker machte.
Irgenein Pelztier muß auftauchen und reden, so wie Blooms Katze im Ulysses oder die Gamecat bei Jeff Noon in Nymphomation. Sprache darf knacken. Erstmal einen Raum ausstatten, Personen hinzufügen, dann Dialog und im Dialog muß sich die nächste Szene vorankündigen, eine Überleitung, dann nächste Einstellung. Wie einen Film mit Kameraeinstellungen imaginieren – mein visuelles Vermögen ist besser entwickelt als das logische. Jede Figur hat sowohl ein Angebot als auch ein Bedürfnis, die allererste Vorstellung der Figur sollte beides schon mal heimlich implizieren. Nichts ist zu blöd, um es erst einmal hinzuschreiben. Manchmal sprechen mehrere Leute im Hintergrund, während vorne irgendwas passiert; die Stimmen im Hintergrund könnten kollagiert sein. Von Assoziationen allein jedenfalls wird niemand satt.

19 Gedanken zu „Farah Days Tagebuch, 9

  1. „Fassen Sie alle Bücher und Filme, die es geben könnte oder gibt, in einem Text zusammen, der aus Fragen und Behauptungen besteht, die Bilder und Wünsche hervorrufen!“ So ungefähr muß die selbstgestellte Aufgabe gelautet haben, oder? Eine Achterbahnfahrt ist nix dagegen!

    • Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut, manche sagen sogar, es sei immer noch nicht fertig. Wenn Farah aber jeden Tag nur vier Seiten schaffte, müßte es in gut 20 Jahren geschafft sein, und das hört sich doch ganz realistisch an, gelle! 😉 Also keine Unstetigkeit vortäuschen!

    • Weiß ich ja, liebe Phyllis, und mit dem Aufschreiben ist es ja noch nicht getan, es muß auch noch überarbeitet und schließlich präsentiert werden, wenn es denn überhaupt eine einzige Seele interessiert. Das schreibende Leben ist ein Jammerjammerjammertal, fürwahr. Also weiter im Text! [;-)]

    • Das Zahnärztliche scheint ohnehin zu einem Frauenberuf zu werden, was mir ganz recht ist, denn weibliche Ärzte sind selten zynisch und können einen, wenigstens im Falle der Zahnärztinnen, auf Krankenkassenkosten an den Busen drücken, wenn sie bohren. Obwohl: Bohren muß nicht wirklich sein.

    • War ja klar, daß Sie diese Bemerkung machen, weil Sie sich als Frau sicher fühlen, mmhmmh, und im Notfall können Sie immer noch sagen, ich hätte angefangen mit diesem, ach Sie wissen schon – dabei habe ich nur die altbekannte, in der Antike ersonnene Methode der Mäeutik, eine gewisse Sokratine aus Athen hat die erfunden, auf Sie angewandt. Aber grämen Sie sich nicht, wir denken alle dasselbe, ganz gleich, ob wir schweigen oder nicht 😉 http://de.wikipedia.org/wiki/Mäeutik

    • Erstens: Ich würde immer behaupten, S i e hätten angefangen! ; )
      Zweitens, Ihrem Link folgend: Die Mäeutik klingt interessant. Obwohl mich das zugrunde liegende Bild des Gebärens samt Hebamme und allem drum und dran irgendwie zurückzucken lässt – ich seh‘ da immer zu viel Blut und Schmerzen.
      Und drittens: Wenn überhaupt, dann lieber Vergrämen als Grämen! ; )

    • Selbstverständlich habe ich angefangen, mit was auch immer, denn nur so geht man in die Geschichtsbücher ein, und was den Sokrates mit seiner Mäeutik betrifft, so konnte ich den Typen noch nie leiden, weil stinkend, selbstgerecht, diebisch, verschlagen und frauenfeindlich – er hat seine Frau Xanthippe immer schlecht gemacht, obwohl sie eine ganz Nette war, und ist dann mit so einer Seherin fremdgegangen, wahrscheinlich weil die größere … ach, Sie wissen schon. Jedenfalls ist das alles eine komische Geschichte mit dem schmerzhaften aber blutungsfreien Gedankengebären von Männern mitten auf der Agora. Obszön, sowas!

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