Vierzig mal Vierzig

Kleine Stehlampe, Messingfuß (schief), gelbes Stoffschirmchen, Fransen, zwanzig Watt, sonst brennt der Schirm durch: Von der Land-Oma. Parfümflacons: Die leeren zeugen von alten Liebesgeschichten, die vollen von gegenwärtigen. Das neueste Parfüm ist mir das liebste und gleichzeitig das erste, auf das ich gewartet habe. Eine fast leere Flasche Rasierwasser, „Colt 45“, mein Vater trug es in seinen mittleren Jahren. Der Stiletto aus geschwärztem Silber mit Samteinsätzen, in dem meine Ringe stecken: von einer Herzensfreundin. Die schwere Schale aus geschnittenem Glas stammt von der „Anrichte“ meiner Oma. (Ja, der Landoma.) Von der anderen, vornehmen, die mintfarbene, sehr fein gearbeitete Pillendose aus Emaille und das aufklappbare, edelsteinverzierte Mäppchen aus Gold, in das man ein Streichholzbriefchen schieben kann. (Mein Großvater, Zigarrenraucher, trug es an einer Goldkette in seiner Westentasche)
In einer winzigen messingfarbenen Dose verwahre ich eine Haarsträhne, die ich meinem Vater nach langem Zögern während der Totenwache abnahm. (Rechts im Nacken. Man hat es nicht gesehen.)
In dem sandfarbenen Lederbeutel rechts daneben, der sich oben zuziehen lässt, vermachte mir meine Mutter einen Ring, den mein Vater ihr geschenkt hat. Lange her. Er hatte auf einer seinen langen Strandwanderungen ein großes Stück Bernstein gefunden und es in Silber fassen lassen. Etwas Meerschaum ist darin eingeschlossen. Der Beutel ist leer, weil ich den Ring fast immer trage. Ein runder Behälter, in dem sich drei Schnapsgläser meines Großvaters verbergen, ein großes, ein mittleres und ein kleines, sehr dünnwandig alle drei. Damit sie nicht zu Bruch gehen, steckt jedes in einer inzwischen arg verschlissenen Korkhülle. Die Glasschale hat keinen Deckel. Damit sich die Schmuckstücke, die ich darin verwahre, nicht verfärben, habe ich ein mit Lavendel gefülltes Brokatkissen darauf gelegt, das aus dem Kleiderschrank meiner vornehmen Großmutter stammt. Der Schmuck in der Schale stammt von elf verschiedenen Menschen, die mir wichtig sind. Einige davon sind inzwischen im Himmel. Die Freundin, die mir den silbernen Granatapfel schenkte, habe ich viel zu lange nicht mehr gesehen. Die Freundin, der ich das mit einem „G“ gravierte Parfümfläschchen schenken wollte, ist inzwischen keine mehr; sie hat es nicht rechtzeitig bekommen. (Doch ich werde es behalten, anstatt es einer anderen Frau zu schenken, deren Vorname so beginnt.)

– Sie fragen sich vielleicht, warum ich von diesen Dingen erzähle. Na, zum einen, weil mein Blick von hier aus auf dieses Nachttischchen fällt, auf diese vierzig mal vierzig Zentimeter große Fläche, auf der sich die Objekte befinden. Auf diesem Tisch sind bestimmt hundert Erzählungen versammelt! Doch, bisher, alle privat. Sie müssten fiktionalisiert werden, zumindest ins Poetische überführt – um die Intimsphäre jener, die in ihnen leben, nicht offenzulegen.
Genau das ist es, worüber ich in letzter Zeit oft nachdenke. Es gibt verdammt vieles, das ich aus Gründen der Diskretion auf TT ausklammere, weil ich keine künstlerische Form finde – schon gar nicht, wenn die Zeit mir so wegschmilzt wie in den vergangenen Monaten.
Ich bin auch nicht schnell beim Schreiben.
Führte ich Tagebuch, so wie vor TT, ich würde die fünffache Menge an Text produzieren in der gleichen Zeit! Ich sitze auf einem Haufen Tagebüchern, so an die zweitausend Seiten aus früheren Jahren. Doch die sind direkt, offenherzig – ich kann sie nur als Rohmaterial verwenden. Vor einiger Zeit hab’ ich sie wieder in die Hand genommen. Überarbeitete Fragmente finden Sie in „Farah Days Tagebuch“. (Ganz interessant übrigens, wie gut es der Überarbeitung von Texten tut, wenn der zeitliche Abstand so groß ist: Zehn, manchmal fünfzehn Jahre. Da kann ich radikal kürzen, verändern, manchmal nur den ersten Satz behalten und den Rest ganz neu schreiben, ohne dem Text gegenüber ein schlechtes Gewissen zu haben.)
Ich möchte nicht indiskret in Bezug auf Andere sein und möglichst niemanden verletzen auf TT. Ich nenne keine realen Namen – außer jenen, die selbst im Netz präsent sind. Alles, was ich hier nicht erzähle, ist Folge dieser Vorgaben und entspricht meinem Naturell.
Für mich als Künstlerin ist das hinderlich. Für die künstlerische Arbeit ist es nicht nur hinderlich, sondern fatal. Ich darf, nach eigenen Regeln, eigentlich nur isolierte Endprodukte zeigen – nicht die Begleitumstände, die zu einer bestimmten Zeichnung, einem neuen Text oder einer neuen Rubrik geführt haben… denn da sind ja immer andere mitbeteiligt. Privatmenschen, die ich schütze. Aber vor wem? Vor Ihnen etwa, Leser:innen? Dazu gibt es keinen Grund – TT hat sich zu einem sehr zivilisierten Ort entwickelt. Ich denke trotzdem, ich verlöre das Vertrauen meiner Vertrauten und Verbündeten. Ihre Unbefangenheit. Also teile ich weiterhin das mit Ihnen, was sich mit Respekt erzählen lässt. Für die Künstlerin ist das zu wenig: Sie wird immer wieder versuchen, die Grenzen aufzuheben, die sie sich selbst gesteckt hat.

3 Gedanken zu „Vierzig mal Vierzig

  1. Schöne Beschreibung dieses wunderbar bevölkerten Nachttischchens.

    Ich frage mich, ob keine Grenze nicht auch ein Hindernis sein könnte, insofern, dass es zu wenig Reibungsfläche gäbe, ein Hindernis, an dem man sich abarbeiten kann, ob es das nicht auch braucht zum Rauskitzeln kreativer Ideen. Bräuchte es überhaupt das Künstlerinsein, wenn es nicht die Notwendigkeit gäbe, zu versuchen, die Grenzen aufzuheben, die man sich u.a. selbst gesteckt hat? Hm…

    Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten mit allem Funkelnden, was Sie so umgibt und in Ihnen steckt. 🙂

    Herzliche Grüße,
    Iris

    • Liebe Iris, keine Grenzen ist natürlich auch keine Lösung! Wie recht Sie haben. Aber – zu Ihrer Beruhigung und meiner …
      … hinter denen, die man gerade eingerissen hat, tun sich ja zuverlässig neue auf …!

      In diesem Sinne frohes Rütteln und schöne Weihnachten!

      Herzliche Grüße zurück,
      Phyllis

  2. So viele Spuren der Vergangenheit auf einem so kleinen Quadrat vereint; und zu jeder Spur führen so viele Geschichten, die sich in Ihnen vereinen – erzählbare und verschwiegene. Allesamt in der einen oder anderen Weise, annehmend oder ablehnend nämlich, identitätsbildend. Gleichgültigkeit findet darin keinen Halt.

    Ihr Quadrat, liebe Phyllis, hat als Metapher geradezu magische Wirkung. Ich kann mich darauf einlassen, mir mein eigenes Spurenquadrat zu imaginieren. Mein Quadrat wird indes nicht von (Kästchen)Beinen getragen, sondern von der stützenden Feststellung einer liebwerten Zeitgenossin (sie als Freundin zu bezeichnen, wäre eine übergriffige Vereinnahmung): Identitätbildendes kann, wenn schon in der Vergangenheit nicht auffindbar, dann doch erfunden – im Sinne von gegenwärtig definiert – werden.

    Eine innige Zeit mit den Ihnen Lieben wünsche ich.
    Der Geist sey mit Ihnen.

    Herzliche Grüße
    Hans

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